Praxismanagement

Mitarbeiterbindung als größte Herausforderung 


Fachkräftemangel Immer mehr Medizinische Fachangestellte suchen sich anderswo eine neue Herausforderung, mit weniger Stress und besserem Gehalt. Ein Interview mit der Vizepräsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe e. V., Carmen Gandila, darüber, wie es gelingen kann, gutes Personal zu halten.


Text: Nicola Sieverling

Auch wenn die Ausbildungssituation im Bereich der Medizinischen Fachangestellten (MFA) gut ist, zeichnet sich ein Fachkräftemangel ab. Die Zahl der als arbeitslos gemeldeten Fachkräfte übersteigt die Anzahl der offenen Stellen kaum noch. Um so wichtiger wird es, gutes Personal langfristig an die Praxis zu binden. Und hier zeigt sich: Lob und Anerkennung des Arztes sind und bleiben das zentrale Instrument.


Carmen Gandila

Carmen Gandila ist seit September 2014 Vizepräsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe e. V. für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Die 45-Jährige repräsentiert den Verband nach innen und nach außen als Leiterin des Ressorts Tarifpolitik. Carmen Gandila absolvierte nach ihrem Abitur ein fünfjähriges Studium der Rechtswissenschaft an der „Dr?gan“ European University of Lugoj (Rumänien). Im Jahr 2004 beendete sie die Ausbildung als Medizinische Fachangestellte. Ihre Schwerpunkte sind: Implementierung und Organisation eines Qualitätsmanagements in Arztpraxen, allgemeines Praxismanagement sowie Hygienemanagement.


Nach einer aktuellen Studie sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das wichtigste Marketinginstrument und haben das Internet sogar von der Rangliste abgelöst. Eine bemerkenswerte Entwicklung, oder?

Carmen Gandila: Für uns ist schon immer klar gewesen, dass motivierte, gut aus- und weitergebildete MFA die wichtigsten Erfolgsfaktoren einer Praxis sind. Als diese müssen sie aber auch wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Mitarbeiterwertschätzung ist das entscheidende Stichwort. 

Sie sind selbst als Vollzeitbeschäftigte in einer dermatologischen Praxis tätig. Wie nehmen Sie das Thema Mitarbeiterbindung wahr?

Gandila: Als Praxismanagerin habe ich Verantwortung in der Personalplanung. Dabei achte ich auch auf die individuellen Bedürfnisse meiner Kolleginnen und Kollegen, um persönliche Balance, die Familie und die Tätigkeit in der Praxis in Einklang zu bringen. Das ist wichtig, damit die MFA in der Praxis in der Lage sind, ihre Kompetenzen und ihr Know-how einzubringen. Dies thematisieren wir auch in den regelmäßigen Teambesprechungen, um entsprechende Lösungsvorschläge gemeinsam zu erarbeiten. 

Entscheidend ist eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit. Mit welchen Mehrwertangeboten kann das gelingen? 

Gandila: Die finanzielle Seite muss stimmen. Diese kann ergänzt werden durch betriebliche Altersvorsorge und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sowie Fahrtkostenzuschüsse. Aber auch dadurch, dass die Praxisleitung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördert und ihnen Fort- und Weiterbildungskurse anbietet, die ihren Fähigkeiten entsprechen. 

Haben Sie Best-Practice-Beispiele von erfolgreichen Motivationsprogrammen aus Arztpraxen?

Gandila: Es gibt nicht die eine Lösung. Jede Praxis hat ihre eigene Philosophie, daher ist es wichtig, auf die Bedürfnisse des Teams einzugehen. Echtes Lob vom Chef ist nach wie vor die beste Motivation. Ich denke, dass zum Beispiel auch eine konstruktive und offene Fehlerkultur in einer Arztpraxis ein Motivationsprogramm ist. Zudem ist es wichtig, Arbeitsabläufe und Dokumentationen so weit wie möglich über digitale Investitionen zu erleichtern. Das trägt dazu bei, dass eine bessere Praxisorganisation gelebt wird. Mitarbeiterzufriedenheit wird im Bereich der Praxisorganisation aber auch durch kluge Aufgabenverteilung und mehr Selbstständigkeit im jeweiligen Aufgabenbereich erzielt. Gleichzeitig sind Zusammenhalt im Team und Anerkennung der Leistungen durch den Chef, die Patienten und die Öffentlichkeit wichtig. Monetäre Anreizsysteme für die erbrachten Leistungen können, wenn sie gerecht umgesetzt werden, ebenfalls motivierend wirken. Allerdings gilt hier eine gewisse Vorsicht. Eine Umsatzbeteiligung an privaten Zusatzleistungen ist aus meiner Sicht ungünstig. MFAs und Ärzte sind keine Verkäufer.

