Praxismanagement

Bleibt schön gesund!


Betriebliche Gesundheitsförderung Die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu stärken, dafür setzen sich heute viele Unternehmen ein. Auch Arztpraxen können etwas für ihre Angestellten tun – manchmal reichen schon kleine Maßnahmen.


Text: Romy König

Gut 40 Frauen waren zum Casablanca-Filmkunsttheater etwas außerhalb der Nürnberger Innenstadt gekommen: Fachangestellte aus Hausarztpraxen und aus Facharztzentren, aber auch Auszubildende nahmen in den Kinosesseln Platz, um sich den Dokutainment-Film „Voll verzuckert“ anzusehen – in einer exklusiven Nachmittagsvorstellung, nur für sie. Was ein wenig nach Betriebsausflug klingt, diente als Auftaktveranstaltung für ein neues Präventionsprogramm: Ein Jahr lang können die 350 medizinischen Fachangestellten und Azubis des Nürnberger Ärztenetzwerks „Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz“, kurz QuE, an Aktionen und Vorträgen zur Gesundheitsvorsorge teilnehmen, Sportkurse besuchen und sich über Themen wie Ernährung, Entspannung, Ergonomie und Bewegung informieren. Der regionale Ärzteverbund hat das Programm initiiert, um seine Mitarbeiter für Gesundheit zu sensibilisieren. Für Veit Wambach ist das der richtige Ansatz, um Menschen zu erreichen: „Prävention hat nur Erfolg, wenn sie bei den Menschen ankommt“, so der Vorsitzende des Netzwerks. „Deshalb sollten diese Maßnahmen dort starten, wo die Mitarbeiter einen Großteil ihres Tages verbringen – am Arbeitsplatz.“

Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) nennt sich das, was die Nürnberger Ärzte hier vorantreiben. Etwas offizieller werden unter dem Begriff „alle gemeinsamen Maßnahmen von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Gesellschaft“ verstanden, die „zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz“ führen – so umschreibt es eine Deklaration, die mehrere EU-Mitgliedsstaaten bereits 1997 in Luxemburg verabschiedet haben. Die Erklärung gilt als Meilenstein: Hier ist erstmals ein europaweites Verständnis für Gesundheitsförderung im betrieblichen Umfeld entstanden. Das Europäische Netzwerk für betriebliche Gesundheitsförderung, zu dem sich die Unterzeichner kurz zuvor zusammengeschlossen hatten, ist heute noch aktiv und wird koordiniert von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua). 

Von der Baua-Zentrale in Dortmund sowie von den Analysten der Krankenkassen kommen jährlich Zahlen, die ein Bild vom Gesundheitszustand deutscher Arbeitnehmer zeichnen: So betrug der Krankenstand 2016, das gab die DAK im Januar bekannt, 3,9 Prozent; der häufigste Grund für Krankmeldungen waren Muskel-Skelett-Beschwerden wie Rückenschmerzen (22,2 Prozent) sowie psychische Leiden (17,1 Prozent). Diese Beschwerden sorgen auch für die meisten Fälle von Erwerbsunfähigkeit, wie die Baua in ihrem Report 2016 mitteilt: 73.000 Menschen sind 2014 wegen seelischer Probleme frühzeitig in Rente gegangen, knapp 22.000 Menschen wegen Erkrankungen am Muskel-Skelett-Apparat. 

Könnte man solche Krankheitsfälle und Frühverrentungen durch gesundheitsbewusstes Verhalten am Arbeitsplatz verhindern? In Nürnberg starten sie zumindest den Versuch. Die QuE-Arzthelferinnen lernen in Kursen, wie sie mit Stress und Krisen umgehen können, arbeiten an ihrer „Resilienz“, also der inneren Widerstandsfähigkeit, kommen aber auch bei Yoga und Qigong zur Ruhe. Zusätzlich gibt es Rückentrainings und Ernährungsberatung – alles organisiert vom Arbeitgeber, zum Teil mit Unterstützung einer Krankenkasse.

Die „ungesunden Gesunden“ erreichen

Tatsächlich sei gerade der Arbeitsplatz „ein wichtiges Setting, um ‚schwierige‘ Zielgruppen zu erreichen“, erklärt Karsten Neumann, Geschäftsführer des IGES-Instituts, das unter anderem Gesundheitsentwicklungen erforscht. Gut ein Viertel der Deutschen lebt ungesund, wie Neumann vor ein paar Jahren in einer Studie ermittelte. Diese Menschen bewegen sich wenig oder falsch, ernähren sich schlecht, rauchen oder trinken zu viel Alkohol. Jene unter ihnen, die an Krankheiten leiden, könnten laut Neumann – im Sinne einer tertiären Prävention – durch einen Arzt aufgefangen, hier also nicht nur behandelt, sondern auch beraten werden. Was aber geschieht mit den Personen, die zwar ebenfalls einen ungesunden Lebensstil pflegen, aber (noch) kaum gesundheitliche Einschränkungen haben? Die sich so gesund fühlen, dass sie nie oder selten zum Arzt gehen? Genau diese Zielgruppe, laut Neumanns Studie sind dies immerhin 12,4 Prozent der Deutschen, könnte mit Programmen am Arbeitsplatz zum Umdenken angeregt werden.

