Praxisfinanzen

Grün, ja grün …


… ist die Rendite. Die Nachfrage nach nachhaltigen, zugleich ökologisch-ethisch und ökonomisch erfolgreichen  Geldanlagen  boomt.


Text: Jan Rentzow

Um zu begreifen, welche Relevanz die Sache angenommen hat, macht es Sinn zu hören, was das für kommende Entwicklungen zuständige Zukunftsinstitut des weitsichtigen Forschers Matthias Horx zu sagen hat. Es gehe in Fragen der Nachhaltigkeit in unserem modernen Zusammenleben nicht mehr nur um Umweltschutz. Nein, es gehe um eine Art Leitprinzip. Es gehe um die gleichberechtigte Umsetzung und Berücksichtigung von umweltbezogenen, wirtschaftlichen und sozialen Zielen. Gleichberechtigt ist hier das wichtige Wort.

Als Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, neulich von einem echten Kompass sprach, unserer aller Navigationsgerät für eine Reise in die Zukunft, da meinte sie mit diesem Kompass die Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit sei ein allgemeiner Anspruch an unser Handeln geworden. Sie sei fest davon überzeugt, „dass sich das in den kommenden Jahren noch weiter durchsetzen wird.“ Nicht nur in der Produktion von Nahrung oder Jeans. „Die Menschen fragen nach nachhaltigen Anlagemöglichkeiten für ihr Erspartes.“

Für jede nachhaltige Geldanlagestrategie gilt das Dreieck: Rentabilität, Sicherheit und Verfügbarkeit.

„Ökologie muss auch ökonomisch sein, sonst macht es keinen Sinn.“ Das ist einer der Leitsätze von Alfred Platow, dem Vorstandsvorsitzenden der Ökoworld AG, der bereits vor 40 Jahren „den Bewusstseinswandel im Geldwesen“ zu initiieren begann und dessen Ökoworld-Fonds nun begeistert ausgezeichnet werden, weil sie gute Renditen aufweisen. Konsequent ausgeschlossen sind nicht nur Investitionen in Unternehmen, die Raubbau an der Umwelt betreiben, sondern auch die, die Menschenrechte verletzen, die auf Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Waffen, Atomenergie und Chlorchemie setzen. Platow war „Man of the Year 2012“ des Anlegermagazins „Cash“, Gewinner des Deutschen Fondspreises 2013, 2014 und 2016. Seit dem zweiten Mai 1996 setzt sein „Ökovision Classic C“ auf nachhaltige Investments. Seine Ökoworld-Aktienfonds verwalten rund 700 Millionen Euro, bei aller Gutmenschlichkeit streng auf Rendite ausgerichtet. Und die Sätze von Frau Merkel dürften ihm gefallen.

Fünf Checkpoints für sichere nachhaltige Geldanlagen

1
Anlagestrategie definieren

Es gilt das gleiche Dreieck aus Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit wie bei allen anderen Geldanlagen. Niedrige Risiken bergen Sparanlagen oder breit gestreute offene Aktienfonds – vergleichsweise hohe Risiken direkte Beteiligungen: geschlossene Fonds und Genussrechte.

2
Das eigene Nachhaltigkeitsverständnis überprüfen

Investitionen in welche Branchen und Industrien kommen für mich nicht in Frage? 

3
Nachhaltigkeitsvorstellungen abgleichen

Wie seriös ist das nachhaltig-ökologische Verständnis des Investments definiert? Wer kontrolliert die Einhaltung der Ausschlussversprechen? Sich im Zweifel an den ethischen und ökologischen Banken orientieren.

4
Kosten-Check

Die fälligen Gebühren für nachhaltige Geldanlagen variieren von Anbieter zu Anbieter beträchtlich.

5
Rendite-Check

Die Wertentwicklung eines nachhaltigen Fonds muss laut Studien mit der eines normalen Fonds mithalten können. Nicht aus falsch verstandener Treue an einem schlechten Investment festhalten.

