Praxisfinanzen

Ökologische Krankenhausführung – lohnt sich das?


Titel  Krankenhäuser sind bekanntlich Energieschleudern. Mit dem Green Hospital werden ökologische und nachhaltige Konzepte etabliert. Bayern belohnt den Einsatz von LED-Leuchten bis hin zum Blockheizkraftwerken sogar mit einer eigenen Auszeichnung. Ein Wettbewerbsvorteil auf dem hart umkämpften Klinikmarkt?


Text: Nicola Sieverling

Der Plan für das beschauliche Örtchen Meisenheim an der Glan in Rheinland-Pfalz klang kühn: Aus der Akutklinik mit drei Gebäudekomplexen, erbaut in den 50er und 60er Jahren und zum Teil zwei Kilometer voneinander entfernt, sollte eine moderne Versorgungseinrichtung werden. 40 Millionen Euro wurden in dieses Zukunftskonzept gesteckt. Das Ziel von Krankenhausträger – dem Landeskrankenhaus (AöR) – und dem Gesundheitsministerium war jedoch nicht nur die Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung im ländlichen Raum: Die Glantal-Klinik mit einem nachhaltigen Konzept in Ökologie, Ökonomie und Sozialem sollte mit dem Start der Baumaßnahmen 2012 als Leuchtturmprojekt etabliert werden – das erste Green Hospital für Rheinland-Pfalz. Genutzt wurden alle Elemente des DGNB-Zertifikats (Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen) und die Planungen an die speziellen Anforderungen angepasst. Ein Holzpelletkessel für ein nachhaltiges Energiekonzept, LED-Technik für die Reduzierung des Stromverbrauches, eine optimierte Wärmedämmung der Fassade und ein thermisches Komfortkonzept für alle Jahreszeiten im Gebäude. 

Dieser Beitrag zum Klimaschutz und zur Resourceneffizienz zahlt sich für die Glantal-Klinik in barer Münze aus, denn die erste Bilanz ein Jahr nach Inbetriebnahme ist erfolgsversprechend. Die Kosten für Heizenergie konnten um mehr als 60 Prozent gesenkt werden. Noch 2014 betrug die Rechnung für Gas 86.500 Euro, im Jahr 2015 für Gas und Pellets 68.500 Euro. Umgerechnet auf die Fläche waren dies im Altbau 11,23 Euro – im Neubau nur noch 4,29 Euro pro Quadratmeter. „Wir benötigen im Neubau nur noch 30 Prozent der Heizwärme. Die Einsparungen wurden mit einer höheren Wärmedämmung der Fassade, Dreifachverglasung und einer kontrollierten Be- und Entlüftung erzielt“, erklärt Dr. Gerald Gaß, Geschäftsführer Landeskrankenhaus (AöR). Die ökologische Krankenhausführung mit neuer Infrastruktur spare an den wesentlichen Stellen Ressourcen ein. Die Akutklinik mit 150 Betten kann sich jetzt mit dem DGNB Zertifikat in Gold schmücken. Mehr Green Hospital geht nicht.

Energiebedarf wie eine Kleinstadt

Für den Heilungsprozess ihrer Patienten benötigen Krankenhäuser viel Energie. Je nach Alter und Nutzung der Gebäude liegt der Energiebedarf bei mehreren hundert Kilowattstunden je Quadratmeter und Jahr. Der kontinuierliche Betrieb über 24 Stunden macht den Verbrauch großer Häuser dem einer Kleinstadt vergleichbar. Anhaltender Kostendruck und steigende Energiepreise lassen Klinikleitungen nach Auswegen suchen. Und die verbergen sich hinter dem Slogan Green Hospital, mit dem nachhaltige Energiekonzepte implementiert werden können. Die Kombination von umweltfreundlichen Energiequellen wie Solarzellen, Holzpellet- oder Blockheizkraftwerken, macht unabhängig von Energielieferanten und deren Preisdiktat und leistet einen Beitrag zum Klimaschutz. Der Begriff Nachhaltigkeit prägt zunehmend unsere Gesellschaft – grüne Akzente im Klinikalltag sind sozusagen „in“. Die Industrie bietet Komplettlösungen, moderne technische Alternativvarianten und einfach umzusetzende Maßnahmen an. 

