Praxisfinanzen

Ärztliche Vorsorge


Betriebsrente  Viele Arztpraxen bieten keine betriebliche Altersversorgung (bAV) an. Es lohnt sich jedoch, die Vor- und Nachteile genauer zu betrachten – bAV-Basics für Praxisinhaber.


Text: Christiane Engelhardt

Demografischer Wandel, Rentenlücke, Altersarmut: wer heute über morgen nachdenkt, dem kommen häufig diese Schlagworte in den Sinn. Das Bedürfnis, „seine Schäfchen ins Trockene zu bringen“ nimmt zu. Sowohl bei den Praxismitarbeiterinnen mit Blick auf sich und ihre Familien als auch beim Arzt, der sich in der Fürsorgepflicht für seine Angestellten sieht. Die betriebliche Altersversorgung (bAV) ist ein aktuelles Gesprächsthema in vielen Praxen. Und ein Dauerbrenner in der politischen Diskussion. Zurzeit wird in der Öffentlichkeit etwa die von einigen Grünen- und Unionspolitikern vorgeschlagene so genannte „Deutschland-Rente“ diskutiert. Sie soll als staatlich organisierte Einheitsrente die privaten und betrieblichen Altersvorsorgeformen ergänzen. Die Idee basiert im Wesentlichen darauf, dass jeder deutsche Arbeitgeber Beiträge für seine Mitarbeiter an einen Fonds überweist, in dem das Kapital verwaltet und bestenfalls vermehrt werden soll. Das Prinzip ähnelt grundsätzlich dem der bestehenden betrieblichen Altersversorgung, wie sie zahlreiche Betriebe auf ihre jeweils eigene Art und Weise praktizieren, ist nur sehr viel breiter und übergreifender – deutschlandweit eben – angelegt. Darüber, ob überhaupt und wenn, dann wann die Deutschland-Rente Formen annimmt, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. 

„Bis es zu einer derart verpflichtenden Lösung kommt, werden noch viele bAV-Beträge die Rentenkonten herunterfließen, oder eben auch nicht“, meint etwa ein Rentenexperte, der nicht genannt werden möchte. Mit „oder eben auch nicht“ spielt er auf die Zurückhaltung kleiner und mittlerer Betriebe an, ihren Mitarbeiter bAV-Lösungen anzubieten. Gerade jene sind es denn auch, die im Fokus der Regierung stehen: Um Versorgungslücken schließen zu helfen, sollen die Mittelständler verstärkt bAV-Beiträge abführen. So steht es im Koalitionsvertrag.

Nachholbedarf in Arztpraxen

Doch die Begeisterung für eine staatlich geförderte Betriebsrente hält sich bei den kleinen und mittleren Unternehmen in Grenzen. Die Zahlen: Nach den aktuellsten Berechnungen von TNS Infratest Sozialforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hatten 2013 rund 18 Millionen Beschäftigte Anspruch auf eine betriebliche Altersversorgung. Doch 70 Prozent von drei Millionen Betrieben mit bis zu neun Beschäftigten boten gar keine bAV an. Prof. Dr. Thomas Dommermuth, Beiratsvorsitzender des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) präzisiert in einem Beitrag für das Allianz Magazin: „Nachholbedarf hat die Betriebsrente vor allem auch in Arztpraxen.“ 

Was spricht in den Praxen denn gegen „Leistungen der Alters-, Invaliditäts- und Hinterbliebenenversorgung aus Anlass eines Arbeitsverhältnisses oder anderer Tätigkeit für ein Unternehmen“, wie Gablers Wirtschaftslexikon die bAV kurz umschreibt? Zunächst sind Praxen mit wenigen Mitarbeitern nur selten tariflich gebunden (der Branchentarifvertrag schreibt eine baV mit festen Beitragssätzen zwingend vor). Wenngleich Susanne Hunstock, Fachbereichsleiterin Recht beim Verband medizinischer Fachberufe e. V. (VMF), betont: „Unabhängig davon, ob das Arbeitsverhältnis tarifgebunden ist oder nicht, haben Arbeitnehmer Anspruch auf Entgeltumwandlung. Dabei wird ein Teil des Bruttogehalts vom Arbeitgeber in einen bAV-Vertrag zur betrieblichen Altersversorgung abgeführt. Dieser Anteil ist also keine zusätzliche Zahlung des Arbeitgebers; er wird vom Bruttogehalt abgezogen, sodass Steuern und Sozialabgaben nur noch auf den verbleibenden Teil des Bruttogehaltes zu entrichten sind. Umwandelbar sind auch Sonderzahlungen wie das 13. Monatsgehalt.“