Nachhaltiger Nachfrageanstieg

Auch Thomas Jorberg dürfte sich darüber gefreut haben. „Wir begrüßen derzeit jeden Monat knapp 2000 neue Kunden“, sagt der Vorstandschef der GLS Bank, einer Bank, die neben den Kirchenbanken, der Triodos Bank, der EthikBank und der UmweltBank als eines der wenigen deutschen Bankhäuser nicht nur einzelne Anlageprodukte, sondern die gesamte Geschäftstätigkeit auf sozial-ökologische Werte ausrichtet und damit spätestens seit der Katastrophe von Fukushima einen nachhaltigen Nachfrageanstieg erfährt.

Beim Branchenverband Forum Nachhaltige Geldanlagen e. V. (FNG) ist man der Bundeskanzlerin aufrichtig dankbar für ihre klaren Worte. „Auch Frau Merkel hat erkannt, dass die privaten Anleger nachhaltige Angebote suchen“, freute sich Claudia Tober, die Geschäftsführerin, gegenüber zifferdrei, und prognostiziert davon unabhängig ein weiteres Wachstum ihrer Branche.

Doch woher stammt die Nachfrage? Wie hoch sind die Renditen solcher Anlagen? Und was muss ich beachten, wenn ich mich nicht mehr nur für den reinen Wertzuwachs interessiere, sondern auch dafür, wie sauber dieser zustande kommt?

Mehr als 300 nachhaltige Investmentfonds gibt es in Deutschland. Allein im letzten Jahr stieg das Anlagevolumen um knapp 33 Prozent auf 20,6 Milliarden Euro. Zwar war das Gesamt-Volumen im Vergleich zu allen anderen Fonds (rund 2,2 Billionen Euro verteilt auf 12.000 Fonds) noch immer sehr klein, aber das Wachstum im Vergleich zu den neun Prozent aller deutlich höher.

„Die Hauptmotive für den Anstieg des Interesses sind ganz vielfältig“, sagt Monika Pietsch-Hadré, die bei der Verbraucherzentrale Bremen das Projekt „Gut fürs Geld, gut fürs Klima“ mitbetreut. Die globalen Themen Klimawandel, Atomkraft, Umweltverschmutzung seien keine exotischen Themen mehr, sondern Mainstream. Das allgemein niedrige Zinsniveau führe eher dazu, zu gucken, was inhaltlich hinter den bisherigen Finanzanlagen stecke und das erhöhe die Bereitschaft zu Alternativen. Die Finanzkrise habe das Vertrauen in die Seriosität der Banken gesenkt. Außerdem sei mit klassischen Geldanlagen, die in enger Verbindung mit dem gefallenen Ölpreis stehen, nicht so viel Geld zu verdienen. „Ich halte das nicht nur für eine Modeerscheinung, sondern für ein Ergebnis gesellschaftlichen Wandels“, sagt Pietsch-Hadré. „Es gibt für alle Produktbereiche von der Sparanlage mit geringem Risiko, über Rentenfonds, Aktienfonds bis hin zu Direktinvestments mit vergleichsweise hohem Risiko auch nachhaltige Produktalternativen im Angebot, für die man sich entscheiden kann.“

„Ökologie muss auch ökonomisch sein, sonst macht es keinen Sinn.“

Und die Rendite?

Und die Rendite? „Es gibt keinen Widerspruch zwischen Rendite und nachhaltiger Geldanlage. Wenn man einen langen Atem hat und seine Anlagen und das Risiko weit genug streut, sind nachhaltige Anlagen nicht schlechter als nicht nachhaltige“, so Pietsch-Hadré. Darauf verwiesen auch Studien. Manche Studien zeigen sogar ein leichtes, moderates Plus.

Schon 2007 hat die Börse Hannover zusammen mit der Ratingagentur Oekom Research mit dem Global Challenges Index (GCX) einen eigenen Nachhaltigkeitsindex ins Leben gerufen. In der Zeit seit seiner Auflegung am 3. September 2007 bis zum 31. März 2016 verbuchte er ein Plus von 84 Prozent. Der Dax verzeichnete im selben Zeitraum einen Zuwachs von rund 33 Prozent, der MSCI World von 61 Prozent.

