PVS-Positionen

Eine Frage der Wertschätzung


Tilgners Bericht aus Berlin  Gesundheitspolitik wird immer mehr zu einem Regulierungsinstrument. Bundesminister Spahn befindet sich offenbar in einem Wettlauf zu neuen Rekorden bei Gesetzen und Verordnungen. Kann das einer guten Versorgung dienen?


Text: Stefan Tilgner

Seit Jahren wird über Ärztemangel debattiert – besonders in ländlichen Regionen. Parallel dazu ist das Durchschnittsalter der Mediziner in der vertragsärztlichen Versorgung in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich von rund 51,6 auf 54,2 Jahre gestiegen. Insbesondere bei den Hausärzten ist der Anteil der über 60-Jährigen besonders hoch, er liegt bei 34,7 Prozent. Kurzum: Es droht ein Notstand. 

Junge Ärzte denken immer weniger an die Perspektive, sich mit eigener Praxis niederzulassen. Die Gründe sind vor allem in einer Politik zu suchen, die dem freien Beruf des Arztes immer weitere Regulierungsmechanismen aufzwingt und gleichzeitig das wirtschaftliche Risiko für angehende Praxisinhaber zunehmend unüberschaubar gestaltet.

Während Gesundheitsminister Jens Spahn versucht, weltweit Pflegekräfte anzuwerben, wirkt sich die Praxis der von ihm auf den Weg gebrachten Gesetze für die Mediziner immer nachteiliger aus. Besonders das Gesetz, das Patienten eine schnellere Terminvergabe in Arztpraxen ermöglichen sollte (TVSG), hat bislang für Patienten keine erkennbaren Vorteile gebracht. Aus ärztlicher Sicht hingegen hat es die Möglichkeiten der Versorgungsgestaltung nicht unerheblich eingeschränkt. Mit Spahns Drang, die Digitalisierung voranzutreiben, sieht es kaum besser aus. Die nötige Hardware geht zulasten des Arztes. Dabei fehlen noch immer einheitliche Formate und Schnittstellen, die letztendlich die aufgezwungene Investition noch halbwegs rechtfertigen könnten.

Mit der Patientenakte, die der Gesetzgeber ab 2021 zwingend auf den Weg bringen will, verhält es sich ähnlich: „Durch sie erhalten Ärzte mehr Informationen, die Patienten erhalten einen besseren Einblick in ihre Gesundheitsdaten und Doppeluntersuchungen können vermieden werden, was zu einer geringeren Belastung der Patienten führt“, heißt es da so schön auf der Webseite des Gesundheitsministers. Wie praxisfern eine erfolgreiche Anwendung von Patientenakten ab 2021 ist und wie sehr die Datensammlung zunächst zulasten der Ärzte laufen wird, verschweigt man. Scheinbar geht es immer mehr um politische Effekthascherei. Wenig hört man dagegen von Bemühungen, dem Arzt den entsprechenden Freiraum für die Versorgung zu schaffen.

Was also läuft schief in der aktuellen Gesundheitspolitik? Wie kann es sein, dass einer der schönsten und sozialsten Berufe in unserer Gesellschaft eine problematische Entwicklung zu nehmen droht? Hierzu einige Thesen:

Wertschätzung

Die Notwendigkeit, die Ressourcen des Gesundheitswesens ökonomisch klug einzusetzen, wird von der Ärzteschaft zu Recht als Kernaufgabe erfasst. So ist auch die Frage der Honorare kein Entscheidungskriterium, vielleicht nicht Arzt zu werden. Wertschätzung muss sich in den Rahmenbedingungen für die Ausübung des Berufes abbilden. Statt mehr Regulierung mehr Freiheit, das schafft eine Atmosphäre, in der die Ausübung des Arztberufes inklusive aller Möglichkeiten, die der medizinisch-technische Fortschritt bietet, wieder attraktiver wird. Diese Wertschätzung ist ein gesellschaftlicher Prozess, der von der Politik angestoßen werden kann. Wenn Ärzte dabei dann als Gestalter in Kooperation mit ihren Patienten gesehen werden, lassen sich viele Probleme lösen.

