Praxismanagement

Fortbildung zahlt sich aus

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Personalentwicklung  Medizinische Fachangestellte können aus einer schier unüberschaubaren Menge an Weiterbildungsangeboten wählen. Aber: Wann bringt Weiterbildung überhaupt etwas – und zwar der MFA und der Praxis?


Text: Romy König

Eine Broschüre so prall wie ein Reisekatalog: Wer die vielen Seiten eines MFA-Fortbildungsprogramms wie jenes der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) durchblättert, bekommt eine ganze Fülle an Möglichkeiten dargeboten, wie sein medizinisches Personal die eigenen Fachkenntnisse auffrischen oder vertiefen könnte: Da lassen sich Gesprächstechniken lernen und englische Fachbegriffe trainieren, Kenntnisse in Wundmanagement oder Strahlenschutz auf den neuesten Stand bringen, Kniffe für eine bessere Praxisorganisation und Tricks für stressfreie Telefonate studieren. Auf über hundert Seiten reiht sich Seminar an Seminar, Lehrgang an Lehrgang.

Reichlich Optionen für Weiterbildungswillige also. Um der Menge an Kursen und Terminen Herr zu werden, macht sich die Bundesärztekammer seit einigen Jahren die Mühe, die Veranstaltungen der einzelnen regionalen Selbstverwaltungen in einer Übersicht darzustellen; auch eine eigens eingerichtete Webseite soll für Durchblick bei Seminaren für medizinische Fachangestellte sorgen (www.fortbildung-mfa.de). 

Damit nicht genug: Auch abseits der von den Kammern ausgerichteten Kurse blüht der Weiterbildungsmarkt für Praxisangestellte. Private Kommunikationstrainer wollen die Gesprächsführung von Sprechstundenhilfen aufpolieren, IT-Berater stehen parat, um die Arztpraxis fit in Sachen EDV und Digitalisierung zu machen; selbst Ärzteverbünde und Kassen beteiligen sich am Weiterbildungsportfolio. Der Business-Zweig der AOK Rheinland/Hamburg bietet zum Beispiel seit einiger Zeit Kurse zu verschiedenen Themen des Praxisalltags. 

Vergessene Regionen

Es wäre ein Leichtes, diese Menge an Kursen und Trainings als Überfluss, als Weiterbildungsschwemme zu brandmarken. Verstummen mag ein Kritiker spätestens dann, wenn er erkennt, dass ein solches Angebot nicht überall selbstverständlich ist. Und dass dort, wo Weiterbildung fehlt – und diese weißen Flecken gibt es –, der Mangel schmerzt. Das lässt sich zum Beispiel am Landkreis Regen ablesen: Hier, in der ostbayerischen Region nahe der tschechischen Grenze, gab es bislang „kaum Fortbildungen speziell für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Arztpraxen“, so eine Sprecherin des bayerischen Förderprogramms Gesundheitsregion Plus. Man ist deshalb aktiv geworden: Gemeinsam mit den ortsansässigen Arberlandkliniken stampfte die Projektgruppe letztes Jahr in Eigenregie ein kleines MFA-Workshop-Programm aus dem Boden, Organisation und Kosten teilte man sich. Die Rückmeldungen seien so „rege und positiv“ gewesen, so die Sprecherin, dass es dieses Jahr eine Fortsetzung gab; die Themen: „Reanimation in Arztpraxen“ und „Hygienemanagement“. Schnell waren die Kurse ausgebucht.

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„Hier in der ostbayerischen Region gab es bislang kaum Fortbildungen speziell für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Arztpraxen“, erklärt die Sprecherin des bayerischen Förderprogramms Gesundheitsregion Plus.

Seminarinhalte als Seismograph aktueller Entwicklungen

Der hohe Zuspruch im Landkreis Regen mag auch daher rühren, dass die Kursthemen am Bedarf der Zielgruppe ausgerichtet waren. Wer nur wenige Kurse konzipiert, horcht aufmerksamer aktuelle Lernbedürfnisse ab. Die Ärztekammer Hamburg bittet ihre Mitglieder sogar ganz offen darum, gewünschte Fortbildungsthemen mitzuteilen, damit sie ihr Angebot daran orientieren könne. 

Doch eine hohe Aktualität lässt sich auch anderen Weiterbildungsanbietern attestieren. An manchen Kursinhalten lassen sich gleich ganze gesellschaftliche Entwicklungen ablesen: Der drohenden Cyberkriminalität wird derzeit verstärkt mit Schulungen zu IT-Sicherheit gegenüber getreten, mit dem Aufbau von „interkultureller Kompetenz“ will besagte AOK Praxismitarbeiter fit machen für die Kommunikation mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Auch heikle Themen werden nicht gescheut: Die LÄK Hessen etwa will ärztliches Personal in einem neuen Kurs darauf vorbereiten, Frauen zu betreuen, die Gewalt – wie zum Beispiel eine Genitalverstümmelung – erfahren haben. Es sind große Themen, die hier mitunter angepackt werden, und auch sehr spezielle.

Genau prüfen: Welche Fortbildung passt?

