Praxisfinanzen

Die „Geld-Roboter“ kommen


Robo-Advisor versprechen mehr Vermögen durch weniger Emotion. Einfach, transparent und günstig sollen sie sein. Aber stimmt das wirklich?


Text: Anne Nürnberger

An der Börse Geld anzulegen und es dort im besten Falle kräftig zu vermehren – das haben die meisten Deutschen bislang lieber ihrem Bankberater überlassen. Nun gibt es für alle, die sich an Aktien noch nicht herangetraut oder sogar einmal unglückliche Erfahrungen auf dem Kapitalmarkt gemacht haben, einen neuen Trend. Die „Geld-Roboter“ kommen, die Finanzberater der Künstlichen Intelligenz. 

Richtige Roboter sind die sogenannten „Robo-Advisor“, denen die Deutschen schon 2021 rund 35 Milliarden Euro anvertrauen werden – wenn es nach den optimistischen Prognosen der renommierten Unternehmensberatung Oliver Wyman geht –, natürlich nicht. Tatsächlich handelt es sich um digitale Vermögensverwalter, die den Kunden auf dem Handy, Tablet oder Computer jederzeit einen transparenten und übersichtlichen Einblick in alle Transaktionen bieten. Eine intelligente Software, die Entscheidungen per Algorithmus kühl nach Zahlen und frei von Emotionen treffen soll. Mehr als 20 dieser Finanzprogramme helfen den Deutschen aktuell beim Geldanlegen mit Strategien, die in der Regel auf den als risikoarm geltenden Indexfonds, den sogenannten ETFs, basieren. 

Darunter sind bankenunabhängige Anbieter wie Ginmon, vaamo, Whitebox oder Scalable Capital. Außerdem bieten auch Banken Robos an. Vorreiter war hier die Quirin Privatbank, die ihren Robo Quirion schon 2013 in Deutschland startete. In beiden Varianten sind die Kundendepots als Sondervermögen und das zugehörige Bankkonto durch die Einlagensicherung geschützt, auch im Fall der Pleite eines Robo-Advisors müssen Anleger also nicht um ihr Vermögen bangen.

Die Scalable-Capital-App

Eine App zum Thema interaktive Altersvorsorge gibt es inzwischen auch. Hier finden Sie mehr Informationen.

Aber kann ein Robo-Advisor wirklich besser sein als ein erfahrener Anlageberater?

Erik Podzuweit, Gründer von Scalable Capital, erklärt den Erfolg des größten deutschen Finanz-Robos so: „Bei der klassischen Bankanlageberatung, die 90 Prozent der Anleger nutzen, verdient der Berater ja über den Produktverkauf. Am Ende zahlt der Kunde dann bis zu 5 Prozent Aufgeld und 1,5 bis 2 Prozent laufende Gebühren.“

Die attraktivere Alternative sei deshalb ein Vermögensverwalter. „Das war bislang eine menschliche Dienstleistung für Anlagevermögen ab einer halben Million plus. Durch die digitale Variante, die Kundenvermögen per Algorithmus umschichtet, steht der Service nun auch klassischen Privatanlegern offen – und das zu wesentlich günstigeren Konditionen als aktive Fonds.” 0,75 Prozent des verwalteten Vermögens zahle der Kunde an Scalable Capital, also 75 Euro im Jahr, wenn er 10.000 Euro anlege. 

Scalable hat in den drei Jahren seit der Gründung weit über eine Milliarde „Assets under Management“, also verwaltete Kundengelder einsammeln können. Nicht zuletzt, weil Partner wie die große Vermögensverwaltung BlackRock, die ING Bank und Siemens mit an Bord sind.

André Bajorat ist Finanzexperte und CEO des Start-ups figo, das Bankeninfrastrukturen kundenfreundlich vernetzt.

Ist der Robo-Advisor wirklich eine attraktive Anlagealternative für alle?

„Ich glaube, genau das ist es“, sagt André Bajorat, Finanzexperte und CEO des Start-ups figo, das Bankeninfrastrukturen kundenfreundlich vernetzt. „Die Deutschen haben ja immer so eine gewisse Angst vor dem Thema Aktien und Einzelwerten. Nach dem Telekom-Crash 2001 ist diese Angst noch einmal gestiegen.“ Der Robo nehme da noch einmal mehr Risiko raus, weil er nicht nur auf einen Fonds spare, sondern aktiver steuere. „Ich finde es beispielsweise total sinnvoll, den Robo-Advisor in die Altersvorsorge miteinzubeziehen.“

Bajorat lässt deshalb aktuell gleich zwei Robo-Advisor für sich arbeiten. Einen aktiven und einen passiven. Dazu hat er noch ein Depot, das er selbst verwaltet. „Für meine favorisierten Einzelwerte.“

Passive Robos wie zum Beispiel Quirion oder vaamo verändern den Aktienanteil im Depot nach Abschluss kaum noch. Aktive wie Scalable oder Whitebox dagegen schichten das Geld der Anleger um, wenn der Algorithmus dazu rät. Risikosteuerung nennt sich das.

Wenn wenig Risiko im Kapitalmarkt ist, also wenig Schwankung, dann erhöht ein aktiver Robo die Aktienquote sukzessive. Und wenn das Risiko eine Zeitlang anhält, dann fährt er den Aktienanteil auch wieder runter. Alles völlig autonom.