Große Unternehmen waren die ersten, die sich in Deutschland mit der Frage beschäftigten, wie sie die Gesundheit ihrer Mitarbeiter in ihrer Unternehmenskultur verankern, sie in ihr Leitbild aufnehmen können. Konzerne wie der Automobilhersteller Daimler, die Deutsche Telekom oder auch der Bertelsmann Verlag entwickelten Programme für ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und berichten seither regelmäßig auf Kongressen von ihren Ergebnissen: Daimler etwa richtete bereits vor mehr als zehn Jahren den Bereich Health & Safety ein, eine zentrale Abteilung, die sich ausschließlich um Gesundheitsbelange der Mitarbeiter kümmert und Themen wie Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin oder gesundheitliche Förderung aus einer Hand koordiniert – mit Erfolg: Durch gezielte Programme wie etwa Kräftigungstrainings am Arbeitsplatz konnte der Konzern nach eigenen Angaben die Arbeitsunfähigkeitstage und -fälle seiner Mitarbeiter um 20 bis 35 Prozent reduzieren.

Gibt es genügend Licht, aber ohne dass es blendet? Ausreichend Frischluft? Wie lässt sich Funkstrahlung vermeiden?

Gesunde Ernährung

Sie stellen einmal wöchentlich eine große gefüllte Keksdose ins Teamzimmer? Wie wäre es mal mit einer Schüssel Weintrauben – oder am besten gleich mit einem Obstkorb?

Krank? Blumenstrauß von der Personalabteilung

Übrigens: Auch die PVS engagiert sich für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. So betreibt die PVS Baden-Württemberg seit vergangenem Jahr ein Eingliederungs-Programm für Mitarbeiter, die länger krank geschrieben waren, bietet Hilfe an, fragt nach, ob sich die Menschen bei ihrem Arzt gut betreut fühlen oder weitere Unterstützung brauchen. BGM ist für die baden-württembergische PVS aber nichts Neues, betont Personalleiterin Gabriele Hardt: „Seit 2009 bieten wir den Mitarbeitern private Krankenzusatzversicherungen sowie Zuschüsse für Arbeitsplatzbrillen.“ Bei längerem Ausfall wegen Krankheit schickt die PVS den Mitarbeitern auch mal Genesungsschreiben nach Hause – samt Blumenstrauß. „Sie werden spüren, wie sehr wir an Sie denken“, steht dann etwa in den Briefen, „und dass unsere gedankliche Unterstützung mindestens so wirkungsvoll ist wie die ärztlich verordnete Ruhe.“

Betriebliche Gesundheitsförderung – nur etwas für die Großen?

Karsten Neumann sieht die Gesundheitsfördermaßnahmen in deutschen Betrieben jedoch mit vorsichtigem Optimismus: „Die Maßnahmen zur BGF nehmen zwar immer mehr zu“, so der IGES-Manager: Allein zwischen 2007 und 2012 sei etwa der Anteil der Unternehmen, die BGM anbieten, von 25 auf 50 Prozent gewachsen, auch die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für betriebliche Gesundheitsmaßnahmen stiegen kontinuierlich an – zuletzt auf jährlich 76 Millionen Euro. Aber: Es komme zu wenig davon bei den Menschen an; vor allem die vielen kleineren und mittelständischen Unternehmen hinkten lange hinterher. 

„In kleinen Unternehmen ist es häufig sehr schwierig, Maßnahmen des BGM umzusetzen“, erklärt Ulrike Nöth vom Nürnberger Ärztenetz QuE. Auch einzelne Arztpraxen könnten, so ihre Beobachtung, oftmals keine umfangreichen Programme anbieten. Dabei mangele es den Ärzten nicht nur an Zeit oder Know-how, um Gesundheitsangebote für ihre Mitarbeiter auszuarbeiten; meist fehle ihnen auch ein Bewusstsein für Gesundheitsthemen in der eigenen Praxis: „Viele Ärzte sehen einfach den Bedarf nicht. Da muss erst jemand von außen kommen, um ihnen zu zeigen, wo sie bei ihren Mitarbeitern ansetzen können.“

