Gesundheitspolitik

„Was uns fehlt, ist eine Zukunftsvision, die Optimismus schafft“


Perspektiven  Wie müssen sich das Berufsbild des Arztes, die Art und Weise des Praktizierens und die Versorgungsstrukturen ändern, damit der Arztberuf attraktiv bleibt? Ein Interview mit Dr. Kevin Schulte, dem Sprecher des Bündnisses Junge Ärzte.


Text: Nicola Sieverling

Exzellente IT-Strukturen, eine konsequente Delegation von nicht-ärztlichen Aufgaben, mehr Mut zur Nutzung Künstlicher Intelligenz zum Wohle von Patienten und Mitarbeitern: Dr. Kevin Schulte, Assistenzarzt und Sprecher des Bündnisses JUNGE ÄRZTE (BJÄ), redet bei seinen Forderungen gern Klartext. Er weiß, wo bei seinen Kolleginnen und Kollegen der Schuh drückt. Beispielsweise bei der Kinderbetreuung und den Karrierechancen.

Eine der ersten Forderungen des BJÄ war eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Job, um den Arztberuf attraktiver zu machen. Hat sich in den vergangenen fünf Jahren etwas bewegt?

Dr. Kevin Schulte: Klare Antwort: zu wenig! Ärztin oder Arzt zu sein, erfordert ein problemorientiertes Handeln – zu jeder Zeit, nachts wie auch kurz vor Dienstschluss. Wer um Viertel vor fünf mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kommt, den interessiert es wenig, dass die Kindertagesstätte des Kardiologen um fünf Uhr schließt. Dessen Tochter interessiert es aber sehr wohl, ob sie jemand um fünf Uhr abholen kommt. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen zerreiben sich in diesem Spannungsfeld. Der Arztberuf stellt besondere Anforderungen an uns, die durch die zunehmende doppelte Berufstätigkeit in Partnerschaften noch deutlicher zu Tage treten. Wir brauchen endlich entsprechende Rahmenbedingungen, um diesen besonderen Anforderungen gerecht zu werden. 

Welche Optimierungsmöglichkeiten sind vorhanden und gibt es aus Ihrer Sicht Vorbildkonzepte in unseren Nachbarländern?

Dr. Kevin Schulte: Wir brauchen flächendeckend exzellente Betriebskindertagesstätten und -kindergärten und Konzepte, die, so gut es geht, zu verlässlichen Arbeitszeiten führen. Ein interessantes Konzept sind beispielsweise Flexidienste, also Dienste, bei denen man sich darauf einstellen muss, dass die Arbeitszeit fließend endet. So wird der unkalkulierbare Klinikalltag für den Einzelnen besser planbar, da klar ist, dass man pünktlich nach Hause kommt, wenn man eben keinen Flexidienst hat. Auch interessant finde ich die Idee von Porsche oder Bosch, ihren Mitarbeitern einen professionellen Service zur Vermittlung von Haushalts-, Betreuungs- oder Pflegeleistung anzubieten. Meiner Erfahrung nach gibt es Kolleginnen und Kollegen, deren Kompetenzschwerpunkt vor allem im Medizinisch-fachlichen liegt und die es sehr schätzen, wenn ihnen jemand hilft, eine verlässliche Kinderfrau oder Haushaltshilfe zu organisieren. 

Junge Ärzte wollen mehr forschen, doch es fehlt die Zeit dafür. Wie können hierfür Freiräume geschaffen werden?

Dr. Kevin Schulte: In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren – und hier bin ich stolz zu sagen, eben auch wegen des BJÄ – einiges getan. An vielen Hochschulen wurde Clinician-Scientist-Programme aufgelegt, die wissenschaftliches und klinisches Arbeiten strukturiert miteinander verbinden. Das ist eine gute Entwicklung. Klar ist aber auch: Weltklasse ist das alles noch nicht! 

