Praxismanagement

Achten Sie (auf) sich!


Arztgesundheit  Ärzte – die unverwundbaren, stets einsatzbereiten Heiler. Sie machen Überstunden, überarbeiten sich, gehen trotz Krankheit in die Praxis oder Klinik. Schluss damit, fordern Experten. Und bieten Lösungen an.


Text: Romy König

An Vorsorgeuntersuchungen erinnern, zu wahlweise mehr Bewegung oder mehr Ruhe raten, mit sanfter Bestimmtheit Suchttherapien oder Kuren empfehlen – es ist das tägliche Geschäft vieler Mediziner, Patienten auf gesundheitliche Risiken hinzuweisen und sie über richtiges, gesundheitsförderndes Verhalten aufzuklären. Doch die Ärzte selbst, das haben Studien gezeigt, übersehen oder missachten oft die Grenzen ihrer Belastbarkeit, steuern sich selbst nicht selten ins gesundheitliche Aus. Hinzu kommt: Sie thematisieren ihre eigene Befindlichkeit kaum, leisten lieber dem Mythos des immer gesunden Helfers und Heilers Folge. 

„Ein Arzt gilt als unverwundbar, als allzeit einsatzbereit und beliebig belastbar“, sagt Prof. Dr. med. Jörg Braun von der Park-Klinik Manhagen in Großhansdorf bei Hamburg. Ein kranker Arzt, so die Beobachtung des stellvertretenden Ärztlichen Direktors, sei in etwa so unvorstellbar wie ein Dentist mit künstlichem Gebiss oder ein Metzger, der sich fleischlos ernährt.

„Ein Arzt gilt als unverwundbar, als allzeit einsatzbereit und beliebig belastbar“, sagt Prof. Dr. med. Jörg Braun.

Noch mit Fieber zur Arbeit

Braun hat in seiner Laufbahn viele Ärzte erlebt, die sich um alles kümmern, nur nicht um sich: die bis zur Selbstaufgabe arbeiten, die noch Patienten annehmen, obwohl sie selbst längst müde und abgeschlagen sind, sich mit Fieber zur Arbeit schleppen, Krankheitssymptome wie etwa Brustschmerzen ignorieren. Im Podcast einer Kollegin (siehe Hörtipp) macht er seinen Befürchtungen Luft, berichtet von einem unter Medizinern weitverbreiteten „Präsentismus“, von „kontraproduktiven Verhaltensmustern“, die vor allem eins seien: gefährlich. „Es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass Ärzte mit ewiger Gesundheit gesegnet sind“, warnt der Internist. Doch darüber reden, die Selbstausbeutung thematisieren, das scheuen die meisten Mediziner. Deshalb hat Braun die Stiftung „Arztgesundheit“ gegründet: In Vorträgen möchte er über die Gefahren informieren, sich zudem mit anderen Ärzten vernetzen. Dass er mit diesem Vorstoß ein Pionier ist, hat er spätestens gemerkt, als er eine passende Internetseite einrichten wollte: Um den doch so griffigen Namen „arztgesundheit.de“ hatte sich offenbar noch niemand bemüht – die Domain war noch frei.

Prof. Dr. Jörg Braun ist Chefarzt der Inneren Medizin an der Park-Klinik Manhagen. Er engagiert sich schon lange zum Thema Ärztegesundheit und macht auf Risiken und Auswirkungen bestimmter Verhaltensmuster aufmerksam. Mit der Gründung der Stiftung „Arztgesundheit“ leistet er einen Beitrag zur Aufklärung dieses Tabuthemas und bietet Hilfe.

„Lieber zum Medikamentenschrank als zu einem anderen Arzt“

Erst langsam setzt sich in Deutschland ein Bewusstsein dafür durch, dass die Gesundheit von Ärzten besondere Beachtung braucht. Erste Institute strengen Studien an, die den Gesundheitszustand von Medizinern ausloten – und Gefahren durch deren Arbeitssituation aufspüren sollen. Eine der jüngsten Befragungen dazu führte ein Wissenschaftsteam um Martina Minnwegen von der Universität Bielefeld durch, dabei im Fokus: Anästhesisten. Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick wenig alarmierend: Bis auf Allergien (28 Prozent) und Muskel-Skelett-Erkrankungen (23 Prozent) gab es kaum Krankheitsbilder zu verzeichnen, im Allgemeinen attestierten sich die über 600 befragten Narkoseärzte sogar „einen guten Gesundheitszustand“. 

