Praxismanagement

Kinderheldin: Ein echter Mehrwert


Teleportale  Kinderheldin ist ein Teleportal, das Schwangeren und jungen Eltern Beratung on demand bietet. Zifferdrei sprach mit Gründer und Geschäftsführer Dr. Paul Hadrossek über Chancen und Risiken eines solchen Angebotes und die Versorgungsstrukturen von morgen.


Text: Nicola Sieverling

Die telemedizinische Beratung kann das medizinische Versorgungsnetz entlasten und dazu beitragen, Patienten besser, bedarfsgerechter und individueller zu betreuen. Dr. Paul Hadrossek, der 2017 das Fach-Teleportal Kinderheldin für Schwangere und junge Eltern gründete, appelliert, digitale Lösungen als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Der Zahnmediziner ermuntert Kollegen, diesen Wandel in der Gesundheitsversorgung sinnvoll für sich zu nutzen und nennt drei Punkte, die für den Erfolg eines solchen Vorhabens entscheidend sind.


Kinderheldin und Heartbeat Labs für digitale Lösungen

Dr. Paul Hadrossek ist Gründer und Geschäftsführer des Telemedizinportals Kinderheldin. Der Zahnmediziner interessiert sich schon lange für die Fragestellung, wie zukünftige Versorgungsstrukturen in der Medizin patientenzentrierter, effizienter und zeitgleich qualitätsorientierter gestaltet werden können. Praktische Erfahrung sammelte er bei der Gründung und dem dreijährigen strukturellen Auf- und Ausbau eines zahnmedizinischen Versorgungszentrums im Kammerbereich Westfalen-Lippe.

Anfang 2017 führte ihn sein Weg nach Berlin, um die Gründung der Digital Health Plattform Heartbeat Labs zu betreuen. Mit einem Team aus erfahrenen Gründern, Branchen- und Digitalexperten treibt das Berliner Unternehmen die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft voran. Um die Patientenversorgung zu verbessern, gründet Heartbeat Labs eigene digitale Lösungen, investiert in bestehende Digital-Health-Unternehmen und ist Partner für etablierte Player im Gesundheitsmarkt.

Zusammen mit Heartbeat Labs gründete Hadrossek Ende 2017 das Telemedizin-Start-up Kinderheldin, bei dem Schwangere und Eltern kleiner Kinder auf einfachem digitalem Wege fachliche Beratung on demand erhalten können.


Herr Dr. Hadrossek, eines Ihrer Ziele ist, ein unnötiges Aufsuchen von Rettungsstellen zu vermeiden. Klappt das und welche Erfahrungen machen Sie?

Hadrossek: Ein spannender Aspekt von telemedizinischer Beratung ist die Chance, eine persönliche Einschätzung einer Fachperson zu erhalten, ohne das Haus verlassen zu müssen. Gerade im Bereich von Schwangerschaft und früher Elternzeit ergeben sich viele gesundheitsrelevante Fragen, die mit Unsicherheiten verbunden sind. Am Abend oder am Wochenende entscheiden sich Eltern mitunter für die sicherste Option, also das Aufsuchen eines Arztes in der Rettungsstelle. An diesem Punkt können wir die Eltern sinnvoll unterstützen und ihnen bei der Einordnung ihrer Probleme helfen. Allerdings sehen wir uns da nicht als Gatekeeper der Notfallambulanzen. Es gibt auch die Fälle, bei denen Eltern uns am Wochenende kontaktieren und sich bei einem vermeintlichen Bagatelle-Thema kurz rückversichern wollen. Hier kann es sein, dass wir beispielsweise werdende Eltern auffordern, nicht bis Montag zu warten und unmittelbar ärztliche Versorgung in Anspruch zu nehmen. So können Komplikationen oder Folgeschäden verhindert werden.

Welche Fragen tauchen am häufigsten auf?

Hadrossek: Neben akuten Fragestellungen gibt es viele allgemeine zu Gesundheit und Prävention. Am häufigsten geht es um Stillthemen, Fragen rund um Ernährung und Schlaf sowie allgemeine Beschwerden. Hier können wir vielen Fehlinformationen aus Google-Suchen und Foren entgegentreten, um Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen. Wir müssen umdenken und mit medizinischem Wissen näher an den Patienten heranrücken. Der Patient wird wie in allen Bereichen selbstbestimmter und sollte mehr in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Mit Ihrem Angebot reagieren Sie auf den Versorgungsengpass. Kann Telemedizin auch in der ärztlichen Versorgung Engpässe reduzieren?

