Gastkommentar

Die Not mit der Notfallversorgung


Patientensteuerung  Bundesgesundheitsminister Spahn hat ein Konzept für eine integrierte Notfallversorgung vorgelegt. Ist es zu ambitioniert?


Text: Andreas Mihm

Was ein medizinischer Notfall ist, das entscheidet zu allererst der Patient. Deshalb sind die Notaufnahmen der Krankenhäuser selbst an Wochentagen mit zu vielen Kranken verstopft, von denen viele beim niedergelassenen Allgemein- und Facharzt um die Ecke nicht schlechter, aber oft wohl schneller behandelt würden als in der Klinik. Dort ist die Versorgung in der Regel nicht nur teurer. Vor allem blockieren die scheinbaren Notfälle die schmalen Kapazitäten für die wirklichen Notfälle, in denen es um Leben oder Tod geht.

Das Problem liegt also in der Patientensteuerung. Der einfachste Weg dafür wäre eine Bezahlschranke. Wer mit einer leichten Erkrankung in die Notaufnahme der Klinik geht, müsste nicht nur lange Wartezeiten einkalkulieren, sondern auch eine Art Eintrittsgeld zahlen, zum Beispiel 20 oder 30 Euro. Die Politik schreckt vor so einer einfachen, aber sicherlich wirkungsvollen Steuerung zurück. Zu leicht würde sie sich des Vorwurfs der sozialen Ausgrenzung aussetzen. Deshalb wählt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen anderen, sehr viel komplexeren und herausfordernden Weg.

Spahn will eine integrierte Notfallversorgung schaffen, bei der der Patient möglichst digital durch das System gesteuert wird. Das fängt an bei der Notfallrufnummer 112 und der des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116.117, die beide zusammengelegt werden sollen. Am anderen Ende säßen künftig geschulte Spezialisten, die anhand eines Fragenkatalogs telefonisch eine medizinische Erstbeurteilung vornehmen und die Anrufer dann an die passenden Ärzte weiterleiten. Entweder schicken sie den Patienten zu einem Haus- oder Facharzt, der online noch freie Sprechzeiten aufweist, oder sie schicken dem Patienten den Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn nach Hause. Nicht anders wäre die Situation in der Klinik selbst. Dort würde am Tresen entschieden, ob der Patient von einem Klinikarzt oder von einem niedergelassenen (Kassen-)Arzt vor Ort behandelt wird. Das klingt plausibel und schlüssig.

Das einzige, was der neuen schönen Notfallwelt im Wege steht, ist die Realität. Die fängt bei den Rettungsdiensten von DRK bis Feuerwehr an, die von den Ländern organisiert werden. Es braucht eine Änderung des Grundgesetzes, um die sicherlich wünschenswerte und sinnvolle Harmonisierung der Rettungsdienste zu erreichen. Aber Verfassungsänderungen bedürfen in der Regel langer Beratungen im Bundestag und intensiver Abstimmungen mit den 16 Bundesländern. Stolpersteine liegen auch an anderer Stelle auf dem Weg. So sollen Krankenhäuser und Kassenärztliche Vereinigungen die neuen Notfallzentren an den Kliniken gemeinsam betreiben. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft findet das „absolut unverständlich“. Die Ärzte wiederum wollen die heute schon existierenden gut 600 Bereitschaftsdienst- oder Portalpraxen in das neue System integrieren. Und die bekannten Schwierigkeiten der Digitalisierung des Gesundheitswesens seien hier nur am Rande aufgeführt.

Das alles spricht nicht für eine zügige Lösung. Es steht eher zu befürchten, dass die Not mit der Notfallversorgung trotz oder gerade wegen des ambitionierten Spahn-Konzeptes noch eine geraume Zeit anhalten wird.

Wir verwenden auf dieser Seite Cookies. Wenn Sie auf OK klicken oder weiter diese Seite nutzen, sind Sie mit der Nutzung von Cookies einverstanden. Mehr Informationen und Möglichkeit zur Deaktivierung.