Praxismanagement

Die Jongleure


Vereinbarkeit von Beruf und Familie Einiges wurde in den letzten Jahren auf den Weg gebracht, damit berufstätige Eltern ihre Arbeit und ihre Familie besser ausjonglieren können. Doch was davon bringt auch Ärzten etwas? Ein Zustandsbericht. 


Text: Conny Meissner

Bettina Wurl hat sich bemerkenswert gut organisiert: Die Allgemeinmedizinerin und fünffache Mutter leitet eine eigene Praxis in Berlin, arbeitet an vier Vormittagen und zwei Nachmittagen pro Woche, hält sich die restliche Zeit frei, um Einkäufe zu erledigen und für ihre Kinder da zu sein.  

Sie ist eine von vielen Müttern in Deutschland, die versuchen, zwei Welten unter einen Hut zu bekommen: die Arbeit als niedergelassene Ärztin mit den täglichen Sprech­stunden, Bereitschafts­diensten, Haus­besuchen und dazu der Verwaltungs­arbeit für die Praxis auf der einen und die Familie auf der anderen Seite, zum Beispiel Spiel und Gespräche mit den Kindern, Beaufsichtigung der Hausaufgaben und Erledigungen für den Haushalt.

„Nicht mehr so stark aufopfern wie früher“

Für Frauen wie Bettina Wurl erheben immer mehr Funktionäre und Politiker ihre Stimme: Seit Jahren etwa kämpft Astrid Bühren, Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB), für familienfreundlichere Arbeits­bedingungen in der Medizin: Sie legt Studien auf, weist beständig darauf hin, dass Frauen in der Medizin benachteiligt würden und gerade „Mütter sich dabei stärker unter Druck sehen als Ärztinnen ohne Kinder“, so Bühren. „Die Arbeitswelt muss familienfreundlicher werden und nicht etwa Familien immer arbeitsfreundlicher“, so auch die Überzeugung von Manuela Schwesig. Als die Bundes­familienministerin vor drei Jahren dafür plädierte, alle „be­ruf­lichen Nachteile, die sich aus dem Geschlecht ergeben“, beiseite zu räumen und ein Gesetz für eine gleich­berechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen auf den Weg brachte, arbeitete der Ärztin­nenbund aktiv mit, brachte eigene Vorschläge ein. Auch Rudolf Henke, Vorstands­vor­sit­zender des Marburger ­Bun­des, sprach sich früh dafür aus, Me­di­­ziner dabei zu unterstützen, Beruf und Arbeit stärker in Ein­klang zu bringen: „Sie möchten neben ihrem Beruf ein erfülltes Leben führen, eine Familie gründen und sich nicht mehr so dem Beruf aufopfern wie dies in den früheren Ärztegenerationen der Fall war“, sagte der studierte Internist und heutige Bundes­tagsabgeordnete auf einem Ärztekongress. Seine Sorge galt dabei auch der flächendeckenden Ver­sorgung: Wenn es nicht gelinge, den Ärzten eine gute Kinderbetreuung und geregelte Arbeitszeiten zu ermöglichen, würde sich der Ärztemangel „hierzulande deutlich verschärfen“, so der Politiker.

46 %

der arbeitenden Mütter haben ständig ein schlechtes Gewissen, Familie, Partner und Freunde zu vernachlässigen.

80

Kliniken und Krankenhäuser hat die Beruf- und Familie Service GmbH bislang als familienfreundlich eingestuft.

1/3

Für mehr als ein Drittel der 2014 geborenen Kinder bezog nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater Elterngeld.

Die Politik ist nicht zuletzt alarmiert von Umfragen wie jener des Hartmannbundes aus dem Jahr 2014, nach der die Hälfte der Medizinstudentinnen glaubt, auf Kinder verzichten zu müssen, wenn sie im Ärzteberuf Karriere machen will. Oder, wie sich die Zahlen im Umkehrschluss auch lesen lassen: auf eine Karriere in der Medizin verzichten zu müssen, wenn sie – heute oder später – eine Familie gründen möchte. Auf dem Land etwa, wo schon heute Ärztemangel herrscht, wollen sich nur neun Prozent der angehenden Ärzte niederlassen; ein großer Rest der Be­fragten würde sich zu diesem Schritt höchstens dann bewegen lassen, wenn er Unterstützung bei der Kinder­betreuung erhielte. 