André Bajorat lässt seinen aktiven Robo, der tagesaktuell Wertpapiere kauft und verkauft, einen fünfstelligen Betrag verwalten. Über beide Robo-Advisor lässt er jeweils einen Sparplan laufen, legt dort jeden Monat ein paar hundert Euro an. „Bei mir liegen der aktive und der passive Robo etwa auf demselben Niveau. Das liegt am Sparplan, der das Risiko ja auf eine ganz andere Art und Weise nivelliert.“ In Zahlen heißt das: Beide Robos liefern bislang mehr als 3 Prozent Rendite.

Schneidet der eine einmal besser oder schlechter ab, gleicht der andere es aus und umgekehrt. Es ist die Langfristigkeit der Anlage, die bei den Indexfonds im Regelfall für garantierte Gewinne sorgen soll.

„Ich finde es total sinnvoll, den Robo-Advisor in die Altersvorsorge miteinzubeziehen“, meint André Bajorat. 

„Es ist wirklich so einfach“, sagt André Bajorat. „Ich habe meine zwei Robo-Apps. Und kann mal eben meinen Sparplan aussetzen. Oder nochmal eine Einmaleinlage reinpacken. Oder auch, wenn Sie mal schnell Liquidität brauchen: Dann gehen Sie in die App und lassen sich was auszahlen.“ Das ginge zwar nicht in Realtime und brauche die typischen zwei bis drei Banktage. „Aber auch das ist möglich, wenn Sie mal eben 5.000 Euro brauchen. Dieser Self-Service ist einfach ein großer Unterschied.“

Noch sind es überwiegend ausgebildete Kunden, die ihr Geld einem Robo-Advisor anvertrauen, Banker, Wirtschaftswissenschaftler, Informatiker und Ingenieure, darunter 20 Prozent Frauen, ermittelte Scalable Capital in einer Nutzeranalyse. 

Dirk Rathjen vom Institut für Vermögensaufbau (IVA) in München hat seine Zweifel an den Robos: „Also diese Hoffnung, dass eine Maschine das besser kann als ein Mensch – bisher hat die sich nicht bestätigt.” Eine Formel sei eben auch nur so gut wie der Mensch, der sie hergestellt habe.

Dr. Dirk Rathjen arbeitet beim Institut für Vermögensaufbau in München und hat Zweifel an den Robos. Eine Formel, so sagt er, sei eben auch nur so gut wie der Mensch, der sie hergestellt habe.

Und was ist mit den Kosten?

Bajorat: „Meine persönliche Erfahrung ist: Sie sind nicht viel günstiger als zum Beispiel eine Direktbank, aber ich zahle eine andere Art von Gebühr als beim Anlageberater. Das finde ich bei den Robos deutlich transparenter für mich.“

Tatsächlich sind die Kosten- und Leistungsprofile der Robo-Advisor so unterschiedlich, dass sie in verschiedenen Tests zum Teil widersprüchlich abschneiden. Die aktuellste und sehr ausführliche Aufschlüsselung findet sich im aktuellen Test des EXtra Magazins, der führenden Publikation des deutschen ETF-Marktes, das im November 26 Robo-Advisor unter die Lupe genommen hat.

Die Auswahl des individuell sinnvollsten Robos bleibt sicherlich die aufwendigste Entscheidung. Ist diese gefällt, lotst die jeweilige App meist durch einen simplen Onboarding-Prozess. Bei Scalable beispielsweise muss der Kunde zunächst zwei Entscheidungen treffen: Wie viel Geld er anlegen möchte, 10.000 Euro oder mehr, und ob die Anlage durch einen Sparplan ergänzt werden soll. Dann wird er durch einen Fragenkatalog geführt, der Anlagehorizont, Risikotoleranz und Kapitalmarktkenntnisse ermittelt, um die geeignete Risikoklasse zu empfehlen. Diese kann der Kunde noch etwas ändern. Allerdings zu seinem eigenen Schutz nur nach unten.

„Also diese Hoffnung, dass eine Maschine das besser kann als ein Mensch – bisher hat die sich nicht bestätigt“, argumentiert Dr. Dirk Rathjen.

Ohne die Werteentwicklung der untersuchten Portfolios zu berücksichtigen, rückte die Stiftung Warentest im vergangenen Jahr einige Kritikpunkte in den Fokus: die Gebühren für den Service, die Streuung des Portfolios und die Qualität der Kundeninformation. Das nahmen die Tester in vielen Fällen zum Anlass, Robo-Advisor, die in anderen Tests sehr gut abschneiden, strenger zu bewerten. 

Am Ende vergab die Stiftung Warentest, größtenteils aufgrund der Gebühren, unter den 14 getesteten Robos mit einer Mindestanlagesumme unter 100.000 Euro nur zweimal das Urteil „gut” – an Quirion und das Start-up Whitebox.

„Viele glauben, dass Robo-Advisor immer günstiger sind”, gibt auch Dirk Rathjen zu bedenken. „Was die Gebühren betrifft, sollte man aber tatsächlich genau hinsehen. Wenn ein digitaler Vermögensverwalter ein Prozent Managementgebühr pro Jahr verlangt, darf man sich schon fragen: Wofür noch einmal genau?”

Verbraucherschützer halten aktive wie passive Robos vor allem für eine risikofreudigere Zielgruppe geeignet, die wirklich langfristig anlegen und die Kurserholung nach Verlustphasen abwarten kann. Allein weil bei einer konservativen Anlagestrategie mit geringeren Renditeaussichten die Kosten einfach mehr ins Gewicht fallen.

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