Gesamte Arztpraxis durchleuchten

So ein „Jemand von außen“ – das ist zum Beispiel Manfred Just. Der gelernte Sportlehrer hat sich darauf spezialisiert, Ärzten – hauptsächlich Zahnmedizinern – und ihren Mitarbeitern gesundes Verhalten am Arbeitsplatz nahe zu bringen, berät und schult sie in Sachen Ergonomie. „Für viele Zahnärzte und Arztassistenten geht es schon kurz nach dem Start ins Berufsleben los mit Wirbelsäulenbeschwerden und Kopfschmerzen“, so Just. Das liege zum einen an der – gerade für Zahnarztteams typischen – gebeugten Arbeitshaltung, aber auch an psychischem Stress oder Faktoren wie Elektrosmog. Just sieht niedergelassene Ärzte in der Pflicht, für ihre Mitarbeiter zu sorgen. „Laut Arbeitsschutzgesetz ist ein Arbeitgeber, also auch ein Praxisinhaber, für die Verhütung von Schädigungen seiner Beschäftigten zuständig.“ Dazu gehöre auch das Verhindern von schleichenden Schäden: „Der Arzt muss dafür Sorge tragen, dass aus Belastungen am Arbeitsplatz keine schädliche Beanspruchung wird, die auf Dauer nicht bewältigt werden kann.“ 

Bei seinem Rundgang durch eine Praxis kommt deshalb alles auf den Prüfstand. Die Arbeitsumgebung etwa: Gibt es genügend Licht, aber ohne dass es blendet? Ausreichend Frischluft? Wie lässt sich Funkstrahlung vermeiden? Auch Praxismöbel und Computerhardware werden auf Ergonomie geprüft. „Ergonomisches Arbeiten bedeutet, so zu arbeiten, dass der Mensch gute Leistungen erbringt, aber dabei auch gesund, fit und leistungsfähig bleibt“, so Just. Er lässt sich außerdem die Abläufe in der Praxis erklären, sucht mit Ärzten und Mitarbeitern nach Auslösern für negativen Stress, bespricht Arbeitszeitmodelle und Pausenregeln. „Die Kunst des richtigen Arbeitens ist auch die Kunst der richtigen Pause“, sagt Just. Angestellte bräuchten Freiräume, müssten sich auch mal für eine Minute zurückziehen und durchatmen können, am Tee nippen, sich strecken – selbst dann, wenn das Wartezimmer voll sei. 

Dass Just, der Sportlehrer, auch nach Feierabend zu Bewegung rät, wundert kaum. Aber nicht umsonst gehören Sportkurse oder Lauftreffs zu den betrieblichen Gesundheitsprogrammen vieler Firmen. QuE organisiert sogar Fahrradtouren und Golfkurse. Der Renner aber seien die Kochlehrgänge, sagt Ulrike Nöth – und verrät, warum: „Natürlich erhalten die Teilnehmer hier wertvolle Tipps zu bewusster Ernährung, zum schonenden Garen, zu Superfoods“, so die Koordinatorin. „Aber viel wichtiger noch: Es wird dort unheimlich viel gelacht.“ Und Lachen ist ja noch immer die beste Gesundheitsvorsorge.

„Manchmal reicht schon eine Fußablage unter dem Schreibtisch, und die Angestellten sitzen besser.“

Das können Sie als Praxisinhaber tun

Sicher, Verbundnetze wie das Nürnberger Ärztenetz QuE haben es leichter, großflächige BGF-Programme für ihre Mitarbeiter aufzusetzen. Aber auch Einzelpraxen können einiges für die Gesundheit ihrer Angestellten tun. Experten raten gerade kleineren Betrieben dazu, den Bedarf abzufragen statt in wilden Aktionismus zu verfallen. Was wünschen sich die Mitarbeiter? Gegen welche Beschwerden würden sie gern etwas tun? Wo wünschen sie sich Unterstützung? Auf den Folgeseiten finden Sie ein Bouquet an Möglichkeiten.

„Kurse wie wir sie veranstalten, können auch Einzelpraxen buchen“,

so ein weiterer Tipp von Ulrike Nöth. Sie rät außerdem, für Kurse dieser Art wie auch für Sportkurse den Kontakt zu Krankenkassen zu suchen – diese sind per Präventionsgesetz verpflichtet, bestimmte Maßnahmen zu unterstützen.

Hier gibt es Unterstützung

Seit Mitte 2015 ist in Deutschland das neue Präventionsgesetz in Kraft. Es soll die Gesundheitsförderung stärken – in Schulen und Pflegeheimen, aber auch am Arbeitsplatz. Gerade kleinere und mittlere Betriebe will das Gesetz unterstützen: Sie sollen über BGF-Möglichkeiten informiert werden, leichteren Zugang zu den Leistungen der Krankenkassen haben und Hilfen erhalten. 

Das bedeutet: Praxisinhaber mit Interesse an BGF sollten sich an eine Krankenkasse wenden. Empfehlenswert ist dabei die Kasse, bei der ein Großteil der Mitarbeiter versichert ist. Mögliche Leistungen der Kassen sind unter anderem: Analysen zur Bedarfsermittlung, Beratung über die Gestaltung der Arbeitsplätze und verhaltensbezogene Präventionsangebote (bedarfsbezogen). 

Arbeitgeber können pro Mitarbeiter und Jahr bis zu 500 Euro für qualitätsgeprüfte Maßnahmen zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands sowie zur BGF steuerfrei ausgeben. Die Finanzämter orientieren sich dabei an Qualitätskriterien der Krankenkassen, die im „Leitfaden Prävention“ festgehalten sind.

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