Für das Gros des medizinischen Personals sind aber sicher weiterhin die Klassiker relevant: Praxisorganisation, Abrechnungs-Know-how, Blutentnahme und Impfmanagement. Dennoch sollte sorgfältig geprüft werden, welche Weiterbildung für welche Praxis – und welchen Mitarbeiter – in Frage kommt. Manchmal helfen gerade Nischen-Qualifizierungen in speziellen Fällen weiter. Es wird zum Beispiel Praxen geben, die für eine MFA mit Kenntnissen in Suchtmedizin dankbar sind. Andere Ärzte hingegen betrauen eine besonders eigenverantwortlich arbeitende MFA vielleicht wiederkehrend mit komplexen, in sich abgeschlossenen Aufgaben: der Umgestaltung des Eingangsbereichs etwa oder dem Durchführen einer Patientenumfrage. Eine solche Mitarbeiterin wäre sicher dankbar, die Kniffe und Strategien des Projektmanagements kennenzulernen und anwenden zu können. Auch der Praxis käme dies zugute, da der Arzt darauf vertrauen könnte, dass die Aufgaben noch professioneller und stärker zielgerichtet erledigt werden.

„Qualifizierte Fachkräfte werden in allen Bereichen des Gesundheitswesens dringend benötigt“, sagt Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach.

Grundsätzlich gilt: Ein gutes Gespräch hilft bei der richtigen Auswahl

Ärzte können ihre Mitarbeiter in Sachen Weiterbildung gute Ratgeber sein. Man könnte etwa gemeinsam überlegen, welche Formate sich eignen, ob vielleicht statt einer Präsenzveranstaltung auch ein Online-Seminar denkbar wäre. Verschiedene Anbieter haben sich bereits der virtuellen Art der Wissensvermittlung geöffnet, weil sie für die Teilnehmer weniger zeitraubend ist. Steht das gewünschte Thema schon fest, lässt sich zusammen über einen Anbieter nachdenken. Hier lohnt ein kurzer Check, ob Partner, mit denen man bereits länger vertrauensvoll zusammenarbeitet, Kurse zu ihren Kernthemen anbieten. Die PVS etwa schult zu allen Fragen rund um GOÄ, EBM und Abrechnungen. Ansonsten sind auch die Kammern gute Ansprechpartner; hier erfahren Interessierte zudem, ob Fortbildungen anderer Anbieter anerkannt werden. Weitere Kriterien können sein: Ist der Anbieter als geförderter Bildungsträger anerkannt, nimmt er Bildungsgutscheine an? 

Aber auch konkrete Seminarthemen betreffend, kann der Arzt Empfehlungen aussprechen – und zwar nicht nur mit Blick auf Fachliches oder Spezialbelange der Praxis. Fortbildung heißt ja immer auch: Weiterentwicklung in eigener Sache. Wenn also im Jahresgespräch Stärken und Schwächen des Mitarbeiters zur Sprache kommen, können beide gemeinsam überlegen, ob nicht in einem Soft-Skills-Seminar gewisse Talente weiter gestärkt oder an Schwächen gearbeitet werden kann. Zeitmanagement, Eigenwahrnehmung, sicheres Auftreten – wer solche Kurse durchläuft, erhält oft wertvolle Impulse für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Langfristig gesehen – und das gilt für jede Fortbildung, die eine MFA durchläuft – empfiehlt sich die Angestellte damit zwar zwangsläufig als interessante Mitarbeiterin für andere Arbeitgeber – wer sich weiterbildet, hat nun einmal bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung auf das aktuelle Arbeitsverhältnis: Chefs, die ihren Angestellten Weiterbildungen ermöglichen, vielleicht gar die Kosten übernehmen, stärken die Mitarbeiterbindung und fördern, diese Ansicht vertritt die Bundesärztekammer, das Betriebsklima: „Jeder arbeitet gerne in einer Praxis oder Klinik, die modern und aktuell ist und persönliches Weiterkommen fördert“, so heißt es dort.

Fortbildung ist nötig – und zahlt sich aus

„Qualifizierte Fachkräfte werden in allen Bereichen des Gesundheitswesens dringend benötigt“, sagt Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, bis Mitte 2018 Präsident der LÄK Hessen. Der Bedarf richte sich heute aber vor allem auf gut ausgebildete und zugleich, so betont er, fortgebildete Fachangestellte. 

Die Bundesärztekammer unterstreicht den Nutzen, den diese Mitarbeiter für die Ärzte haben: Zum einen würden die Mediziner durch fortgebildete Fachkräfte „spürbar entlastet“. Die Ärzte könnten Aufgaben delegieren oder ihr Praxisangebot erweitern, zum Beispiel indem sie ihre Mitarbeiter Präventionskurse durchführen lassen.

Klug agieren die Ärzte schließlich, wenn sie mit der MFA vorab vereinbaren, dass sie das erworbene Wissen innerhalb der Praxis weitergibt. Vielleicht in Form einer kleinen Präsentation bei einem gemeinsamen Pizza-Essen in der Mittagspause, oder indem sie die wichtigsten Inhalte in einer kleinen Mappe für alle Kollegen zusammenfasst. Diese muss ja nicht den Umfang eines Reisekatalogs haben. 


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