Forschung ist die Grundlage für den medizinischen Fortschritt: Verliert Deutschland den Anschluss, wenn unser System diese Arbeit so wenig fördert? 

Dr. Kevin Schulte: Ich glaube, die eigentliche Frage ist die, welche Rolle wir als Land in diesem Punkt einnehmen wollen. Wollen wir die Grenzen des Wissens verschieben oder reicht es uns, im hinteren Teil des Innovationszugs zu sitzen? Mein Eindruck ist, dass der fortschreitende demografische Wandel unserer Gesellschaft den Innovationshunger genommen hat. Für mich und meine Kolleginnen und Kollegen trifft das aber sicher nicht zu. Man muss uns nur lassen. 

Allseits wird über zu viel Verwaltung und Dokumentation geklagt. Kommt die eigentliche ärztliche Tätigkeit zu kurz?

Dr. Kevin Schulte: Ein Drittel der Zeit verbringen wir mit dem Patienten, ein Drittel der Zeit mit der Organisation von Untersuchungen oder Ähnlichem für unsere Patienten und ein Drittel der Zeit dient dazu, unseren Dokumentationsaufgaben gerecht zu werden. Mein Traum wäre ein Verhältnis von 80:10:10. Hierfür brauchen wir exzellente IT-Strukturen, eine konsequente Delegation von nicht-ärztlichen Aufgaben – vor allem im stationären Sektor – und den gesellschaftlichen Mut, von mancher bürokratischer Dokumentationsanforderung Abstand zu nehmen. 

Was kann man tun, um den Frustpegel junger Ärzte zu senken?

Dr. Kevin Schulte: Mich stört am meisten, wenn ich meinen Patienten aus betriebs- oder systemimmanenten Gründen nicht gerecht werden kann. Vor allem dann, wenn mein erwünschtes Vorgehen auch noch volkwirtschaftlich sinnvoll wäre. Ich finde es beispielsweise unerträglich, wenn notwendige Operationen oder Behandlungen verzögert werden, um einen neuen stationären Abrechnungsfall für die Klinik zu generieren. Hierfür gibt es den neuen Begriff „moral injury“, der mir gut gefällt. Unser Gesundheitssystem zwingt uns über die gegebenen Spielregeln zu Handlungsweisen, denen wir uns nicht erwehren können, die aber unser moralisches Werteverständnis verletzen. Das müssen wir ändern! 

Sind die starren Hierarchiestrukturen im Klinikbetrieb ein großes Problem? 

Dr. Kevin Schulte: Ich persönlich habe mir immer gute Chefs ausgesucht (lacht) und die Strukturen nicht als quälend erlebt. Ich glaube, dass wir eher ein Kultur- als ein Strukturproblem haben. Viele leitende Ärztinnen und Ärzte denken, ihre Aufgabe wäre es, fachlich in jeder Hinsicht zu bestechen, und vernachlässigen dadurch oft ihre Aufgabe als Dirigenten des ärztlichen Teams. Gerade in Zeiten, in denen Betriebswissenschaftler in das Gesundheitswesen drängen und uns mit ihren Kennzahlen beglücken, ist es wichtig, dass wir gute ärztliche Führungskräfte haben. Führungskräfte eben, die den Behandlungsprozess patientenorientiert und nicht kennzahlgeleitet organisieren können. 

Findet eine Karriereförderung statt oder werden die Aufstiegschancen ambitionierter junger Ärztinnen und Ärzte eher begrenzt?

Dr. Kevin Schulte: Das ist ein interessantes Thema. Wir haben vor Kurzem in einer Umfrage festgestellt, dass kaum noch junge Ärztinnen oder Ärzte das Karriereziel „Chefärztin oder Chefarzt“ haben. Das finde ich alarmierend. Aus meiner Sicht liegt es daran, dass der Einflussbereich von leitenden Ärztinnen und Ärzten in der Vergangenheit deutlich eingeschränkt wurde, während gleichzeitig die Erwartungen an sie gestiegen sind. Dieses Spannungsverhältnis ist kaum noch befriedigend auflösbar. 