Finanzierung

Natürlich ist es eine Illusion, dass ein Gesundheitssystem sich vorwiegend aus den ethisch-moralischen Grundsätzen der Ärzteschaft nähren kann und muss. Medizinischer Fortschritt und eine zukunftsorientierte Versorgung müssen und können auch bezahlt werden. Die Frage ist allerdings, ob das enge Korsett der solidarischen Kassenfinanzierung dies auf Dauer allein trägt. Schon jetzt finanzieren die privaten Versicherungen ja deutlich mit, indem sie den Ärzten Investitionen in moderne Versorgungstechnik erst ermöglichen. Das Thema Eigenverantwortung verdiente unter diesem Aspekt einen wesentlich höheren Stellenwert. Das heißt keineswegs, dass der solidarische Grundgedanke aufgegeben wird. Fakt ist jedoch, dass der Bürger bereit ist, mehr in seine Gesundheit zu investieren, wenn er den Rahmen dazu frei gestalten kann. Die Gesundheitspolitik sollte über Anreize nachdenken, mit denen Eigenverantwortung und die Bereitschaft des Einzelnen gestärkt werden, mehr für seine Gesundheit zu tun. Die Formel, dass keiner haben soll, was nicht jeder bekommen kann, ist absolut kontraproduktiv.

Fortschritt

Die von politischer Seite gelegentlich zu hörenden Äußerungen, Ärzte sperrten sich zu sehr gegen die digitale Entwicklung, sind schlicht unsinnig. Ja, die Institutionen der Ärzteschaft haben sicherlich dort gebremst, wo es um die Daten der Patienten geht. Diese könnten einer Versorgungsforschung dienen, die am Ende nur weitere Regulierung und Sparmaßnahmen des Systems rechtfertigen soll. Ärzte sind keine Gegner der Digitalisierung. Aber Digitalisierung sollte ausschließlich und unmittelbar der Versorgung dienen. Das kann auch eine Patientenakte, jedenfalls dann, wenn es einheitliche Technik gibt und über einen langen Zeitraum relevante Daten gesammelt werden, über die ausschließlich der Patient in Kooperation mit dem Arzt seines Vertrauens entscheidet. Ideen wie die „App vom Arzt“ sind zwar nett populistisch, im Versorgungsalltag allerdings noch eine Idee mit wenig Relevanz. Die Betreuung via App ist schlicht noch Zukunftsmusik. Dagegen gibt es viele digitale Möglichkeiten, den Praxisalltag effektiver zu gestalten. Hier stellt sich aber meist die Frage der Finanzierung. Könnte die Politik da nicht kreativer sein?

Vertrauenskultur

Krankenversorgung ist in erster Linie eine Frage des Vertrauens zu den Heilschaffenden. Besonders kontraproduktiv ist es deshalb, die Heilberufe einer rein ökonomischen oder organisatorischen Betrachtung zu unterziehen. Die Begriffe „Gesundheitsmanagement“ und „Steuerung von Leistungserbringern“ zeichnen ein Bild, das es vielen angehenden Medizinern und Pflegekräften immer unattraktiver erscheinen lässt, einer gefühlten Berufung zu folgen. Noch ist das Grundvertrauen im gesellschaftlichen Bewusstsein vorhanden. Es macht noch immer eine Besonderheit unseres Gesundheitswesens aus. Allerdings droht es, seinen Wert zu verlieren, wenn den Heilerbringern nicht der entsprechende Rahmen für ihre Berufung erhalten wird. Hier sollte ein erstes Primat der Gesundheitspolitik liegen, nicht aber im Wettlauf um immer mehr Rekorde bei der Verabschiedung von Gesetzen und Vorschriften.

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