Gastkommentar

Unterschätzte Patienten


Die Krankenkassen werfen den Ärzten vor, die Versicherten mit IGeL-Leistungen über den Tisch zu ziehen. Der Generalverdacht ist unangebracht.


Text: Dr. Dorothea Siems

Für die einen sind es Zusatzangebote, die eine bessere Versorgung vieler Patienten ermöglichen, für die anderen ist das Ganze reine Abzockerei: die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Das Thema ist zwischen den verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens umstritten wie kaum ein anderes. Während vor allem die Krankenkassen, aber auch etliche Politiker gebetsmühlenartig kritisieren, dass ein Großteil der angebotenen Leistungen nutzlos bis schädlich sei, sieht man das in der Ärzteschaft ganz anders. Die Mediziner fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und werfen ihrerseits den Kassen vor, die IGeL-Leistungen mit Absicht unvollständig und einseitig negativ darzustellen.

Die Selbstzahler-Angebote sind ein Wachstumsmarkt, der schon heute ein Volumen von über einer Milliarde Euro pro Jahr umfasst. Das Spektrum der von Ärzten, Zahnärzten und Psychotherapeuten angebotenen Leistungen reicht von Reiseimpfungen über Paartherapien bis hin zu Schönheitsoperationen oder dem Entfernen von Tätowierungen. Der größte Teil aber sind Vorsorgeuntersuchungen wie etwa ein Ultraschall der Brust oder die Glaukom-Früherkennung. Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt die Krankenkasse die Kosten, doch im Normalfall muss der Patient die Leistung aus eigener Tasche zahlen. 

Für AOK & Co. liegt das Grundproblem bei IGeL darin, dass die Patienten nicht auf Augenhöhe mit dem Arzt verhandeln könnten: Zum einen habe der Mediziner einen Wissensvorsprung, zum anderen sei den meisten Versicherten die eigene Gesundheit naturgemäß viel Geld wert. Auch wenn dieses Argument nicht von der Hand zu weisen ist – es sticht trotzdem nicht. Denn das Bild vom unmündigen Patienten, das die Kassen hier zeichnen, entspricht keineswegs der Realität. Im Regelfall sind es überwiegend die besser situierten Menschen, denen die Ärzte Zusatzleistungen anbieten. Diese Personen sind auch in anderen Lebenslagen in der Lage, sich zu informieren, Angebote auf Kosten und Nutzen zu prüfen und dann zu entscheiden. Gerade weil es bei IGeL nicht um Leben und Tod geht, sondern um Leistungen, die über den allgemeinen Katalog der Krankenkassen hinausgehen, sollte der Gesetzgeber hier keine Einschränkungen erwägen. Selbstverständlich dürfen die angebotenen Behandlungen nicht gesundheitsschädigend sein, denn dann müssten sie schließlich gänzlich verboten sein. Doch allein die Tatsache, dass ein medizinischer Nutzen (noch) nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, reicht nicht. Schließlich gibt es etliche Beispiele dafür, dass einstige IGeL-Leistungen Jahre später zu Kassenleistungen wurden, wie dies etwa seit kurzem für die Stoßwellentherapie beim Fersenschmerz geschehen ist. Auch über den Nutzen von Akupunktur oder Homöopathie lässt sich trefflich streiten – die Kassen aber übernehmen die Kosten inzwischen dennoch oft. Dagegen hat man rezeptfreie Medikamente 2003 im Zuge von Sparmaßnahmen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen, obwohl einige dieser Arzneien eindeutig wirksam sind. Wenn der Patient über Erkältungsmittel und Magenpillen eigenverantwortlich entscheiden darf, warum soll dies bei ärztlichen Zusatzleistungen ein Problem sein?

Sich in dem Dschungel der über 300 IGeL-Leistungen zurecht zu finden, ist manchen Patienten zu mühsam. Sie vertrauen bei ihrer Entscheidung ihrem Arzt. Wenn Mediziner das ausnutzen, um den Menschen Überflüssiges aufzuschwatzen, laufen sie – gerade in Zeiten des Internets – Gefahr, dass sie ihre Patienten an seriöser arbeitende Kollegen verlieren. Krankenkassen und Gesundheitspolitiker sind gut beraten, Patienten nicht zu unterschätzen, sondern sie als mündige Bürger zu akzeptieren, für die IGeL einfach ein Stück mehr Wahlfreiheit bedeutet.

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