Tatsächlich lebten Mediziner, verglichen mit Vertretern anderer akademischer Berufe, recht gesundheitsbewusst, rauchten etwa seltener, sagt Braun: „COPD tritt deshalb bei ihnen seltener auf als bei Nicht-Medizinern.“ Doch die große Gefahr liege woanders: Ärzte tendierten dazu, sich selbst zu diagnostizieren und zu behandeln. Und neigten dazu, ihre Erkrankung falsch und ihre Belastungsfähigkeit als zu hoch einzuschätzen: der Chirurg, der trotz Noro-Virus-Infektion noch im Operationssaal steht, auch wenn er den Eingriff immer wieder für seine Toilettengänge unterbrechen muss; der Hausarzt, der auch noch mit Erkältung seine Sprechstunde abhält „und seinen Patienten liebevoll die Hand zur Begrüßung reicht“ – Braun kennt solche Fälle. Er weiß auch von Ärzten, die bei „Befindlichkeitsstörungen“, wie er es nennt, lieber zum gut gefüllten Medikamentenschrank im eigenen Krankenhaus oder der eigenen Praxis gehen, statt einen Kollegen, zum Beispiel einen 

Das bestätigt Dr. med. Sven Schulz von der Universitätsklinik Jena: Der Wissenschaftler forscht am Institut für Allgemeinmedizin im Rahmen des hauseigenen Projekts „Ärztegesundheit“. Er fand bei Befragungen unter thüringischen und sächsischen Medizinern heraus, dass noch nicht einmal jeder zweite Facharzt bei einem Hausarzt registriert ist. Hausärzte selbst konsultieren sogar noch seltener einen Fachkollegen: Nur jeder fünfte gab an, einen eigenen Hausarzt zu haben. Die große Mehrheit würde sich bei einer akuten Erkrankung selbst diagnostizieren (92 Prozent) und auch therapieren (90 Prozent). Woran das liegt? Braun vermutet, Ärzte hätten in ihrem Studium so viele Krankheitsbilder kennengelernt, dass sie insgeheim befürchteten, es könnte selbst hinter banalen Symptomen Schlimmeres lauern – und denen wolle man, wenn überhaupt, höchstens in Eigenregie auf die Spur gekommen. Viele fahren dann eine Selbstdiagnostik – die aber ihre Tücken hat, wie er im Podcast verrät: „Körperliche Untersuchungen funktionieren bei einem selbst nicht gut, und für eine optimale Anamnese fehlt die kritische Distanz.“ Selbst ein Komplettlabor, welches manche Ärzte dann für sich veranlassen, würde kaum „valide Daten“ bringen. Sich einen Hausarzt zu suchen, ist für Braun deshalb der erste Schritt zu mehr Eigenfürsorge. 

Dr. Julika Zwack ist Psychologin an der Universitätsklinik Heidelberg und spricht im Rahmen einer Studie regelmäßig mit psychisch erkrankten Ärzten. In den Gesprächen mit den Betroffenen fallen immer wieder vier Kernaussagen: 

„Erst die Arbeit“
„Gut ist nicht gut genug“
„Durchhalten um jeden Preis“ 
„Die anderen gehen vor“

Mit anderen Worten: Pflichterfüllung, Perfektionismus, Aufgeben als tabuisiertes No-Go, Selbstaufopferung – das sind vier Leitsätze, die auch Hinweise auf Präventionsansätze liefern können. 

Alles geben wollen – bis hin zum Burnout

Stets für seine Patienten da zu sein, fordert seinen Tribut: Schätzungen zufolge leidet ein Drittel aller in Deutschland tätigen Ärzte an einem Burnout-Syndrom. Von einem „Flächenbrand im Gesundheitswesen“ spricht deshalb etwa der Burnout-Experte und Autor („Burnout bei Ärzten“, Schattauer Verlag) Thomas M. H. Bergner. Auch die Bielefelder Anästhesistenstudie förderte zutage, dass sich die befragten Mediziner zwar körperlich recht gesund fühlten, doch auch – in immerhin mehr als einem Drittel der Fälle – ein „hohes Stressniveau“ und ein „eher schlechtes psychisches Wohlbefinden“ wahrnahmen. Für die Studienautoren ein Warnsignal: Sie lesen die Berichte als ersten Indikator für eine Depression. 