Klar dürfte sein: Wer als Privatperson in den Markt einsteigt, beschäftigt sich auch mit Fragen, mit denen sich bisher vor allem institutionelle Anbieter beschäftigen, Pensionsfonds, Stiftungen. Deren strategische Investments haben auch mit Paris 2015 zu tun. Mit dem Klimaabkommen. In Frankreich hat die Weltgemeinschaft beschlossen, den globalen Temperaturanstieg auf höchstens zwei Grad begrenzen zu wollen. Der Übergang zu einer saubereren, emissionsarmen Wirtschaft soll gestaltet werden und mit ihm eine Transformation gelingen: die Reduktion oder Abkehr von fossilen Brennstoffen, die Entwicklung grüner Produktionsweisen und Technologien, die Veränderung unser aller Präferenzen im Konsum. 

Schon sind die Rockefellers – Ende des 19. Jahrhunderts durch Erdöl schwer reich geworden – mit ihrem Fonds aus ihrem Stammgeschäft ausgestiegen, schon verkauft der norwegische Pensionsfonds rund einhundert Unternehmen aus dem Energie- und Bergbausektor. Das überaus öffentlichkeitswirksame und zugleich reputationsreinigende Signal: „Böse“ Industriezweige sind für die gute Zukunft der Welt untragbare Geschäftsmodelle.

Es gibt keine Mindeststandards, die festlegen, ob eine Geldanlage als nachhaltig bezeichnet werden darf.

Grün und gut – auch für private Anleger?

Wenn institutionelle Anleger auf grün und gut setzen, wäre es da nicht Zeit für grünes Licht auch für die privaten Anleger? So könnte man argumentieren. Das macht auch der FNG. 

Doch was raten die Verbraucherschützer? Zu allererst: Geschmack und Risiko definieren. Ökonomisch. Und ökologisch. Monika Pietsch-Hadré: „Prinzipiell gilt für jede nachhaltige Geldanlagestrategie das gleiche Dreieck wie für jede andere Geldanlage. Rentabilität, Sicherheit und Verfügbarkeit.“ Hinzu kommt dann eine weitere Komponente, die des eigenen Nachhaltigkeitsverständnisses. Welche Nicht-Nachhaltigkeit möchte ich überhaupt noch dulden? Bin ich eher strikt oder pragmatisch? Was heißt in meinem Angebot der Ausschluss von Gentechnologie? Und was bedeutet grüne Gentechnologie in dem der Konkurrenz? 

Üblicherweise wird die Nachhaltigkeit eines jeden Fonds an so genannten ESG-Kriterien bemessen (Environment, Social, Governance). 800 verschiedene Merkmale umfasst der Katalog, deren Anwendung sich jedoch von Anlage zu Anlage unterscheidet.

Ein sehr großes Spektrum an Anlageformen kommt so zustande: Indem in bestimmte Branchen nicht investiert wird, zum Beispiel in Atomkraft, Pornografie oder Rüstung. Indem in ganz gezielte Branchen und Bereiche investiert wird, zum Beispiel in erneuerbare Energien oder Bildung. Oder indem in Unternehmen investiert wird, die gemessen an ethischen und ökologischen Kriterien die besten ihrer Branche sind, aber im Zweifel eben doch nicht zu wirklich nachhaltigen Industrien gehören. Oder indem die Investoren über die Gremien der Unternehmen gezielt auf das Management Einfluss ausüben und es ermutigen, seine sozialen und ökologischen Aktivitäten zu erhöhen. 

Das Problem? Die Dehnbarkeit der Begriffe. „Es gibt in den letzten Jahren immer mehr Anbieter und Fonds, die sich als nachhaltig bewerben, aber es gibt keine Mindeststandards oder gar ein unabhängiges Verbraucherlabel, wann eine Geldanlage so bezeichnet werden darf und wann nicht“, warnt die Verbraucherschützerin Pietsch-Hadré und formuliert es vorsichtig: „Die Tiefe der Nachhaltigkeit ist sehr unterschiedlich. Es gibt Anbieter, die sagen sehr genau, was sie tun. Andere sind sehr schwammig.“ 

Man sollte besser nicht grün hinter den Ohren sein, wenn man ein Geschäft abschließt. Lieber informiert. Oder wie es die Verbraucherschützerin sagt: Wer sich bei dem Angebot seines Anbieters nicht sicher sei, könne dieses an den Anlagerichtlinien der rein ethischen und ökologischen Banken abgleichen. Diese böten oft eine gute Bewertungsgrundlage.

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