Praxisfinanzen

Nein zur Bürgerversicherung


In einer Online-Erhebung haben KV und PVS in Schleswig-Holstein nachgefragt, wie die niedergelassenen Ärzte im Norden die Zukunft der Gesundheitsversorgung einschätzen.


Text: Ulrike Scholderer

80 Prozent der Ärzte in Schleswig-Holstein stehen den Plänen von SPD, Grünen und Linken, eine Bürgerversicherung einzuführen, negativ gegenüber. Rund 22 Prozent befürchten, ihr Leistungsportfolio einschränken zu müssen, 34 Prozent rechnen mit deutlichen Einnahmeverlusten und mehr als 20 Prozent gehen davon aus, dass ihre Praxis in ihrer wirtschaftlichen Tragfähigkeit gefährdet wäre.

Die KV Schleswig-Holstein hatte ihre 5.500 Mitglieder gebeten, an der Online-Befragung im Vorfeld der Bundestagswahl teilzunehmen. Die Befragung stieß auf große Resonanz – jetzt liegt ein repräsentatives Meinungsbild aus dem nördlichsten Bundesland vor.

Aufgedeckt hat die Umfrage ein grundsätzliches Problem. Mehr als 80 Prozent der Ärzte nehmen wahr, dass die Patienten mit steigenden Leistungserwartungen zu ihnen kommen. In einer budgetierten Versorgung ist das nicht vorgesehen. Das ungebremste Leistungsversprechen der Politik an die Bürger wirkt. Aber: Die Rechnung der Politik kann nicht aufgehen. Denn seit mehr als 20 Jahren wird Leistungssteuerung in der GKV mit Hilfe des Budgets zu Lasten der Ärzte betrieben. Und folgerichtig nehmen fast 70 Prozent der Ärzte an, dass die Bürgerversicherung dazu führen wird, dass die Zusatzleistungen neben dem Katalog an staatlich zugelassenen Leistungen an Bedeutung gewinnen werden. Dank des bisherigen qualitätsfördernden Nebeneinanders von GKV und PKV haben wir heute nach wie vor eine amtliche Gebührenordnung für alle ärztlichen Leistungen. In einer Bürgerversicherung würde die überflüssig. Die Entstehung eines grauen Marktes für medizinische Leistungen droht.

Die Einschätzungen der schleswig-holsteinischen Ärzteschaft decken sich mit den Ergebnissen einer Studie, die der PVS Verband im Frühjahr veröffentlich hat. Die Untersuchung „Experiment Bürgerversicherung“ weist durch wissenschaftliche Analyse genau das nach, was die Ärzte im Norden befürchten. Denn den Niedergelassenen gingen mit der Bürgerversicherung bundesweit betrachtet Honorare in Höhe von rund 6 Milliarden Euro im Jahr verloren. Kompensiert werden könnte das nur durch Personaleinsparungen und eine Abkehr von Investitionen in Qualität und technischen Fortschritt. In einem Flächenland wie Schleswig-Holstein liefen gerade Facharztpraxen Gefahr, in ihrer Rentabilität an ihre Grenzen zu stoßen. Versorgungsengpässe sind heute schon Realität – eine Bürgerversicherung spitzt die Situation zu.

Die KV Schleswig-Holstein folgert aus den Ergebnissen der Befragung, dass in einem Bürgerversicherungsszenario mehr Patientensteuerung notwendig sein wird. Anders herum heißt das: Sollen Therapiefreiheit und ein vertrauensvolles Verhältnis von Arzt und Patient nicht Geschichte sein, darf die Bürgerversicherung nicht Realität werden. 

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