Doch, und das ist ein weiterer Grund für die mangelnde Attraktivität, sind in ärztlichen Praxen häufig geringverdienende Teilzeitangestellte beschäftigt, die nur wenig bis nichts einsparen können – und deshalb vermutlich gar kein Interesse an einer „Kürzung“ ihres Bruttogehalts haben, auch wenn diese ihnen später als Rentenplus im Alter wieder zugutekommt. 

Wenn! Denn viele Arbeitnehmer befürchten, dass der in der Ansparphase wirksame Steuer-und Sozialabgaben-Spareffekt aufgezehrt werden könnte, sobald (nach derzeitiger Rechtslage) im Rentenalter der volle Kranken- und Pflegebeitrag auf die Rente gezahlt werden muss. Alles Schmu und Augenwischerei? Oder staatlich Abzocke gar, wie es ein Kritiker in Anlehnung an Goethes Ballade vom Erlkönig der bAV in einem Online-Blog spöttisch andichet: „Ich liebe dich, mich reizt dein schönes Gehalt …“

 

Die Betriebsrente ist besser als ihr Ruf

Nein, so schlecht wie ihr Ruf mancherorten hallt, ist die betriebliche Altersversorgung nicht. Fest steht, dass der ärztliche Arbeitgeber gemeinsam mit seinem Mitarbeiter – am besten mit Unterstützung eines kompetenten Rentenversicherungs-Experten – in jedem Einzelfall ausrechnen sollte, ob sich eine bAV lohnt oder eventuell ein Zuschuss in eine bereits bestehende private Altersvorsorge sinnvoller ist. Als Anhaltspunkt kann eine Berechnung des IFVP dienen: Danach müsste ein privates Altersvorsorge-Produkt deutlich mehr als fünf Prozent Rendite bringen, um die Effektivrenditen einer bAV-Lösung, die alle Förder- und Rabattmöglichkeiten ausschöpft, zu toppen.

Was alle „Förder- und Rabattmöglichkeiten“ sind und beinhalten – auch hier kann nur ein Experte Überblick verschaffen und fachgerecht Auskunft geben. Viele auf Ärzte spezialisierte Versicherer bieten individuelle bAV-Risikoanalysen und Vorsorgekonzepte für ärztliche Arbeitgeber und deren Angestellte an. Warum Sie sich auf zeitintensive Info-Gespräche und Vergleiche einlassen sollten? Weil Ihnen eine optimal auf Ihre Praxisbedingungen abgestimmte bAV-Lösung durchaus einige Vorteile bringt.

Wie Arbeitgeber profitieren

Auf jeden Fall profitieren Sie schon einmal grundsätzlich von niedrigeren Sozialabgaben, weil der bAV-Beitrag das Bruttogehalt des Mitarbeiters schmälert. Für gewöhnlich legt der Arbeitgeber die auf diese Weise eingesparten Lohnkosten auf den bAV-Anteil seines Angestellten drauf. Unter dem Strich bedeutet diese Vorgehensweise stets ein Plus auf dem Betriebsrentenkonto des Mitarbeiters ohne dabei für den Arzt einen finanziellen Mehraufwand zu verursachen. Bedenken Sie auch, dass Sie mit einem attraktiven Betriebsrentenmodell Mitarbeiter motivieren und an Ihre Praxis binden: Diesen Grund gab immerhin die Hälfte der in der bAV-Studie 2015 des Meinungsforschungsinstitut YouGov befragten Arbeitgeber an. Zudem spielt für die Befragten eine Betriebsrente im „War of Talents“ vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung von Fachpersonal.