Beispielsweise den Einsatz von Energiesparleuchten, die Stromkosten und C0²-Verbrauch deutlich senken. Die Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee setzt mit ihrem Neubau nicht nur auf gesundheitsfördernde Architektur und das hauseigene Rechenzentrum als ergänzende Wärmequelle. Die Engineeringexperten der weltweit agierenden Beraterfirma Drees & Sommer tauschten die herkömmliche Langfeldleuchte mit einer modernen LED-Beleuchtung. Die Berechnungen für ein typisches Patientenzimmer von 20 Quadratmetern zeigen eindrucksvoll die Wirkung von punktuellen Einzelaktivitäten: Der Energieverbrauch der LED-Beleuchtung liegt bei 35 Prozent bezogen auf den Verbrauch der Langfeldleuchte. „Der Return of Invest liegt bei circa vier Jahren“, so Markus Treiber, Associate Partner bei Drees & Sommer. Er und seine Kollegen begleiteten den Zertifizierungsprozess der Schön Klinik von der DGNB-Pilotphase bis zur begehrten Auszeichnung in Platin im April dieses Jahres. Die hohen Qualitätsanforderungen wurden vor allem durch ein ausgeklügeltes Raumkonzept erreicht. „Der Patient kann seine Raumtemperatur selbst einstellen. Das steigert den Komfort besonders in der wärmeren Jahreszeit und sorgt somit für eine schnellere Genesung“, betont Mark Daub, Projektpartner bei Drees & Sommer.

„Nur umweltbewusst wirtschaftenden Krankenhäusern wird es in Zukunft gelingen, medizinische Höchstleistungen zu tragbaren Kosten zu erbringen.“

Das Green Hospital als Wettbewerbsvorteil auf dem hart umkämpften Klinikmarkt? Die Patienten entscheiden sich wegen der guten medizinischen Leistungsangebote und der Kompetenz der Ärzte für ein Klinikum. Einen unmittelbaren Einfluss hat ein ökologisch ausgerichtetes Krankenhaus demnach nicht bei der Wahl. Dennoch sind Kriterien wie Raumklima, lösungsfreie Wandfarben mit Wohlfühlcharakter und eine qualitätsvolle Außengestaltung ein „add on“ für Patienten. „Der Mensch wird als Ganzes wahrgenommen. All diese Maßnahmen sind ein Zeichen der Wertschätzung“, ist sich Prof. Heinz Lohmann aus Hamburg sicher. Investitionen in nachhaltige Prozesse sorgen zudem für ein attraktives Arbeitsumfeld und erhöhen das Renommee einer Klinik. In Zeiten des Fachkräftemangels ein nicht zu unterschätzendes Kriterium. Gerade junge Fachkräfte schätzen engagierte Arbeitgeber, die sich eine ökologische Betriebsführung auf die Fahnen geschrieben haben. „Das Green Hospital kann auch eine Marke stützen, aber nicht kreieren. Medizin und Ergebnis müssen stimmen“, ergänzt der anerkannte Berater für die Gesundheitswirtschaft. 

Dennoch hält sich hartnäckig das Gerücht, dass eine umweltfreundliche Ausrichtung der Kliniken in der Bilanz nur Geld kostet. Ohnehin, so ist aus manchen Geschäftsetagen von Krankenhäusern zu hören, könne sich nicht jeder Träger einen Neubau leisten, um auf der grünen Wiese energieeffiziente Konzepte vom Keller bis zum Dach zu implementieren. „Wir müssen als Krankenhaus profitabel bleiben. Unser Job ist es, Menschen gesund zu machen“, lautet unisono der Einwand der Skeptiker am Green Hospital-Gedanken. Dr. Gerald Gaß, Geschäftsführer Landeskrankenhaus (AöR) hält nach seinen Erfahrungen mit der Neuausrichtung der Glantal-Klinik dagegen: „Aus meiner Sicht lohnt sich eine Investition in ökologische und nachhaltige Prozesse. Man darf sie allerdings nicht ausschließlich in Euro und Cent bewerten.“ Auch kleinere Standorte könnten von diesen modernen Strukturen profitieren. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) gibt zu bedenken, dass für Investitionen in den Umweltschutz eine Startinvestition benötigt werde, die sicherlich für manches Krankenhaus aufgrund der aktuellen finanziellen Lage ein hohe Hürde darstelle. „Grundsätzlich lohnt sich diese Startinvestition aber und dürfte langfristig zu Einspareffekten, in jedem Falle aber zu positiven Effekten für eine gesunde Umwelt führen“, betont Georg Baum.

