Gastkommentar

Gesundheit lernen


Arme Menschen sterben früher. Das hat allerdings weniger mit dem Geldbeutel als vielmehr mit der Bildung zu tun. Gute Vorsorge kombiniert Aufklärung und materielle Anreize.


Text: Dr. Dorothea Siems

Acht Jahre sind eine lange Zeitspanne. Acht Jahre stirbt ein armer Mann in Deutschland im Durchschnitt früher als sein Geschlechtsgenosse aus gut situierten Verhältnissen. Bei Frauen beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen der höchsten und der niedrigsten Einkommensschicht immerhin viereinhalb Jahre. In einem Land, das fast ein Drittel seiner gesamten Wirtschaftsleistung für Soziales aufwendet, wiegt der Vorwurf schwer, dass die Gesundheit noch immer vom Geldbeutel abhänge. Bei genauer Betrachtung ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung allerdings viel komplexer. Und einfache Lösungen für das Problem gibt es nicht.

Denn es hängt nicht zuletzt vom individuellen Lebensstil ab, wie lange ein Mensch lebt. Wer raucht, übermäßig Alkohol oder andere Drogen konsumiert, stark übergewichtig ist und sich wenig bewegt, der setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Zwar kennt jeder Beispiele, in denen trotz eines riskanten Lebensstils ein hohes Alter erreicht wird. Denn die genetische Veranlagung spielt ebenfalls eine große Rolle. Doch über die gesamte Bevölkerung gesehen, rächt sich auf Dauer ein selbstschädigendes Verhalten. Gerade einkommensschwachen Menschen mangelt es oft an Gesundheitsbewusstsein. Und das wiederum liegt weniger an knappen Geldmitteln als vielmehr an einer unzureichenden Bildung – und mitunter auch an mangelnder Selbstdisziplin. 

Das familiäre Umfeld, in denen Kinder aufwachsen, prägt sie für ihr ganzes Leben. Hier werden Essgewohnheiten, Körperpflege oder der Spaß an sportlicher Aktivität eingeübt. Eine vorbeugende Gesundheitspolitik muss deshalb frühzeitig intervenieren, um Erfolg zu haben, und wo nötig, familiäre Versäumnisse auszugleichen. Kindergärten und Schulen sind gefordert, noch viel umfassender als bisher über die Gefahren eines ungesunden Lebensstils zu informieren und verstärkt auch Koch- und Sportkurse anzubieten. Außerdem sollten die für Minderjährige vorgesehenen Vorsorgetermine bei Kinderärzten durch weitergehende Hilfs- und Förderangebote für bedürftige Kinder ergänzt werden. In Fällen, in denen die Eltern von solchen Möglichkeiten nicht Gebrauch machen, müssten die Jugend- und Gesundheitsämter von sich aus die Familien aufsuchen.

„Information, Bildung und Präventionsangebote sind notwendig, aber oftmals nicht ausreichend für eine gute Gesundheitsvorsorge.“

Wie die Erfahrung lehrt, sind Information, Bildung und Präventionsangebote notwendige, aber oftmals nicht hinreichende Elemente einer guten Gesundheitsvorsorge. Auch finanzielle Anreize sind sinnvoll, um einen gesünderen Lebensstil zu fördern. Dies zeigt sich exemplarisch bei der zahnärztlichen Prävention, die sich über die Jahrzehnte zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Denn hier funktioniert die Kombination von Aufklärung und finanziellen Anreizen. Die regelmäßige Zahnkontrolle ist ein Vorsorgeprogramm, das die meisten Menschen auch deshalb verinnerlicht haben, weil sie wissen, dass sie dann weniger zahlen müssen, wenn sie später einmal Zahnersatz benötigen. 

Dieses Modell ließe sich durchaus auf andere Bereiche ausweiten. So könnten die Krankenkassenbeiträge reduziert werden, wenn Versicherte an den empfohlenen Untersuchungen zur Krebsvorsorge und Früherkennung teilnehmen. Zumal diese Angebote von der Bevölkerung noch viel zu wenig angenommen werden.

Denkbar wären auch Beitragsrabatte oder andere materielle Anreize etwa für eine Raucherentwöhnung, eine Gewichtsreduktion oder regelmäßigen Sport. Allerdings ist dies ein schmaler Grat, denn niemand kann wünschen, dass jeder Bürger permanent von seiner Sozialversicherung kontrolliert wird. Und selbstverständlich dürfen in einer freiheitlichen Gesellschaft keinem Menschen medizinisch notwendige Leistungen vorenthalten werden, nur weil er zuvor Raubbau mit seiner Gesundheit getrieben hat.

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