Dennoch schreckt viele Arbeitgeber der vermeintlich hohe Verwaltungsaufwand und die Komplexität des bAV-Systems. Um diese Eintrittshürden zu senken, hatte die Deutsche Ärzteversicherung (DÄV) bereits 2002 gemeinsam mit der Deutschen Apotheker- und Ärztebank sowie der Pro bAV Pensionskasse die so genannte „Gesundheitsrente“ aufgelegt. Sie wird von den Tarifparteien der arbeitgebenden Ärzte und dem VFM-Tarifverband offiziell als Betriebsrente für Arztpraxen empfohlen. In einer entsprechenden DÄV-Broschüre heißt es dazu: „Keine zusätzlichen Kosten, geringer Verwaltungsaufwand, da einheitliche und standardisierte Abwicklung“. Die „Gesundheitsrente“ ist eine Gruppenversicherung mit im Vergleich zu Einzeltarifen günstigeren Konditionen; gleiches gilt für die „Klinikrente“, die auf Krankenhäuser sowie Pflege- und Reha- Einrichtungen abgestimmt ist.

Viele Wege führen in die bAV

Grundsätzlich stehen Ihnen als Praxisinhaber fünf Wege in die bAV offen: Bei einer Direktversicherung schließen Sie eine Lebensversicherung bei einem externen Unternehmen für Ihre Beschäftigten ab und zahlen Beiträge ein. Pensionskassen sind selbstständige Versorgungseinrichtungen, die von Ihnen finanziert werden. Unterstützungskassen unterliegen nicht der Versicherungsaufsicht und können ihr Vermögen frei investieren, was ein höheres Risiko bedeutet. Pensionsfonds investieren ihr Vermögen am Kapitalmarkt, auch mit hohem Risiko. Mit Direkt- oder auch Pensionszusagen verpflichten Sie sich, bei Renteneintritt die vereinbarte Leistung zu zahlen. Dafür müssen Sie ausreichend Rückstellungen bilden.

Welchen Weg empfiehlt der Experte?

Hasso Suliak, Versicherungsexperte beim Versicherungsverband GDV: „Die Entscheidung für einen bestimmten Durchführungsweg kann von vielen Faktoren, zum Beispiel der Betriebsgröße, abhängen. Kleine und mittlere Betriebe sollten sich möglichst auf einen Durchführungsweg beschränken, um den Verwaltungsaufwand in Grenzen zu halten. Für sie empfiehlt sich etwa die Direktversicherung.“ Für die von YouGov zur Auswahl eines bAV-Produkts befragten Arbeitgeber ist die Seriosität des Anbieters das wichtigste Kriterium. Weitere Hauptanliegen sind verständliche Produktinformationen und geringe Risiken für Sie selbst als Arbeitgeber sowie fundierte Informationen zu den Haftungsrisiken.

Für welche bAV-Lösung Sie sich als Praxisinhaber entscheiden, muss wohl überlegt sein. Denn: „Wird in einem Unternehmen ein betriebliches Versorgungssystem eingeführt, ist das kein einmaliger Umstand – die bAV begleitet Mitarbeiter und Unternehmen ein Leben lang,“ sagt Dommermuth. Holen Sie sich also auf jeden Fall einen versierten Rentenversicherungs-Experten Ihres Vertrauens mit ins Boot: „Hallo, Herr Kaiser!“

Die Werbefigur der Hamburg Mannheimer Versicherung ist übrigens 2009 nach 37 Jahren Dienst „in Rente“ gegangen; die Ergo-Versicherungsgruppe hatte die Marke Hamburg Mannheimer eingestellt. Ob sich Herr Kaiser heute über eine betriebliche Zusatzrente freuen kann, ist nicht bekannt…

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