Ansatzpunkte ökologischer Krankenhausführung

Energiequellen, Beleuchtung, Raumklima, Medizinprodukte, Umweltzertifizierung

Bayern als bundesweites Vorbild?

Das kann Ministerin Melanie Huml, in Bayern zuständig für Gesundheit und Pflege, nur bestätigen. Ihre vor vier Jahren gestartete Green Hospital Initiative mit der Auszeichnung an Krankenhäuser des Landes für ökologische Krankenhausführung erfreut sich stetiger Nachfrage. Mittlerweile nutzen nach einer aktuellen Umfrage des Staatsministeriums 103 Kliniken in Bayern ein Blockheizkraftwerk und 33 Kliniken eine Photovoltaikanlage zur Stromgewinnung. 23 Krankenhäuser haben eine Umweltzertifizierung nach DGBN, EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) oder ISO 14001 bzw. 50001 erhalten. In der „Best Practice Datenbank“ auf der Homepage des Ministeriums stellen bisher 23 Krankenhausbetreiber über 100 umweltschonende Maßnahmen bereit – zur Nachahmung empfohlen. Wer sich inspirieren lassen möchte, kann auch online im Maßnahmenkatalog blättern, der Möglichkeiten und Ideen für ein nachhaltig ausgerichtetes Krankenhaus bietet. „Schätzungen zufolge könnten die bayerischen Krankenhäuser allein durch energetische Verbesserungen jährlich eine mögliche Einsparung von rund einer Million Tonnen CO² realisieren“, rechnet Ministerin Melanie Huml vor. Sie ist sich sicher: „Nur umweltbewusst wirtschaftenden Krankenhäusern wird es in Zukunft gelingen, medizinische Höchstleistungen zu tragbaren Kosten zu erbringen.“ 

Das Bezirkskrankenhaus (BKH) Kempten dürfte somit rosigen Zeiten entgegen sehen. Als eines von 14 mit dem „Bayerischen Gütesiegel“ ausgezeichneten Krankenhäusern hat es sich der nachhaltigen Umweltpolitik verschrieben. Bezirkskrankenhaus und Klinikum verbindet nun eine gemeinsame Eingangshalle, Rezeption sowie eine zentrale, interdisziplinäre Notaufnahme. „Damit wird die Entstigmatisierung psychiatrischer Patienten gefördert. Durch die räumliche Nähe zum Klinikum vermeiden wir außerdem unnötige Fahr- und Transportwege“, sagt Wilhelm Egger, Regionalleiter Süd der Bezirkskliniken Schwaben, unter deren Dach sich das BKH befindet. Dreifachverglasungen der Fenster, Vitallicht für die tageslichtabhängige Beleuchtung sowie der große Anteil von außenliegenden Fluren mit Tageslicht sollen den Energieaufwand reduzieren.