Welche klassischen Vorurteile begegnen jungen Ärzten?

Dr. Kevin Schulte: Ich kann die Mär, den jungen Ärztinnen und Ärzten von heute ginge es in erster Linie um sich und ihre Hobbies und erst in zweiter Linie um ihre Patienten, nicht mehr hören! Meine Frau und ich arbeiten Woche für Woche mehr als hundert Stunden für unser Gesundheitssystem. Wenn ich dann um 15 Uhr nach einem Frühdienst meine Tochter von der Kita abhole und mir am nächsten Tag von einem älteren Kollegen, dessen Frau wohlgemerkt ihr Leben im Heimischen verbracht hat, anhören muss, früher hätte es so eine Laissez-faire-Einstellung nicht gegeben, dann muss ich schon um meine Contenance kämpfen. 

„Die jungen Ärzte“ lautet der Titel einer erfolgreichen ARD-Serie, die mit vielen Klischees spielt. Bekommen Sie davon Kopfschmerzen oder reagieren Sie eher belustigt auf diese Geschichten?

Dr. Kevin Schulte: Arztserien zeigen uns, wie sich unsere Gesellschaft Krankenhäuser wünscht: Immer steht die Menschlichkeit im Mittelpunkt, nie ist der Arzt um ein paar mitfühlende Worte verlegen. Lachen Sie nicht – ich glaube fast „Die Schwarzwaldklinik“ sollte obligater Teil der ärztlichen Weiterbildung werden, weil sie uns hilft, die Perspektive unserer Patienten nicht zu vergessen. Allerdings ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit leider groß. Wir kämpfen im Alltag darum, dass unsere Patienten nicht stundenlang auf uns warten müssen und haben kaum Zeit, uns ihrer persönlichen Sorgen anzunehmen. Mein Eindruck ist, dass die aktuelle Situation nicht dem Willen unserer Bevölkerung entspricht – hierüber müssten wir mehr öffentlich diskutieren.

Die Medizin befindet sich durch die Digitalisierung in einem großen Wandel. Gleichwohl drängt sich der Eindruck auf, dass viele Kliniken das Potenzial nicht erkannt haben. Wie sehen Sie das? 

Dr. Kevin Schulte: In meiner Klinik basierte das IT-Netzwerk bis vor wenigen Wochen noch auf Kupferkabeln. Nicht, weil unser ärztlicher Vorstand ignorant ist, sondern weil das Land seiner Investitionsverpflichtung nicht nachgekommen ist. Der Hemmschuh in puncto Digitalisierung ist die Politik und nicht die Ärzteschaft. Mit einer guten digitalen Infrastruktur als Basis – das betrifft nicht nur das Gesundheitswesen – müssten wir diese Diskussion überhaupt nicht führen.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern das Denken und Handeln im Klinikbetrieb. Welche Potentiale sehen Sie?

Dr. Kevin Schulte: Wir werden die zunehmende Komplexität sowie die künftig steigenden Fallzahlen nur mithilfe von schlauen Lösungen bewältigen können. Deswegen darf Innovationsangst keinen Platz haben. Um konkreter zu werden: Ich könnte mir gut vorstellen, dass KI mich bei der Bewältigung von Dokumentations- oder Organisationsprozessen unterstützt oder mir systematisch entscheidungsrelevante Informationen zur Verfügung stellt. 

Wie werden Patienten und Angehörige profitieren? 

