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Telemedizin  In den USA sind Online-Sprechstunden schon lange üblich. Nun bieten auch erste deutsche Start-ups Plattformen für Arzt-Videokonsultationen an. Sie könnten sich durchsetzen. 


Text: Romy König Illustration: Martin Schulz

Die Idee reifte vermutlich irgendwo zwischen Ja-Wort und Hochzeitstorte: Was, wenn Patienten ihre Ärzte künftig einfach online konsultieren könnten? Ihnen per Webcam Fragen stellen, die Dosierung von Medikamenten besprechen, eine Wunde begutachten lassen könnten? Als Nicolas Schulwitz auf einer Hochzeit einen alten Freund aus Schülertagen trifft – ersterer damals Referent bei der Knappschaft, letzterer Softwareentwickler –, diskutieren beide genau darüber: ob Online-Sprechstunden in Deutschland eine Chance hätten. Schulwitz hatte solche Modelle zuvor in den USA erlebt, wie er kürzlich in einem Interview erzählte, und schnell gedacht: „Das ist die Zukunft.“

Seine Zukunftsvision ist mittlerweile in Deutschland angekommen, genauer: in fast zwei Dutzend Hautarztpraxen. Diese Fachärzte nehmen teil an einem neuen Pilotprojekt, bei dem neben der Techniker Krankenkasse und dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) auch Patientus mitwirkt – Schulwitz‘ 2011 gegründetes Unternehmen. Mit seinem Telemedizin-Start-up hat Schulwitz zwischenzeitlich eine Webplattform entwickelt, über die Videokonferenzen zwischen Arzt und Patient stattfinden können.

Und das funktioniert so: Der Arzt registriert sich einmalig online bei Patientus, wählt den gewünschten Tarif (etwa „Standard“ für 29 Euro monatlich mit einjähriger Vertragslaufzeit – oder „Professional“ für 59 Euro, monatlich kündbar) und erstellt ein Profil. Will er anschließend einen seiner Patienten zu einer Online-Sprechstunde einladen, vereinbart er mit ihm einen Zeitpunkt und händigt ihm eine TAN-Nummer aus – mit der kann sich der Patient zum verabredeten Termin bei Patientus einloggen und sich ins virtuelle Wartezimmer des Arztes setzen. Von dort aus schaltet ihn der Arzt zum Web-Gespräch. Da die Kommunikation über einen Webdienst, also direkt im Internetbrowser läuft, müssen weder Arzt noch Patient eine spezielle Software installieren.

Nur eine Erweiterung, kein Ersatz

Doch es gibt eine Bedingung für diese Art der Kommunikation: Die Behandlung muss persönlich in der Praxis begonnen haben, Ersttermine dürfen nicht über das Internet stattfinden. Das regelt in Deutschland die Muster-Berufsordnung (MBO) der Bundesärztekammer, die es Ärzten untersagt, Patienten ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien zu behandeln oder zu beraten. Zwar hat der Deutsche Ärztetag 2011 das sogenannte Fernbehandlungsverbot für den Bereich der Telemedizin gelockert. Doch die Erlaubnis zur Video-Sprechstunde gilt weiterhin nur, wenn der Arzt den Patienten vorher wenigstens einmal persönlich behandelt hat oder aber als Zweitarzt zu einer Videokonsultation hinzugezogen wird.

„Im Einklang mit dem ärztlichen Berufsrecht sind Video-Konsultationen vor allem als Ergänzung zur persönlichen Behandlung vor Ort gedacht“, bestätigt auch Marc Mausch, Diplomphysiker aus Schwerin. Auch er hat das Potenzial von Online-Sprechstunden erkannt und gemeinsam mit zwei Partnern im Dezember 2013 arztkonsultation.de gegründet – den zweiten deutschen Anbieter am Markt. Das Gründertrio hat sich nicht nur auf seine Spürnase verlassen, sondern vorher Kontakt zu ärztlichen Organisationen und Verbänden geknüpft. Schließlich könnten nur Mediziner beurteilen, wie sich ein solches Angebot „sinnvoll in den Praxis- oder Klinikalltag integrieren“ lasse. Hier aber erhielten sie Rückendeckung, etwa von der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern. Deren Vorstandsvize Fridjof Matuszewski bescheinigte ihnen: „Insbesondere in einem Flächenland können derartige Innovationen zu mehr Effizienz führen.“

Patienten sind interessiert – Ärzte zögern

Vor allem für Stammpatienten und auf dem Land, ergänzt Mausch, also dort, wo es wenige Fachärzte gebe, biete das virtuelle Arztgespräch große Vorteile: „Wer seinen Kardiologen nur kurz über auftretende Nebenwirkungen des Blutdrucksenkers informieren oder mit dem Rheumatologen die Erhöhung der Medikamentendosis besprechen möchte, für den bietet arztkonsultation.de die perfekte Form des Arztbesuchs“, ist der Start-up-Gründer überzeugt. „Ohne Anfahrt, ohne Zeitaufwand und gleichzeitig persönlich und vertraulich.“ Laut Angaben von Patientus sparen Ärzte etwa 34 Prozent an Zeit, wenn sie einen Patienten – etwa bei einem einfachen Kontrolltermin – über das Internet versorgen, statt ihn in ihrer Praxis zu empfangen.