Die Politik beginnt zu reagieren

Der Gesetzgeber hat in den letzten Jahren an einigen Stellschrauben gedreht: Seit 2012 kann sich eine niedergelassene Ärztin nach der Geburt ihres Kindes ein Jahr lang in ihrer Praxis vertreten lassen; zuvor waren es nur sechs Monate. Und da sich viele Berufstätige in der Rush Hour ihres Lebens nicht nur um die Kinder, sondern auch um die Pflege der älteren Generation, also etwa eines greisen Elternteils oder einer vielleicht bettlägerigen Tante, kümmern müssen, können sie in solchen Fällen für sechs Monate einen Entlastungassistenten für die Unterstützung in der Praxis beantragen. Auch das ElterngeldPlus soll berufstätigen Eltern helfen, insofern als sie, wenn sie nach der Geburt des Kindes Teilzeit arbeiten möchten, die Bezugszeit des Elterngeldes verlängern können: Aus einem Elterngeldmonat werden zwei ElterngeldPlus-Monate. Entscheiden sich Mutter oder Vater, zeitgleich mit ihrem Partner in Teilzeit zu gehen – vier Monate lang parallel und zwischen 25 und 30 Wochenstunden – erhalten sie außerdem mit dem sogenannten Partnerschaftsbonus vier zusätzliche ElterngeldPlus-Monate. Aktueller Wurf ist nun das neue Mutterschutzgesetz, wonach schwangere Frauen selbst entscheiden können, ob und wie lange sie weiterhin arbeiten wollen. Das sei insbesondere für Ärztinnen in der Facharztweiterbildung relevant, wie Astrid Bühren vom DÄB betont: „Bei ihnen verlängern sich während der Schwangerschaft die Ausbildungszeiten unnötig, da sie oft auf Tätigkeiten verwiesen werden, die bei der Weiterbildung nicht angerechnet werden können.“

Manche niedergelassenen Ärztinnen ­schließen sich mit anderen zusammen, arbeiten in Gemeinschaftspraxen und können hier ihre Zeiten flexibler handhaben.

Auch sollen neu aufgelegte und von der Regierung finanzierte Kurse ausgebildeten Medizinern nach einer längeren Berufspause den Wiedereinstieg in den (Hausarzt-)Beruf erleichtern, etwa in Rheinland-Pfalz: „Wir haben viele ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, die ihren Beruf nicht oder nicht mehr ausüben, weil sie sich die ärztliche Tätigkeit nach einer längeren Erziehungszeit nicht mehr zutrauen“, erklärt die Landesgesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Sie sollen nun mit Seminaren wieder mit dem medizinischen Alltag vertraut gemacht, Hürden für den Wiedereinstieg abgebaut werden.

Reichen all diese politischen Nachbesserungen? Nicht ganz, sagt Bettina Wurl. Sie wünscht sich auch mehr Ver­ständnis für ihre Situation, etwa wenn es um Abrechnungs­fristen geht. „Hier könnte ich mir einen großzügigeren Umgang vorstellen“, so die niedergelassene Ärztin. Vor allem gegen Quartalsende kommt sie ein ums andere Mal ins Schlingern, gegen Jahresende schafft sie es oft gar nicht, ihre Abrechnungen pünktlich einzureichen. „Da ist Weihnachten, da ist Silvester, da sind die Kinder alle zu Hause – und dann bekommt man irgendwann Post von den Stellen mit Verweis auf die Fristen und dass das so aber doch bitte nicht ginge.“ Auch länger als drei Wochen zu fehlen, ist nicht einfach mal so drin. „Dann muss man einen Vertreter stellen, den anmelden, auch das sollte man vielleicht flexibler handhaben können.“ Froh ist sie, dass ihre Kinder etwas älter sind und auch mal alleine zu Hause sein können. Schwerer haben es dagegen jene Frauen, gleich ob Praxisinhaberin oder medizinische Fachangestellte, die sich um die Kinderbetreuung kümmern müssen. Kita- und Kindergartenplätze sind rar, Tagesmütter teuer. Doch viele Frauen sind erfinderisch: Manche niedergelassenen Ärztin­nen schließen sich mit anderen zusammen, arbeiten in Gemeinschaftspraxen und können hier ihre Zeiten flexibler handhaben. Eine Organisationsform, die sich bis zu den Universitäten herumspricht: Mehr als zwei Drittel der heutigen Medizinstudenten, die damit liebäugeln, sich später niederzulassen, würden laut Hartmannbund-Umfrage eine Gemeinschaftspraxis oder eine Praxiskooperation einer Einzelpraxis vorziehen. Das liegt vor allem (mit 72 Prozent Nennung) am finanziellen Risiko, das die jungen Leute für eine eigene Praxis schultern müssten. Doch schon als zweitwichtigsten Grund – noch vor dem hohen bürokratischen Aufwand und vor der Teamarbeit, die sie hier vermissen würden – geben die Studenten die Sorge an, als Alleinkämpfer Beruf und Familie nicht unter einen Hut bringen zu können. 