Hadrossek: Der Versorgungsengpass ist nicht der alleinige Grund für das Bestehen von Kinderheldin. Natürlich gibt es momentan aus verschiedenen Gründen vielerorts eine Unterversorgung durch aktive Hebammen. Daher melden sich viele Leute, die keine Hebamme gefunden haben, um zumindest den Rat einer Hebamme einzuholen. Trotzdem muss man bedenken, dass wir keine aufsuchende Hebamme ersetzen können und dies auch nicht unser Ziel ist. Wir sind kein Eins-zu-eins-Ersatz für eine fehlende Hebamme. Wir können aber grundlegende Fragen klären und werdende Eltern in bestimmten Situationen unterstützen sowie Orientierung bieten. An dieser Stelle können wir das bestehende System entlasten und den Versorgungsengpass an bestimmten Stellen verringern.

„Trotzdem muss man bedenken, dass wir keine aufsuchende Hebamme ersetzen können und dies auch nicht unser Ziel ist.“

Was können Ärzte von Ihnen lernen, die telemedizinische Angebote etablieren möchten?

Hadrossek: Es gibt in meinen Augen sehr viele verschiedene Chancen, die Gesundheitsversorgung durch telemedizinische Modelle langfristig zu verbessern. Ich kann daher nur jeden Kollegen ermutigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu fragen, welchen positiven Impact Telemedizin auf die eigene Tätigkeit haben kann. Wenn man dann selbst ein telemedizinisches Angebot etablieren will, sind aus meiner Erfahrung drei Punkte nicht zu vernachlässigen. Punkt 1: Wenn ich möglichst viele Akteure wie Patienten, Krankenkassen, Krankenhäuser, andere Kollegen und Ärztekammern finde, die in meiner Idee einen Mehrwert sehen, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit höher. Punkt 2: Man sollte sich fragen, ob es sinnvoll ist, die Idee allein umzusetzen. Hier ist die Suche nach einem geeigneten Kooperationspartner mit genügend Know-how manchmal der deutlich einfachere Weg zum Ziel. Selbst eine Klinik oder ein großes MVZ, die über gewisse Ressourcen verfügen, können sich so viel Zeit und Mühe sparen. Punkt 3: Es ist immer sinnvoll, in kleinen Etappen zu denken und Ideen schrittweise umzusetzen. Realistische Teilziele stecken, immer wieder rekapitulieren, Erfolg und Misserfolg messen, die gesammelten Erfahrungen einfließen lassen und das Ganze wieder von vorne. So entstehen sinnvolle Modelle, die einen nachhaltigen Mehrwert bieten.

Sie arbeiten mit einem On-Demand-Service: Welche Vorteile bietet das Konzept?

Hadrossek: In der heutigen Zeit sind wir es in vielen Lebensbereichen gewohnt, schnell und auf Knopfdruck Informationen zu erhalten. Durch unseren On-Demand-Ansatz können wir diesem Wunsch nachkommen und in kürzester Zeit nicht nur allgemeine Informationen, sondern auch fachliche und zugleich persönliche Beratung bieten. Selbst wenn sich ein Patient in einer guten Versorgungsituation befindet, wird er zusätzliche Informationsquellen suchen. Diese unspezifischen Informationen wollen wir durch Telemedizin eliminieren.

Telemedizin und Qualitätssicherung: Kann das funktionieren?

Hadrossek: Das funktioniert sehr gut und ist sogar ein sehr wichtiger Aspekt unserer Tätigkeit. Durch unser fest angestelltes Team aus Hebammen und unseren medizinischen Beirat arbeiten wir kontinuierlich und selbstkritisch an den Beratungsinhalten sowie der inhaltlichen und technischen Ausführung unserer Beratungen. Da wir auch hier ein Stück weit Pionierarbeit im deutschen Telemedizinsektor leisten, ist Qualität der wichtigste Parameter, den wir ständig überprüfen. Wir sehen Qualitätssicherung als Chance.

Was waren die größten Hürden, um mit den gesetzlichen Krankenkassen ins Gespräch zu kommen?

Hadrossek: Mit gesetzlichen Krankenkassen ins Gespräch zu kommen, war gar nicht mal so schwer. Wir haben zu unseren Überlegungen grundsätzlich sehr früh ein gutes Feedback erhalten und Interesse geweckt. Trotzdem war es nicht immer einfach, den richtigen Ansprechpartner in so großen Organisationen zu finden. Hier muss man mit einer Menge Arbeit rechnen und viel Zeit einplanen. Die größten Hürden kamen rückblickend im nächsten Schritt: Die Klärung von rechtlichen Aspekten und die vertragliche Umsetzung. Das deutsche Gesundheitssystem ist extrem komplex organisiert.

Sind weitere Kooperationen mit Krankenkassen geplant?

