Gastkommentar

Eine Männerquote für Ärzte?


Medizinstudium Nur mit einem Einser-Abitur steht einem der Arztberuf offen. Das lässt den Frauenanteil unter den Ärzten immer weiter steigen – mit unterwünschten Folgen für die medizinische Versorgung.


Text: Dorothea Siems

Der Arztberuf ist für viele junge Menschen ein Traumjob. Entsprechend heiß begehrt sind die Studienplätze für Medizin. Für das anstehende Sommersemester haben sich fast 19.000 Interessierte beworben. Dem stehen lediglich 1.600 Plätze gegenüber. Anfang des Jahrtausends kamen noch vier Bewerber auf einen Studienplatz. Nur wer eine Abiturnote von 1,2 vorweisen kann, kommt heutzutage noch direkt zum Zuge. In vielen Bundesländern wie Berlin oder Bayern liegt der Numerus Clausus gar bei einer glatten Eins. Dass fast nur Bewerber mit einer solchen Traumnote zum Medizinstudium zugelassen werden, ist nicht nur für die Abgewiesenen häufig eine unerträgliche Härte. Zumal die Auswahl angesichts der eklatanten Leistungsunterschiede an den Schulen alles andere als gerecht ist. 

Auch für die künftige medizinische Versorgung sind die Folgen dieser Vergabepraxis problematisch. So hat der Radiologe und emeritierte Hochschuldozent Professor Jürgen Freyschmidt in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ beklagt, dass die Ausrichtung auf die Abiturnote zu einer „Feminisierung der Medizin“ führe. Mittlerweile gehen rund zwei Drittel der Studienplätze an weibliche Bewerber – Tendenz: weiter steigend. Denn Mädchen machen heutzutage nicht nur häufiger Abitur als die Jungen, sondern erzielen im Durchschnitt auch die besseren Abschlüsse. Freyschmidt stellt die provokante Forderung, eine Männerquote einzuführen und künftig die Hälfte aller Studienplätze an männliche Bewerber zu geben. In den sozialen Medien gab es einen Aufschrei der Empörung. Gerade auch diejenigen, die politisch seit Jahren für Frauenquoten im öffentlichen Dienst oder für Chefposten in privaten Unternehmen kämpfen, werten eine entsprechende Männerförderung im Bereich der Medizinstudienplätze als einen ungerechtfertigten Akt der Diskriminierung. Doch auch die Gegner einer Männerquote können die Tatsache nicht leugnen, dass der stetig steigende Frauenanteil unter den Medizinstudierenden unerwünschte Nebenwirkungen hat. Denn es gibt einen erheblichen Geschlechterunterschied bei der Arbeitszeit von Ärzten. Der Wunsch vieler Medizinerinnen nach Teilzeit und häufig auch längeren Familienphasen droht in den kommenden Jahren den sich abzeichnenden Ärztemangel noch zu verschärfen. Gerade in ländlichen Regionen suchen ältere Praxisinhaber nach Nachfolgern. Frauen, die nicht Vollzeit arbeiten wollen, scheuen aber häufig das Risiko einer eigenen Praxis. An den Klinken wiederum sind die langen Arbeitszeiten und Nachtdienste besonders für Mütter mit kleinen Kindern abschreckend.

Allerdings ist der Wunsch nach einer gelungenen Work-Life-Balance heutzutage keineswegs nur bei Frauen ausgeprägt. Im Zuge des gesellschaftlichen Wertewandels streben auch immer junge Männer nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Zahl der Väter, die in Elternzeit gehen, steigt stetig. Und auch immer mehr männliche Jungmediziner wollen nicht im Klinikalltag verheizt werden. Gegen die von der Ärzteschaft beklagten zunehmenden Engpässe in der medizinischen Versorgung der Patienten wäre die Männerquote deshalb kein probates Mittel. Viel mehr brächte eine Aufstockung der Studienplätze für Medizin. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Klinikärzte könnte zudem verhindern, dass jährlich Tausende Mediziner in die Wirtschaft oder ins Ausland abwandern. 

Vor allem aber sollte die Studienplatzvergabe nach sinnvolleren Kriterien als der Abiturnote erfolgen. Eignungstests, die neben kognitiven Fähigkeiten auch die für den Arztberuf nötigen menschlichen Qualitäten prüfen, wären allemal sinnvoller als das blinde Vertrauen in die Schulabschlüsse.

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