Schon früher gaben Untersuchungen Hinweise darauf, dass gerade Mediziner ein höheres Risiko haben, an einer Depression zu erkranken. Dr. Julika Zwack, Psychologin an der Universitätsklinik Heidelberg, hat deshalb mit mehreren betroffenen Ärzten gesprochen: Alle an ihrer Studie teilnehmenden Mediziner hatten sich zuvor an den Oberbergkliniken behandeln lassen – einer kleinen, privaten Klinikkette, die auf die Therapie von Ärzten ausgerichtet ist; der Klinikgründer, ein Neurologe, war einst selbst psychisch erkrankt. Nach möglichen Auslösern befragt, berichteten diese Ärzte von einer hohen zeitlichen Beanspruchung und vielen Diensten. Niedergelassene Ärzte nannten auch finanzielle Belastungen und bürokratische Anforderungen als große Stressoren. Doch auch die eigenen hohen Ansprüche in Sachen Erreichbarkeit sorgten für Anspannung. „Ständig per Mail oder mobil erreichbar sein zu müssen oder wollen, trägt erheblich zur Erschöpfung bei“, bestätigt Braun. Er empfiehlt Ärzten deshalb, elektronische Medien auch mal auszustellen, sich zurückzuziehen, Pausen einzulegen. „Es kann doch nicht sein, dass die Toilette am Ende der einzige Ort ist, an dem man mal seine Ruhe hat“, so Braun. Und noch einen weiteren wichtigen Hinweis lieferte die Heidelberger Studie: In den Gesprächen mit den psychisch erkrankten Ärzten seien immer wieder vier Kernaussagen gefallen: „Erst die Arbeit“, „Gut ist nicht gut genug“, „Durchhalten um jeden Preis“ und „Die anderen gehen vor“. Mit anderen Worten: Pflichterfüllung, Perfektionismus, Aufgeben als tabuisiertes No-Go, Selbstaufopferung – „das sind vier innere Leitsätze, die auch Hinweise auf Ansätze zur Prävention liefern“, so die Psychologin Zwack. 

Doch wo lässt sich präventiv ansetzen? Braun plädiert dafür, dass Mediziner eine stärkere Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, entwickeln sollten. Dafür brauche es vor allem Achtsamkeit sich selbst und den eigenen Befindlichkeiten gegenüber: einem aufkommenden Hungergefühl nachgeben statt es niederkämpfen, Bewegungsdrang folgen statt ihn wegdrücken, auf die eigene Stimme hören. Eine schlechte Selbstwahrnehmung führe rasch zur Erschöpfung. Einer der Ärzte in der Heidelberger Studie berichtete etwa, für ihn sei es so selbstverständlich gewesen, viel zu leisten, dass er erst spät gemerkt habe, dass er nicht mehr konnte: nichts mehr essen mochte, Schlafprobleme hatte. „Erst als es massiv wurde, habe ich es realisiert.“ 

„Körperliche Untersuchungen funktionieren bei einem selbst nicht gut, und für eine optimale Anamnese fehlt die kritische Distanz.“

Sich selbst helfen – damit man anderen helfen kann

Erst den anderen helfen, bevor man selbst an die Reihe kommt – nachdem der letzte Patient gegangen ist, diese Dokumentation noch fertig gemacht, jene Abrechnung noch abgeschickt wurde. Wie falsch dieser Weg ist, dass es genau genommen sogar exakt umgekehrt laufen muss, zeigt auch ein Blick auf die Genfer Deklaration, den modernen hippokratischen Eid, auf den sich Ärzte weltweit regelmäßig neu verständigen: „Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten“, heißt es darin. Und weiter: „um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.“ Darum nämlich gehe es, sagt Braun: Gesund zu bleiben, sei nicht nur ein Selbstzweck. „Gesündere Mediziner sind auch die besseren Behandler.“ Studien zeigen, dass Ärzte, die sich um ihre eigene Gesundheit kümmern, auch gesündere Patienten haben. Das hängt nicht zuletzt auch mit der Vorbildfunktion zusammen, die ein gesunder, auf sich achtender Mediziner ausübt: Wenn etwa er oder seine Assistenz einen Patienten anruft und diesem erklärt, der morgige Termin müsse verschoben werden, da der Arzt krank sei und sich zu Hause schonen werde – dann erzeugt das auch im Patienten ein tieferes Bewusstsein dafür, auf die eigenen Befindlichkeiten zu achten.  

