Praxismanagement

Ehrensache Diskretion


Diskretion und Datenschutz Digitale Patienten­­informationen stehen seit Jahren im Fokus von Datenschützern und Behörden. Doch wie steht es um die Sicherheit der „analogen“ Patientendaten, um die Vertraulichkeit innerhalb der Praxisräume? Experten ­fordern mehr Sensibili­sierung.


Text: Romy König

 „Wie alt ist Ihr Hörgerät nochmal?“, schallt es quer durch das Empfangszimmer der HNO-Praxis. Die Patientin schreckt zusammen, schaut sich um. Sie verheimlicht keinem, dass sie eine Hörhilfe trägt, aber muss gleich jeder im Raum davon erfahren? Mit ihr warten noch einige andere Patienten in dem kleinen Bereich vor dem Tresen, aus den Augenwinkeln sieht sie ausgerechnet einen Kollegen stehen – kein großer Zufall, ihr Arbeitsplatz ist ja gleich eine Straße weiter. Sie ärgert sich und fragt sich: Muss das sein? Und: Darf das sein? 

 „Ärzte und Zahnärzte müssen gewährleisten, dass die Diskretion in ihrer Praxis gewahrt bleibt“, sagt Torsten Koop vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. Die öffentliche Einrichtung berät Behörden und Wirtschaft in Fragen der Datensicherheit und stellt seit letztem Herbst sukzessive einen Datenschutz-Check-up für Arztpraxen zusammen. „Die Sicherstellung von Diskretion in einer Arztpraxis ist Teil der Schweigepflicht, die Ärzte einhalten müssen“, so Koop. „Die unbefugte Offenbarung von Patientengeheimnissen steht unter Strafe.“ 

Doch während der Schutz digitaler Patienten­infor­ma­tionen seit Jahren im öffentlichen Bewusstsein steht und zahlreiche Seminare dazu angeboten werden, ist es um die Vertraulichkeit in Arztpraxen nicht so gut bestellt. Die „analoge Daten­sicherheit“, wie Klaus-Dieter Thill sie nennt, werde in deutschen Arztpraxen „­täglich tau­send Mal verletzt“. Thill ist Inhaber des Instituts für ­betriebswirtschaftliche Ana­lysen, Beratung und Strategie-Entwicklung (Ifabs), auf Arzt­praxen ­spezialisiert – und weiß von zahlreichen Verstößen. Da ­sprechen Praxis­angestellte laut über das Krankheits­bild eines Patienten – in Hörnähe eines ­anderen; da liegen ausgefüllte Anamnesebögen minutenlang sicht- und lesbar auf dem Empfangstresen. Patienten reagieren durchaus sensibel auf solche Indiskretionen, wie jüngst eine Datenauswertung des Ifabs zeigte: Etwa die Hälfte von 100.000 befragten Patienten kritisierten in Feedback­bögen ihrer Ärzte fehlende oder ungenügende Vertrau­lichkeit in der Praxis. 

Natürlich muss es in einer Arztpraxis oft schnell gehen. Müssen rasch Daten abgefragt, auch mal Rückfragen gestellt, Anamnesepapiere erst mal zwischengelagert werden, bevor sie abgeheftet werden können. Auch stets darauf zu achten, dass kein Dritter das Gespräch mit einem Patienten mithören kann, ist umständlich, kostet Zeit – und wird einfach auch schlicht einmal vergessen. 

Die ersten Ärzte investieren daher in bauliche Maßnahmen, um von vornherein eine klare Diskretionszone zu schaffen. Auch der Allgemein-und Sportmediziner Michael Fritz aus dem nordrhein-westfälischen Viersen hat sich unlängst zu diesem Schritt entschlossen: „Ich habe meinen Anmeldungs-und Empfangsbereich umgebaut, um der Anforderung, die Diskretion in der Arztpraxis zu wahren, gerecht zu werden“, sagt er. Er zog eine Glastür in seinen Empfang ein und bittet seither seine Patienten, vor der Tür Platz zu nehmen und immer nur einzeln in den Anmeldebereich einzutreten. Ein offener Empfangsbereich, in dem jedes Gespräch mitgehört werden kann, jede Frage nach einer Überweisung zu einem Psychiater oder Urologen auch Dritte mitbekommen könnten, war für ihn mit der Schweigepflicht nicht mehr vereinbar. „Die Schweigepflicht bildet doch die Grundlage des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient“, so der Mediziner. 

Nun möchte nicht jeder Arzt in Baumaßnahmen investieren; auch lassen manche Räumlichkeiten keine Umbauten zu. Aber dann könnten Ärzte zum Beispiel Diskretionslinien im Bodenbelag anbringen, empfiehlt Petra Carlile, „ähnlich wie das Banken machen“. Dass der Empfangsbereich dadurch zu kalt und unpersönlich wirken könnte, glaubt die Münchnerin, die als Coach für Ärzte arbeitet, nicht: „Das kann man durchaus auch schön und stilvoll gestalten, etwa mit einem seitlichen Blumenarrangement.“ Innenarchitektin Ute Soelch ist solchen Maßnahmen gegenüber skeptisch: „Diskretionszonen bieten, wenn überhaupt, nur optischen Schutz“, sagt die Ingenieurin. „Aber um auch ein Gespräch nicht mithören oder verstehen zu können, müsste diese Zone schon einen Radius von mehreren Metern bilden.“ Sie plädiert daher für eine besondere Raumaufteilung und dafür, einen, wie sie es nennt, „Servicebereich Rezeption“ zu schaffen: „Eine offene Empfangstheke als Auftakt und ein abgetrennter Back-Office-Raum im Hintergrund, in dem vertrauliche Daten diskret aufgenommen werden können.“ Falls der Raumbedarf dies zulasse, ließe sich auch zusätzlich zu den beiden Räumen ein weiteres Zimmer einrichten, in dem das Personal in einem persönlichen, vertraulichen Rahmen alle Patientendaten aufnehmen und auch beraten könne. Gerade für Praxen, in denen Empfangs-und Wartebereich offen ineinander übergehen, sei dies eine gute, „wenn nicht sogar unabdingbare“ Lösung, so Soelch. 

Idealerweise ist auch das Telefon vom Empfang verbannt, wie Petra Carlile anmerkt. „Sonst kann jeder, der gerade am Tresen steht, den geführten Telefonaten zuhören, persönliche Daten und Krankheiten anderer Patienten erfahren – und zwar, ob er will oder nicht.“ Ihr Tipp: Auch dafür möglichst einen eigenen Raum zur Verfügung stellen, und den gleich mit allen weiteren technischen Notwendigkeiten wie PC und Headset ausstatten. 

Für Praxen, die zu klein sind für eine neue Raumaufteilung, hat Innenarchitektin Soelch noch einen weiteren Vorschlag, auch dies eine Idee aus den Schalterbereichen der Bankhäuser: die sogenannte Diskretionsbeschallung. „Das ist eine technische Einrichtung, die um das Gespräch am Empfang einen akustisch isolierten Raum schafft“, erklärt die Ingenieurin. „Die dafür erforderlichen Lautsprecher und Richtmikrofone lassen sich mit relativ geringem Aufwand einbauen.“ Und mitgehörte Gespräche sind Geschichte. 

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