Hadrossek: Seit Kurzem sind fast 50 Krankenkassen offizielle Kooperationspartner von Kinderheldin. Um nachhaltig erfolgreich zu sein und möglichst viele Menschen mit einem digitalen Angebot zu erreichen, ist es ganz klar unser Ziel, weitere Kooperationspartner an Bord zu holen. Auch bei den privaten Krankenversicherungen suchen wir nach Partnern und führen bereits erste Gespräche über mögliche Wege einer Zusammenarbeit.

„Wir sehen viele Chancen, Engpässe in der Versorgung zu reduzieren, Fehlkonsultationen zu vermeiden und fachliche Expertise besser verfügbar zu machen.“

Wie ist es Ihnen gelungen, Krankenhäuser mit ins Boot zu holen?

Hadrossek: Krankenhäuser haben die Möglichkeit, Kinderheldin zu nutzen und nach der Entbindung ihren Patienten zur Verfügung zu stellen. Wir haben uns in der Entwicklung von Kinderheldin frühzeitig viel mit Kliniken ausgetauscht. Dort finden naturgemäß sehr viele Kontakte zu Eltern rund um die Entbindung statt und uns wurde erklärt, dass Kinderheldin auch für eine Klinik spannend sein kann. Denn unser Portal bietet einfach zu erreichende Ansprechpartner, und das bedeutet für die Kliniken die Möglichkeit, die eigenen Strukturen zu entlasten. Kliniken können ohne großen Aufwand mit uns zusammen Telemedizin in den eigenen Strukturen testen und sich über aktuelle Entwicklungen austauschen.

Wie sieht es mit der Akzeptanz bei Gynäkologen aus, deren Arbeit Sie ja ein Stück mitmachen?

Hadrossek: Die Akzeptanz bei Gynäkologen und bei Pädiatern ist sehr hoch. Es besteht reges Interesse, wir bekommen viel positives Feedback. Klar ist: Wir sind lediglich ergänzend tätig. Eine konkrete Überschneidung gibt es nicht. Pädiater und Gynäkologen klagen über hohe Arbeitsbelastung, wünschen sich Entlastung bei einfachen Nachfragen und Aufklärungsarbeit bei Fehlinformationen. Wir sehen viele Chancen, Engpässe in der Versorgung zu reduzieren, Fehlkonsultationen zu vermeiden und fachliche Expertise besser verfügbar zu machen. Wir prüfen daher erste Kooperationsmöglichkeiten mit Praxen.

Wie hat sich die Frequenz der Nachfragen seit der Gründung verändert?

Hadrossek: Gestartet sind wir als reines Selbstzahlermodell. Wie immer im deutschen Gesundheitssystem ist die Wahrnehmung bezüglich der Wertigkeit von Gesundheitsleistungen in der Bevölkerung sehr niedrig. Deshalb haben wir uns am Anfang gefragt, ob es überhaupt eine reelle Nachfrage für einen solchen Service gibt. Als wir dann das Angebot zunächst ohne eine Preisbarriere getestet haben, hatten wir eine deutlich steigende Nachfrage und konnten so den Bedarf beweisen. Seit Beginn des Jahres haben wir nun die ersten großen Kooperationspartner und damit ein kostenloses Angebot für die Versicherten an Bord. Die Beratungszahlen entwickeln sich in der Folge sehr positiv.

Herr Dr. Hadrossek, Sie selbst sind Zahnarzt. Ihr Interesse gilt den medizinischen Versorgungsstrukturen von morgen. Welche Vision haben Sie?

Hadrossek: Wir haben im deutschen Gesundheitssystem viele Leute, die Wahnsinniges leisten, aber Strukturen, die viel zu häufig dafür sorgen, dass Bemühungen einfach verpuffen. Das musste ich selbst sowohl im klinischen Umfeld als auch in der Praxis erleben. Es geht nicht nur um Energieverlust. Viel zu oft leidet auch das Ergebnis. Wir haben die Möglichkeit, durch digitale Lösungen unsere Arbeit zu vereinfachen, unnötige Aufwände zu minimieren, den Patienten noch bedarfsgerechter zu versorgen und die Versorgungsqualität zu steigern. Dazu müssen wir jedoch adaptationsfähiger für Veränderungen werden, Wandel eher als Chance und nicht als Bedrohung begreifen, und auch mal bereit sein, unsere Arbeit und unsere Strukturen selbstkritisch aus der Sicht des Patienten zu betrachten. Es ist ein Irrglaube, dass Medizin unpersönlicher wird, wenn wir Teile unserer Arbeit digitalisieren. Ganz im Gegenteil. Wir werden dadurch jeden Patienten individueller und besser betreuen können.

Hier geht es zum Portal Kinderheldin:

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