Gastkommentar

Es lebe die Bürokratie!


Vor fünf Jahren fasste der Gesetzgeber den umstrittenen Paragraphen 116b SGB V neu. Alles sollte gut werden für die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV). Ist es aber nicht.


Text: Martina Merten

Eine ASV, die keiner kritisiert. Das ist wünschenswert. Doch scheinbar nicht möglich. Schon Ulla Schmidts Paragraph 116b, den die damalige Gesundheitsministerin im Jahr 2009 in das Sozialgesetzbuch einführte, sorgte für Unzufriedenheit. Denn ausschließlich Krankenhäuser sollten für die ambulante spezial fachärztliche Versorgung geöffnet werden, um Patienten mit seltenen oder besonderen Krankheitsverläufen zu behandeln. Niedergelassene blieben außen vor. 

Im Zuge des Gesetzes zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der GKV beendete der Gesetzgeber 2012 den von vielen als unfair bezeichneten Wettbewerb. Seitdem gelten für alle, Praxen und Krankenhäuser, gleiche Wettbewerbsbedingungen bei der ASV mit einer Vergütung zu festen Preisen. Arztpraxen und Kliniken sollen und dürfen die ambulante medizinische Versorgung von schwerkranken Patienten gemeinsam übernehmen. Interdisziplinäre Ärzteteams in Praxen und Kliniken in einem Boot, das klingt gut.

Heute, fünf Jahre nach der Überarbeitung des 116b, ist die Freude über die ASV äußerst verhalten. Das ist bei genauerer Betrachtung mehr als nachvollziehbar. Ja, es ist schlichtweg sensationell, dass sich trotz der immensen Anforderungen, die der Gesetzgeber in seinem Regelungskonstrukt an gewillte Ärzte und Krankenhäuser stellt, innerhalb der letzten drei Jahre überhaupt 62 ASV-Teams gebildet haben. 41 Teams setzten die ASV bei Patienten mit gastrointestinalen Tumoren (GiT) um, 21 Teams beschäftigten sich mit Tuberkulose-Patienten, hieß es kürzlich aus dem ASV-Bundesverband. Einige weitere Teams für andere Indikationsbereiche, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) für die ASV festgelegt hat, so für Rheuma, setzen sich derzeit zusammen.

Allein das Verfahren, nach dem ASV-Teams ihre Kooperation beim erweiterten Landesausschuss (eLA) des KV-Bereichs anzuzeigen haben, scheint aberwitzig. Der Antrag muss alle Anforderungen und Voraussetzungen der ASV-Richtlinie erfüllen. Bereits beim Lesen der 400 Seiten umfassenden Richtlinie kommt Freude auf. Das muss es auch, denn zu der Richtlinie gibt es noch Anlagen. Der G-BA hat spezielle Regelungen für die einzelnen Indikationsbereiche festgelegt. 2014 schloss er die Arbeit für die Bereiche Tbc und GiT ab. So wird für jedes Krankheitsbild auch einzeln definiert, welche Leistungen im Rahmen der ASV abgerechnet werden dürfen. 

Ein Team, sagte Norbert Lettau vom eLA Hamburg neulich, habe 3000 Seiten eingereicht. Nicht in einem einzigen Fall haben die Teams Lettau zufolge alle erforderlichen Unterlagen vollständig eingereicht. Damit ist die Prüfung des Antrags durch den eLA jedes Mal unterbrochen. Bremst das nicht auch den Enthusiasmus der ASV-Teams? 

Auch um sich mit dem Abrechnungsprozedere vertraut zu machen, ist Geduld gefragt. Das Verfahren wurde für die an der ASV teilnehmenden Ärzte und Krankenhäuser neu aufgesetzt, es gibt zwei getrennte Abrechnungsverfahren je nach Versorgungsebene. Abgerechnet wird mit den Kassen, im Einzelfall auch über die KV. Langfristig soll es eine eigene Vergütungssystematik geben. Der Weg dahin, sagen viele, sei steinig, da komplex. 

Ist die extrabudgetäre Vergütung, die teilnehmenden Ärzten und Kliniken winkt, wirklich Anreiz genug, um sich durch all diese Arbeit zu quälen? Stimmen aus der Praxis lassen durchschimmern, dass Idealisten durchaus Freude an der neuen Versorgungsform haben. Das sind vor allem Menschen, die wie Professor Christoff Jenschke von der bbw Hochschule sagte, Spaß an Verwaltungstätigkeiten mitbringen. Dass es die gibt, ist gut. Eine flächendeckende Entwicklung der ASV, wie von vielen gewünscht, scheint bei den derzeitigen Anforderungen aber höchst unwahrscheinlich. 

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