„Es besteht Handlungsdruck nicht nur aufgrund der demografischen Entwicklung, sondern auch wegen des Arbeitskräftebedarfs.“

Brauchen wir mehr flexible Arbeitszeitmodelle für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Gandila: Familienfreundlichkeit, Fragen von flexiblen Arbeitszeitmodellen, Wiedereinstieg und Betreuungsplätze für Kinder betreffen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber auch generell ist die Work-Life-Balance wichtiger geworden und ein entscheidender Faktor im Wettbewerb um gut ausgebildetes Personal in den Praxen. Ich denke hier beispielsweise an Abendsprechstunden. Gerade bei kleineren Unternehmen wie Arztpraxen sind individuelle und kreative Ideen gefragt, die auf das jeweilige Praxisteam zugeschnitten sind.

Wie wichtig sind regelmäßige Teamgespräche und was kann damit erreicht werden?

Gandila: Regelmäßige Teambesprechungen sind selbst in der aktuellen Qualitätsmanagement-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses als konkretes Instrument vorgeschrieben. Das ist kein Zufall, denn sie sind ein effektives Instrument, um die Kommunikation zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu fördern. Sie dienen der Information und Diskussion von Aspekten der täglichen Arbeit. Hier können aber auch Praxisziele besprochen und gemeinsam Lösungen gesucht und gefunden werden. Wenn alle Mitarbeiterinnen, auch Teilzeitbeschäftigte, auf diese Weise in die Praxisarbeit einbezogen werden, ist das für sie eine wichtige Wertschätzung.

Wie angespannt ist die Lage? Steuern wir in den Arztpraxen auf einen Fachkräftemangel zu

Gandila: Bei der Zahl der Auszubildenden sieht es gut aus: Seit mehr als zwei Jahrzehnten beginnen jedes Jahr zwischen 12.000 und 15.000 vorwiegend weibliche Jugendliche eine dreijährige Ausbildung als MFA. Der anspruchsvolle Gesundheitsberuf gehört damit zu den ausbildungsstärksten in Deutschland. Trotzdem wird der Fachkräftemangel immer deutlicher. So gibt die aktuellste Statistik der Bundesarbeitsagentur für den Monat März 2019 bundesweit insgesamt 6.874 gemeldete freie Stellen an. Dem stehen 7.788 arbeitslose Medizinische Fachangestellte gegenüber. Damit hat sich die Arbeitsmarktsituation für das Fachpersonal in Arztpraxen in den vergangenen 13 Jahren grundlegend verändert. Verglichen mit den Zahlen aus dem März 2009 liegt die Arbeitslosenzahl heute um rund 50 Prozent niedriger.

Woran liegt das?

Gandila: Diese Entwicklung hängt damit zusammen, dass sehr viele MFA den Beruf verlassen. Bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage finden sie eher außerhalb des niedergelassenen Bereichs eine ruhigere Anstellung mit mehr Gehalt. Eine qualitative Studie unter MFA hat gezeigt, dass der Arbeitsstress im Verhältnis zur Belohnung besonders hoch ist. Viele von ihnen können mit ihrem Gehalt nicht unabhängig von Ehepartnern oder Eltern leben. Auch die Aufstiegsmöglichkeiten sind in der Arztpraxis begrenzt. Außerdem erinnere ich daran, dass in ambulanten Praxen – die ja auch Kleinbetriebe sind – andere arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen herrschen als im stationären Bereich. Dadurch sind die MFA von den Ärzten als Arbeitgeber und den Rahmenbedingungen besonders abhängig.

