PVS-Positionen

Experiment Bürgerversicherung: Was steht auf dem Spiel?


Gleichheit schafft Gerechtigkeit, das ist das Credo der Bürgerversicherung. Der PVS Verband hat in einer wissenschaftlichen Studie untersucht, wie sich die Einheitsversicherung auf die ambulante medizinische Versorgung auswirken würde.


Text: Ulrike Scholderer

Es herrscht Wahlkampf in Deutschland. Parteien befeuern die Wählerschaft mit Schlagworten. Eines von ihnen: Bürgerversicherung. Sie soll der ZweiKlassen-Medizin ein Ende setzen, für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. SPD, Grüne und die Linke halten an dieser Idee fest, die schon seit rund 15 Jahren insbesondere vor Bundestagswahlen Konjunktur hat. In der Studie „Experiment Bürgerversicherung“ hat der PVS Verband herausgearbeitet, welche Konsequenzen die Einführung der Bürgerversicherung für die ambulante medizinische Versorgung haben würde. 

„Die Debatte um die Bürgerversicherung wird zu emotional geführt“, sagt Dr. Hans-Joachim Kaiser, Autor der Studie und Leiter der Stabsstelle PVS-Statistik. „Wir brauchen aber keine Emotionen, sondern Fakten. Wir alle, das heißt Politiker, Ärzte und vor allem die Patienten müssen wissen, wohin die Bürgerversicherung uns führen wird.“

Ausgewertet wurden Daten des Statistischen Bundesamtes, des Wissenschaftlichen Instituts der PKV und der ärztlichen Standesorganisationen. Das Ergebnis: Ohne die höheren Honorare für die Behandlung von Privatversicherten würde vor allem der hochspezialisierten ambulanten Facharztversorgung der Boden entzogen. Die Mehrumsätze durch die Privatversicherten machen knapp 6 Milliarden Euro im Jahr aus, das sind für jeden niedergelassenen Arzt rund 49.000 Euro. Heute fließen diese Mittel in die medizinische Infrastruktur. Dank der Mehrumsätze können Ärzte investieren. In die technische Ausstattung ihrer Praxis, in neue Behandlungsmethoden und in Fachpersonal. Das kommt allen Patientinnen und Patienten zugute, unabhängig von ihrem Versicherungsstatus. 

„Wir wollten ganz konkret darstellen, was auf dem Spiel steht“, erläutert Kaiser. „Deshalb haben wir die Honorarverluste in Medizintechnik, in Fachpersonal und in Praxisinvestitionskosten übersetzt.“ Herausgekommen ist: Mit dem, was an Honorar verloren ginge, könnten 2.396 Magnetresonanztomographen gekauft werden oder jeder der 121.641 ambulant niedergelassenen Ärzte könnte 1,1 medizinische Fachangestellte einstellen. 

Eine entscheidende Rolle spielen diese Mehrumsätze gerade für jene jungen Ärzte, die vor der Entscheidung stehen, sich niederzulassen. Würden die Zusatzhonorare allein für die Finanzierung der neuen Praxis aufgewendet, dann könnte ein Allgemeinmediziner davon ausgehen, dass die Investitionskosten innerhalb von 7,2 Jahren abgearbeitet sind, bei einem Orthopäden nach 2,5 Jahren. 

„Für mich ist völlig unverständlich, warum wir eine der anerkanntermaßen besten Versorgungsstrukturen der Welt auf dem Altar der vermeintlichen Gerechtigkeit opfern wollen“, fasst Kaiser die Studie zusammen. „In einem Bürgerversicherungssystem würden wir die ambulante Versorgung aushungern. Die Folgen kennen wir aus unseren Nachbarländern: weite Wege und lange Wartezeiten.“

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