Ökologisches Krankenhausmanagement braucht einen Masterplan mit ganzheitlicher Betrachtung für den „Energie-Check.“ „Auditoren, die diesen Veränderungsprozess begleiten, sollten den ganzheitlichen Blick für das Projekt haben. Das ist auch wichtig für die Budgetneutralität“, sagt Markus Treiber von Drees & Sommer. Siemens Healthineers bietet in Zusammenarbeit mit Siemens Building Technologies seit über fünf Jahren Beratungsleistungen mit einer strukturierten Klinikanalyse für das ungenutzte Potential im Bereich Strom und Wärme an. Der Fokus liegt in Deutschland auf Bestandsbauten mit jahrzehntelangem Investitionsstau. „Hier lohnt sich der Blick auf Bereiche wie Energieeffizienz. In einigen Bundesländern gibt es zudem Förderprogramme, die im Rahmen von Umbau und Sanierung Beratungsleistungen bezuschussen“, weiß Prof. Okan Ekinci, Leiter Healthcare Consulting der Sparte Healthineers.

Patientenzimmer der Zukunft mit Hightech

Die Asklepios Kliniken als bundesweiter Vorreiter für das Thema Green Hospital steckten gemeinsam mit 20 Partnerunternehmen über zwei Jahre Forschung und Entwicklung in den ROOM 2525®, einem Patientenzimmer voller Innovationen und technischer Highlights. Es vereint zeitgemäßes Design, Wohlfühlatmosphäre und Patientenfreundlichkeit mit Barrierefreiheit, höchsten hygienischen Ansprüchen und optimalen Bedingungen für Medizin und Pflege. Intelligente Beleuchtungs- und Akustikkonzepte, digitale Vernetzung und Umweltverträglichkeit setzen ebenfalls einen neuen Standard in der stationären medizinischen Versorgung. „Komfort, Sicherheit, Individualität, Schutz der Privatsphäre und aus beispielsweise der Hotellerie gewohnte Serviceleistungen rücken zunehmend in den Fokus. Dies trägt auch zu einer schnelleren und letztlich besseren Genesung bei“, sagte Dr. Wolfgang Sittel, Leiter Konzernbereich Architektur und Bau bei Asklepios, bei der ersten öffentlichen Präsentation des ROOM 2525® im Mai dieses Jahres. Die Reaktionen der Patienten sind durchweg positiv.

Beschaffungsprozesse überdenken

Umweltbewusste Klinikbetreiber können auch an anderen Stellschrauben drehen. Der prüfende Blick lohnt sich gerade auf Beschaffungsprozesse für Verbrauchsmaterial und medizinische Geräte. Der Einsatz von umweltfreundlichen Medizinprodukten bietet Kliniken heute die Möglichkeit der bestmöglichen Nutzung von Ressourcen. Beispielsweise kann ein 3T MR-Scanner wie der MAGNETOM Prisma bis zu 96 Prozent recycelt werden. „Zuvor maximieren wir dessen Nutzungsdauer im Markt durch unser Ecoline Programm. Hierbei werden Systeme von Siemens Healhineers nach einem ersten Einsatzzyklus zurückgekauft, wiederaufbereitet und im Markt angeboten“, erklärt Prof. Okan Ekinci von Siemens.

Im operativen Alltagsgeschäft gerät die intensive Beschäftigung mit diesen strategischen Fragen jedoch oftmals in den Hintergrund. „Es kann nicht nur darum gehen, billig einzukaufen und viel Abfall und Sondermüll zu produzieren. Klinikmanager müssen stärker begreifen, dass ein ökologischer Prozess auch ein ökonomischer Prozess ist“, mahnt Berater Prof. Heinz Lohmann. Wer Systempartnerschaften mit externen Experten eingehe, könne sich intensiv mit dem Kerngeschäft der Kliniken beschäftigen. „Wir sind im Übergang zur dritten Managementgeneration, die eine ganzheitliche und nachhaltige Betrachtungsweise anstrebt“, ergänzt Lohmann. Auch er weiß, dass mit viel Engagement langfristig strategische Ziele erarbeitet und formuliert werden – und letztlich in der Umsetzung am Jahreswirtschaftsplan scheitern. Dr. Gerald Gaß von der Glantal-Klinik in Meisenheim hat bei seiner Konzeption zum Green Hospital ähnliches erlebt. „Wir brauchen mehr Manager, die mit Visionen arbeiten und diese schrittweise umsetzen, ohne das große Ziel aus den Augen zu verlieren.“ 

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