Gastkommentar

Heilsamer Wettbewerb


Privatversicherten drohen im kommenden Jahr stark steigende Prämien. Dies beflügelt ausgerechnet im Wahljahr die Befürworter der Einheitsversicherung.


Text: Dorothea Siems

Der Privaten Krankenversicherung stehen ungemütliche Zeiten ins Haus. Ausgerechnet im Wahljahr steigen für zwei Drittel der rund neun Millionen Versicherten die Prämien kräftig. Das erwartete Plus von durchschnittlich mehr als zehn Prozent stürzt die Branche in eine veritable Krise. Denn zum einen erschwert ein solcher Anstieg das Neukundengeschäft. Zum anderen bietet der Prämienschub den Verfechtern einer Einheitsversicherung ein neues Argument für ihr Bestreben, die PKV abzuschaffen. Das kapitalgedeckte Versicherungssystem sei krisenanfälliger als die GKV, lautet das Argument. Dass sich die Privatversicherten nicht am Solidarausgleich beteiligten, ist ein weiterer, altbekannter Vorwurf. Doch beides ist falsch. Weder für die Versicherten noch für die Leistungserbringer wäre die Bürgerversicherung, in die auch alle Selbstständigen, Beamten und Besserverdienenden einzahlen müssten, von Vorteil – im Gegenteil.

Die aktuellen Finanzprobleme der PKV sind eine Folge der extrem niedrigen Zinsen, mit denen die Europäische Zentralbank gegen die Wachstumsschwäche in den Schuldenländern Südeuropas ankämpft. Nicht nur die privaten Krankenversicherer, sondern auch Lebensversicherungen und Sparkassen leiden unter dieser umstrittenen Geldpolitik. Da die PKV für jedes Mitglied Kapital anspart, um damit die im Alter steigenden Gesundheitskosten zu finanzieren, müssen fehlende Zinseinnahmen durch höhere Prämien ausgeglichen werden. Die GKV hat dieses Problem nicht. Denn sie sorgt nicht für die Zukunft vor, sondern gibt die eingehenden Beitragseinnahmen umgehend aus. Derzeit können die Krankenkassen selbst die stark gestiegenen Ausgaben gut verkraften, da sie von der Rekordbeschäftigung und steigenden Löhnen profitieren. Doch das Umlageverfahren hat seine große Bewährungsprobe noch vor sich. Denn ein System, bei dem die Jungen den Großteil der Beiträge zahlen, während die Alten den Löwenanteil der Kosten verursachen, ist extrem demografieanfällig. Der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums prognostiziert in einer aktuellen Studie für die GKV einen Anstieg des Beitragssatzes von derzeit 14,7 auf 25 Prozent bis 2040. Es erscheint undenkbar, dass die Wirtschaft einen derartigen Beitragsschock verkraften könnte, zumal gleichzeitig auch die Pflege und die Rentenversicherung erheblich teurer werden. Angesichts dieser Perspektive wäre es fahrlässig, mit der PKV ein System abzuwickeln, das für die Zukunft mit einer rasant alternden Bevölkerung aufgrund seiner angesparten Kapitalreserven deutlich besser gerüstet ist.

Auch das Argument fehlender Solidarität sticht nicht. Zum einen zahlen privat Versicherte nicht per se weniger für ihren Krankheitsschutz. Die Hälfte der PKV-Mitglieder sind Beamte, die oftmals keine hohen Einkommen haben. Im Alter steigen zudem in aller Regel die Prämien, während Rentner in der GKV geringere Beiträge zahlen als die Arbeitnehmer. Überdies findet in einem erheblichen Umfang eine Quersubventionierung der Krankenkassen durch die private Konkurrenz statt. Denn Ärzte, Klinken und andere Leistungsanbieter rechnen bei Privatversicherten höhere Sätze ab. Viele Praxen und Krankenhäuser wären ohne diese Patienten schlicht nicht überlebensfähig. Die PKV ist zudem großzügiger, wenn es um neue Medikamente und Therapien geht. Dies treibt Innovationen, die später auch Kassenpatienten zugute kommen. Vor allem aber setzt die private Konkurrenz die GKV unter heilsamen Wettbewerbsdruck. Weil ein Teil der Bürger die Wahlfreiheit hat, müssen sich AOK, Barmer & Co um Attraktivität bemühen. Bei einer Einheitsversicherung fahren am Ende alle Kunden schlechter.

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