Kinder kommen zum Mittagessen in die Praxis

Manche Praxen suchen auch den Kontakt zu den großen Kliniken der Gegend, versuchen, ihre Kinder in den dortigen Betriebskindergärten unterzubekommen. „Manchmal bieten das die Kliniken auch von sich aus an“, sagt Sabine Ridder, die bis vergangenes Jahr den Verband der medizinischen Fachangestellten leitete. Sie weiß auch von vereinzelten Praxen, die über die Mittagspause schließen und in diesen zwei oder drei Stunden die Räumlichkeiten für die Kinder der Mitarbeiter öffnen. „Da werden dann zusammen Hausaufgaben gemacht oder es wird gemeinsam gegessen.“ Und Mütter und Kinder können so gemeinsam Zeit verbringen. 

Bettina Wurl wechselt sich mit ihrem Mann, einem eben­falls niedergelassenen Arzt, ab: An zwei Nachmittagen die Woche arbeitet er weniger oder gar nicht und kümmert sich um die Betreuung der Kinder. Anstrengend bleiben jedoch die Bereitschaftsdienste, die sie manchmal übernehmen muss. Dann hat sie so manche Nacht nicht geschlafen und muss doch morgens wieder für die Kinder fit sein. „Dann kann es auch mal chaotisch werden.“ Ansonsten klappe die Verknüpfung von Familienleben und Beruf vor allem deshalb gut, weil die Familie ein eingespieltes Team sei, die fünf Kinder gut mitdächten – und weil sie als Ärztin niedergelassen ist. „In einer Klinik hätte ich mir das nicht zugetraut.“

Familienfeind Klinik?

Denn auch wenn eine Angestelltenexistenz gegenüber der Selbst­ständigkeit gewisse Sicherheiten bringen mag, im klinischen Berufsleben herrschen dafür andere Zwänge: Patienten müssen schließlich rund um die Uhr versorgt werden, Notfälle richten sich nicht nach Dienstplänen der Ärzte. Dennoch, darauf weist die Bundesärztekammer hin, sind Kliniken gegenüber ihren Angestellten in der Pflicht. Viele Klinikbetreiber hätten es bisher versäumt, ihre Arbeitsstrukturen den veränderten Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter anzupassen; die Klinikwelt sei gekennzeichnet „vom Anspruch an eine fast permanente berufliche Verfügbarkeit der Mitarbeiter“, bei der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf „zwangsläufig auf der Strecke“ bliebe. 

Doch schon denken einige Kliniken um und erarbeiten familienfreundliche Konzepte: Das städtische Klini­kum Braunschweig betreibt zum Beispiel einen eigenen Betriebskinder­garten, in dem bis zu 80 Kinder aufgenommen werden können. Die Rand­öffnungszeiten sind an die Schichtpläne ihrer Eltern angepasst: Die Kita startet morgens um 6:00 Uhr und schließt nicht vor 20:00 Uhr abends; Ferien­zeiten, wie bei vielen Tagesstätten üblich, gibt es nicht. Außerdem bietet das Krankenhaus seinen Mitarbeitern Betreuungsmöglichkeiten in Notfällen. Die Klinik ist heute kein Einzelfall mehr: Gut 80 Kliniken und Krankenhäuser hat die Beruf und Familie Service GmbH, ein Managementdienstleister unter dem Schirm der Hertie-­Stiftung, bislang als familienfreundlich eingestuft und ihnen ein entsprechendes Zertifikat verliehen. Große Unikliniken und solche unter privater Trägerschaft sind darunter, aber auch Akutkrankenhäuser und freigemeinnützige Einrichtungen. 