Dr. Kevin Schulte: Ich habe keinen Zweifel: Richtig eingesetzt wird KI die Behandlungsqualität steigern. Wir sehen das doch heute schon, beispielsweise an den IT-Programmen, die die Medikationslisten unserer Patienten auf Interaktionen prüfen. Bestimmte Datenmengen können wir einfach nicht in einer vertretbaren Zeit analysieren. Das gilt auch für sehr komplexe Behandlungsfälle, deren Akten häufig Hunderte von Seiten umfassen. Es ist im Alltag nicht leistbar, sie alle zu lesen, vielleicht aber für den Patienten lebenswichtig. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn ein IT-Algorithmus helfen würde, diese Datensätze nach wichtigen Informationen zu filtern. Betrachtet man diese Beispiele, so wird meines Erachtens klar: Wir haben sogar eine moralische Pflicht, uns dem Fortschritt nicht zu verweigern. 

Ist eine KI-Medizin mit dem ärztlichen Ethos vereinbar und welche Auswirkungen hat die neue Technologie auf die Rolle des Arztes? 

Dr. Kevin Schulte: Medizinische Entscheidungen müssen nachvollziehbar und verantwortbar bleiben. Nachvollziehbar, damit eine nicht im Patienteninteresse liegende Einflussnahme Dritter erkannt werden kann. Das erscheint mir vor allem in der Onkologie relevant, wo die Entscheidungspfade immer komplexer werden und quasi nach KI schreien. Gerade hier ist allein der Verdacht, dass beispielsweise eine Pharmafirma Einfluss auf die Programmierung eines hochkomplexen Entscheidungsalgorithmus genommen haben könnte, unerträglich. Verantwortbar, weil die Qualität von Prozessen steigt, wenn jemand die Gesamtverantwortung trägt und damit rechnen muss, dass er persönlich zur Rechenschaft gezogen werden kann. Diese Verantwortung muss in den Händen der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes bleiben. 

Wie muss sich die Medizinerausbildung ändern, um die Veränderungen optimal integrieren zu können?

Dr. Kevin Schulte: Aus unserer Sicht muss KI-Kompetenz Inhalt der ärztlichen Aus- und Weiterbildung werden. Neben Anatomie und Biochemie müssen wir zukünftig zumindest in Grundzügen die Prinzipien von KI verstehen, um sie vernünftig anwenden zu können.

Welche Hoffnungen verbindet das Bündnis mit den Errungenschaften der Künstlichen Intelligenz?

Dr. Kevin Schulte: Was uns zurzeit fehlt, ist eine Zukunftsvision, die Optimismus schafft. Wie oft höre ich im Krankenhaus: „Früher konnten wir das noch leisten, mit der heutigen Personaldecke ist das aber nicht mehr drin.“ Ich bin der festen Überzeugung, dass ein positives, erreichbares Ziel, wie die Gesundheitsversorgung in Deutschland im Jahr 2025 aussehen soll, bei vielen eine große Tatkraft freisetzen würde. Meine Hoffnung ist, dass es uns gelingt, mit den Chancen, die die KI bietet, eine derartige Vision formulieren zu können. 

Letzte Frage: Wenn Sie einen Tag lang im Büro von Gesundheitsminister Jens Spahn das Zepter schwingen dürften, was würden Sie als erstes anpacken?

Dr. Kevin Schulte: Ich würde eine Kommission gründen, die sich der Frage widmet: „Wie können wir die 370 Milliarden Euro, die in unserem Gesundheitswesen stecken, mit dem meisten Nutzen für die Patienten einsetzen?“ So unangenehm es auch ist, wir müssen endlich die vorhandene Mittelknappheit anerkennen. Das aktuell geltende, stellenweise unbegrenzte Leistungsversprechen ist nicht erfüllbar, was im Alltag zu einer unstrukturierten Priorisierung führt. Dieses Versprechen muss durch eine politisch legitimierte nutzenorientierte Mittelverwendung ersetzt werden.

Dr. Kevin Schulte

ist Assistenzarzt der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel; Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V. (BDI); Mitinitiator und Sprecher des Bündnisses JUNGE ÄRZTE; Studium von Humanmedizin, BWL und betrieblichem Management.

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