In welchen Regionen gibt es bereits einen wahrnehmbaren Fachkräftemangel?

Gandila: Eine Berufsgattung wird als Engpassberuf deklariert, wenn die Relation aus Arbeitslosen und gemeldeten offenen Stellen kleiner oder gleich 2 ist. Die Engpassrelation bei den MFA bundesweit ist kleiner als 2. Der Quotient ist bundesweit gesehen vom 6,8 im März 2008 auf 1,1 im März 2019 gesunken. Besonders eng sieht es gegenwärtig in Baden-Württemberg, Bayern und im Saarland aus. Hier liegt der Quotient unter 1,0.

„Die Honorarabschlüsse der letzten Jahre haben die allgemeine Preisentwicklung nicht abgedeckt.“ 

Welchen Einfluss hat die demografische Entwicklung?

Gandila: Es besteht Handlungsdruck nicht nur auf Grund der demografischen Entwicklung, sondern auch wegen des Arbeitskräftebedarfs. Wenn nicht entsprechend gegengesteuert wird, besteht mindestens mittelfristig die Gefahr, dass der derzeitige Personalbestand in den Arztpraxen weiterhin sinkt und die anstehenden Aufgaben in der ambulanten ärztlichen Versorgung nicht mehr angemessen bewältigt werden können. Und das wäre fatal. Wir brauchen zeitnah Maßnahmen zur Reduzierung dieser bevorstehenden Fachkräfteengpässe.

Mit welchen Maßnahmen kann gegengesteuert werden?

Gandila: Eine qualitativ bessere Ausbildung, gute Zukunftsperspektiven und Karrieremöglichkeiten im Beruf sowie eine höhere Mitarbeiterbindung sind die Herausforderungen der nächsten Jahre, um aus den derzeit bestehenden Fachkräfteengpässen keinen Fachkräftemangel werden zu lassen. Was die Finanzierung angeht, so bleiben wir bei unserer Forderung, dass hier auch die Politik gefragt ist. Genau wie im stationären Sektor sollten in den ambulanten Praxen die Kosten für Gehaltssteigerungen durch Tarifabschlüsse über Steuermittel refinanziert werden. Die Honorarabschlüsse der letzten Jahre haben die allgemeine Preisentwicklung nicht abgedeckt. Nicht zuletzt gilt es auch, die Qualität der Berufsausbildung zu verbessern. Die Verordnung über die Berufsausbildung ist seit dem 26. April 2006 in Kraft. Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft stellt die duale Ausbildung vor neue Aufgaben. Die Bundesregierung möchte generell die Berufsausbildung modernisieren und dafür das Berufsbildungsgesetz novellieren. Wir sind auf die Änderungen sehr gespannt.

Wie lautet Ihr Appell als Vizepräsidentin an die Inhaber von Arztpraxen?

Gandila: In der Stress-Studie wurden als Hauptaspekte für die hohe Arbeitsbelastung bei MFA benannt: Zeitdruck, Multitasking, ein zu geringes Gehalt, wenig Karriereaussichten und keine öffentliche Wertschätzung. Mein dringender Appell an die Inhaber von Arztpraxen kann daher nur lauten: Zahlen Sie mindestens nach Tarif – und beachten Sie dabei die Tätigkeitsgruppen – je nach Qualifikation. Zeigen Sie Wertschätzung für diesen Beruf – auch vor den Augen und Ohren der Patienten. Stellen Sie ausreichend Zeit und qualifiziertes Fachpersonal für die Ausbildung zur Verfügung. Und fördern Sie die Weiterqualifizierung Ihres Personals. So nutzen Sie die Erfahrung und die Kompetenzen Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um gemeinsam das Beste zu erreichen!

Wir verwenden auf dieser Seite Cookies. Wenn Sie auf OK klicken oder weiter diese Seite nutzen, sind Sie mit der Nutzung von Cookies einverstanden. Mehr Informationen und Möglichkeit zur Deaktivierung.