Die Kliniken haben auch kaum eine andere Wahl, als auf Familienfreundlichkeit zu setzen, um Ärztenachwuchs anzuwerben. Sie brauchen die jungen Frauen, brauchen die Mütter, wenn sie nicht bald ohne ärztliches Personal dastehen wollen. Das Etikett „familienfreundlich“ hat eine besondere Werbewirkung: In zahlreichen Stellenanzeigen für Ärztenachwuchs findet sich dieses Prädikat. 

Wir sollten uns doch auch mal ­wieder darüber klar werden, was Kinder ­bedeuten, ­welche Freude sie mitbringen.

Kein reines Frauenthema mehr

Und mehr noch: Statt nur auf die berufstätigen Mütter und ihre Bedürfnisse zu schauen, geraten nun auch die Väter stärker in den Blick: Statt nur von der „Feminisierung“ der Medizin zu sprechen, bevorzugen heute viele den Begriff „Familisierung“: Die Deutsche Gesellschaft für Or­thopädie und Unfallchirurgie betitelte so jüngst eine Ver­anstaltung. Denn schließlich wollen auch immer mehr Männer häufiger Zeit mit ihren Kindern verbringen, mehr als nur der Gute-Nacht-Kuss-Papi sein, der kaum zu Hause ist. Das 2007 in Kraft getretene Elternzeitgesetz ermöglicht auch Vätern, in Elternzeit zu gehen – eine Option, die immer mehr Männer nutzen: Für mehr als ein Drittel der 2014 geborenen Kinder bezog nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater Elterngeld – das sind 2,2 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. 

Und auch die Kliniken entdecken die Väter: Die Charité hat schon vor acht Jahren den damals deutschlandweit ersten Väterbeauftragten eingesetzt, andere Häuser, etwa die Kliniken Essen und Braunschweig, haben in den letzten Jahren nachgezogen: Hier kümmern sich eigens abgestellte Ver­trauenspersonen um die Belange von männlichen Kollegen, beraten sie in Sachen Elternzeit, geben Tipps zum Elterngeld und beantworten Fragen zu Ruf- und Bereitschaftsdiensten in der Elternzeit. 

Allesamt Initiativen, die auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch in der Medizin abzielen. Und auch im Sektor der Niedergelassenen tut sich etwas, gibt es laut Bundesärztekammer einzelne Gemeinden, die für Wochenenden und Feiertage Bereitschaftsdienstzentralen bereithalten: Die Ärzte im Bereitschaftsdienst verrichten ihren Dienst in Schichten und übernehmen die Präsenzpflicht der Niedergelassenen. „Hier ist dann auch ungestörtes Privatleben am Wochenende möglich“, so die BÄK.

Es scheint sich gerade einiges zu verändern im Be­wusstsein gegenüber berufstätigen Ärzten und Ärztinnen; und vielleicht kann künftig auch das helfen, woran Sabine Ridder erinnert: „Wir sollten uns doch“, so sagt sie, „auch mal wieder darüber klar werden, was Kinder bedeuten, welche Freude sie mitbringen.“ Und mehr noch: Welche besonderen Kompetenzen sie auch in ihren Eltern fördern und hervorbringen. Wer Kinder habe, sagt Ridder, bringe viel Positives mit in die Praxis oder Klinik. „Die Arbeitgeber und Kollegen müssen nur laut und überzeugt ‚Ja‘ dazu sagen!“

Wir verwenden auf dieser Seite Cookies. Wenn Sie auf OK klicken oder weiter diese Seite nutzen, sind Sie mit der Nutzung von Cookies einverstanden. Mehr Informationen und Möglichkeit zur Deaktivierung.