Im Job kann es helfen, sich im Vorfeld zu organisieren: Sich etwa selbst Richtlinien aufzuerlegen, ab wann man sich erlaubt – sich vielleicht auch zwingt –, zu Hause zu bleiben, statt in der Praxis Patienten zu empfangen. „Das sollte man wirklich bei Gesundheit und klarem Verstand machen“, rät Braun. Habe man erst einmal Fieber, sei die Urteilskraft zu eingeschränkt, um noch eine gute Entscheidung zu treffen. Auch mit seinen Kollegen oder Mitarbeitern kann man Absprachen treffen, Vertretungen organisieren, in einer Einzelpraxis ruhig auch mit einer erfahrenen, vielleicht schon langjährigen MFA, der man vertraut: Sie soll den Mediziner, so könnte die Abmachung lauten, sanft darauf hinweisen, wenn sie glaubt, er sei zu krank oder schwach, um weiter zu praktizieren. In anderen Ländern gebe es für Vertretungen im Krankheitsfall ganz konkrete Konzepte und Netzwerke, sagt Braun, in Deutschland müssten sich die Ärzte noch weitgehend selbst behelfen. „Die gegenseitige Fürsorge muss gestärkt werden, wir müssen aufeinander aufpassen“, so der Mediziner.

Astrid Bühren ist Psychotherapeutin und Ehrenvorsitzende des Deutschen Ärztinnenbunds (DÄB), in dem sie sich schon seit Langem ehrenamtlich für die Aufhebung geschlechtsspezifischer Barrieren einsetzt.

Über die Vivantes Akademie bietet sie außerdem Workshops zum Thema Stressbewältigung an.

Erste Schritte für mehr Schutz

Was ebenfalls helfen kann, weiß Julika Zwack: Freunde treffen, Hobbys oder Stammtischrunden pflegen, ins Theater gehen – „in außerberufliche Lebenswelten investieren“, wie die Psychologin es nennt. Natürlich sei gerade Zeit eine kostbare Ressource für Mediziner, Familienzeit verkümmere oft zu einer Art „Restzeit“, die die „gefräßige Arbeit“ übrig lasse. Doch der Familien- und Freundeskreis sei auch eine „Oase der Stabilität“, in die sich lohne zu investieren. 

Wer unsicher ist, wo er beginnen soll, wer vielleicht erst einmal ein Gefühl für die Eigenfürsorge und für Stressoren in seinem Berufsumfeld entwickeln möchte, kann sich auch an die Vivantes Akademie wenden: Astrid Bühren, Psychotherapeutin und Ehrenvorsitzende des Deutschen Ärztinnenbunds (DÄB), und Prof. Dr. Götz Mundle, Psychiater und Geschäftsführungsmitglied der genannten Oberbergkliniken, geben Ärzten (auch Nicht-Vivantes-Mitarbeitern) in speziell entwickelten Workshops Tipps zur Stressbewältigung. Überhaupt kann es helfen, fremde Unterstützung anzunehmen: Der DÄB betreibt zum Beispiel eine Burnout-Hotline für seine Mitglieder; einzelne Landeskammern, etwa in Baden-Württemberg und Hamburg, bieten Hilfen zur Suchtbewältigung. Braun wünscht sich dennoch, dass Arztgesundheit an Bedeutung gewinne, nicht länger „stiefmütterlich“ behandelt werde. Gerade hat der Deutsche Ärztetag bekannt gegeben, das Thema für dieses Jahr auf seine Tagesordnung zu setzen. Der Anfang ist gemacht.


Gute Tipps

Buch-Tipp: 

Dr. Julika Zwack, „Wie Ärzte gesund bleiben – Resilienz statt Burnout“, Thieme Verlag 2015; ISBN 9783131716323

Hörtipp:

Zwei Ärzte tauschen sich aus: „Healthy Docs“ – Podcast derAllgemeinmedizinerin Dr. med. Christina B. Petersen, im Gespräch mit Prof. Dr. med. Jörg Braun

Webtipps:

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