Und die Patienten? Bevorzugen die nicht den engen Kontakt, die Zuwendung, die doch in einem persönlichen Gespräch viel eher gewährleistet sein kann als über einen Bildschirm? Nicht unbedingt, so eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung, die 2015 über 1000 Personen zu Videosprechstunden befragt hat: 45 Prozent würden, wenn sie könnten, ihren Haus- oder Facharzt zumindest gelegentlich per Internet konsultieren, darunter vier Prozent „so häufig wie möglich“, zwölf Prozent „des Öfteren“ und 29 Prozent „eher selten“. Zwar sagen auch 37 Prozent, dass sie das Angebot fast gar nicht nutzen würden. Doch vermutlich, so die Autoren der Studie, „fehlt vielen Befragten die konkrete Vorstellung von einem Video-Kontakt zu ihrem Arzt, da es das Angebot in Deutschland bisher kaum gibt.“

Die Studienleiter haben auch Experten befragt und mehr als 80 internationale Quellen ausgewertet, um ein breites Meinungsbild zu erhalten. Ergebnis: Videokonsultationen gelten unter den Experten als gut geeignet für Rückfragen, Beratungen, Befundbesprechungen und das Einholen von Zweitmeinungen. Gerade für die langfristige Begleitung von chronisch Kranken sei die Online-Sprechstunde ein passables Instrument, so die Fachleute. „Zudem könnte eine Video-Sprechstunde eine ‚Vorfilterfunktion‘ erfüllen“, heißt es in der Studie, „im Hinblick darauf, ob ein persönlicher Termin notwendig ist.“ Doch die Bertelsmann Stiftung weist auch auf mögliche Fehlentwicklungen hin: So berichtet sie von einer Untersuchung aus den USA, die ergeben habe, dass Ärzte in Video-Sprechstunden häufiger undifferenziert Breitbandantibiotika verordneten als ihre Kollegen im persönlichen Gesprächen.

Ob sich in Zukunft immer mehr Menschen in Deutschland einloggen, um sich von ihrem Arzt beraten oder behandeln zu lassen, mag weniger von den Patienten abhängen als vielmehr von den Medizinern – die nämlich scheinen laut Bertelsmann-Studie noch arg zu zögern. Zum einen, weil manche Ärzte keinen Nutzen für ihre Praxisorganisation und die Patientenversorgung erkennen könnten, so die Autoren, zum anderen wegen der unsicheren Vergütung. Tatsächlich werde eine eigene Abrechnungsziffer für die Online-Sprechstunde „derzeit noch erarbeitet“, heißt es bei Patientus. Aber der Anbieter verweist auf die Möglichkeiten, die Leistung als Telefonat abzurechnen und auf „Sondervereinbarungen“, die er mit Krankenkassen erarbeitet habe. Außerdem könnten Ärzte die Online-Sprechstunde als Selbstzahlerleistung anbieten und dafür eine „entsprechende GOÄ-Ziffer mit Steigerungssatz“ verwenden. An interessierte Ärzte gerichtet, schreibt Patientus auf seiner Webseite: „Der Patient akzeptiert diese Kostenübernahme bei der Buchung des Termins. Sie erhalten Ihr Honorar anschließend direkt von uns.“ Erste Patienten sagen bereits, sie seien durchaus bereit, für einen Dienst wie Patientus aus eigener Tasche zu zahlen, wenn sie dadurch Zeit sparen könnten: „Denn schließlich“, lässt sich ein Testpatient auf der Patientus-Homepage zitieren: „Zeitverlust und Anreise zum Arzt zahlt meine Kasse doch auch nicht.“

Unter den Hautärzten scheint sich das Angebot nun auch langsam durchzusetzen: Zwar sei die Teilnahme an der Videokonsultation für alle Hautarztpraxen freiwillig, sagt Klaus Strömer, Präsident des Dermatologenverbands BVDD und einer der ersten Ärzte, die die Patientus-Technik nutzen. „Aber wir haben bereits in der Testphase ein reges Interesse bei unseren Mitgliedern wahrgenommen.“

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