PVS-Positionen

Und wo bleibt der Patient…?


Tilgners Bericht aus Berlin Neue Strukturen im Krankenhaus und in der Pflege, neue Wege des Einsatzes von Technik und moderner IT-Kommunikation im Gesundheitswesen – das alles steht in diesen Tagen auf dem parlamentarischen Prüfstand. Hermann Gröhe wird wohl als Gesundheitsminister mit den meisten Gesetzen und den höchsten Ausgabensteigerungen in die Geschichte des deutschen Gesundheitswesens einziehen. Doch wird all das am Ende dem Patienten nutzen?


Der Chor der Funktionäre, Interessensvertreter aller Richtungen, Politiker mit Regelungsbedarf und Kompetenzangst tönt laut in Berlin. Viel galt und gilt es in den letzten Wochen in der Hauptstadt zu entscheiden und wohl selten zuvor ist so massiv an den Stellschrauben des Gesundheitswesens gedreht worden. Viele befürchten – und das wohl nicht zu Unrecht –, dass gewollt oder ungewollt die Zeichen künftig auf eine mehr staatsdominierte Versorgung stehen. „Der allzu fürsorgliche Staat demütigt den Bürger…“, hatte da doch noch der Staatsphilosoph Wilhelm von Humboldt geschrieben. Nur wenige hundert Meter von der heutigen Gesetzesmaschinerie entfernt. Der Bürger, im Kontext der aktuellen Gesundheitspolitik gelegentlich als Patient unterwegs und das eigentliche Objekt der ganzen politischen Regelungen, kommt jedoch kaum zu Wort.

 

Freiberuflichkeit hat in Deutschland immer auch die Verantwortung und das Vertrauen der Patienten in seinen Arzt gestärkt.

 

 

Gratulieren oder Mitleid zeigen?

Das wundert zunächst nicht. Denn gerade die Gesundheitspolitik hat mit ihrem Räderwerk aus staatlichen Rahmenbedingungen und dem für Außenstehende kaum nachvollziehbaren Mechanismus einer über Jahrzehnte gewachsenen Selbstverwaltung einen derart hohen Grad am Komplexität erreicht, dass es Hochschulseminare bedürfte, diese auch nur zu erklären. Und nun kommen noch die Auswirkungen der demografischen Entwicklung und des medizinisch-technischen Fortschritts dazu. Was für eine Mischung! Hieraus werden nun Konstruktionen geschaffen, die – streng abgewogen nach politischem Kalkül, machbaren Mehrheiten und wohl auch nach aktueller oder vermuteter Kassenlage – die künftigen Rahmenbedingungen für die Gesundheitsversorgung unseres Patienten darstellen. Wer weiß da schon, ob er gratulieren oder eher Mitleid zeigen sollte?

Das gesundheitspolitsche Berlin brodelt, schaut auf eine Zukunft, die sich in kurzen Abständen selbst zu überholen scheint und erweckt oft den Eindruck einer taumelnden Weltstadt. Gesundheitsökonomen rechnen fleißig in die eine oder andere Richtung, während die normative Kraft des Faktischen bereits vieles verändert. Aktuell beispielsweise durch den Zustrom der Flüchtlinge. Eine Million sollen es zum Jahresende sein. Nach Schätzungen, die den Nachzug von Angehörigen einschließen, könnten es Ende 2016 bereits doppelt so viele sein. Das verändert unweigerlich Sozialstrukturen, die Versorgungslage sowie die gesamte Ressourcenplanung für das Gesundheitswesen. Oder nehmen wir den medizinischen Fortschritt. Die aufsehenerregende Diskussion über ein extrem teures, aber außerordentlich wirkungsvolles Medikament gegen Hepatitis C war nur ein Fünkchen dessen, was kurzfristig zu erwarten ist. Ein Medikament gegen Mukoviszidose, das massive Lebensverlängerung und nahezu Symptomfreiheit verspricht, kostet rund 300.000 Euro Jahrestherapiekosten für jeden der etwa 170 glücklichen Patienten in Deutschland, die dieses Medikament nun bekommen.

Aber nun kommen viele solcher biotechnisch hergestellten Wundermedikamente. Die Frage drängt sich auf, wer und welche Mechanismen vor diesem Hintergrund über künftige Versorgung entscheiden sollen.

 

Ökonomie wird an Grenzen stoßen

Politisch wird dieses ein vermintes Feld sein. Die Kunst des Machbaren wird die Ökonomie an Grenzen stoßen lassen. Vielleicht kommt hier endlich wieder der Bürger und Patient zu Wort. Denn der übernimmt in der Regel Verantwortung, wenn man ihn nur lässt. Alle komplexen Grundfragen des Gesundheitswesens lösen sich am Ende in eine Frage auf: Was kann der Bürger tun und wer hilft ihm, wenn er gesundheitliche Probleme bekommt? Praktisch landet er dann nicht bei der Lektüre von Paragrafen, sondern beim Arzt seines Vertrauens. Diese Erkenntnis ist eigentlich so alt wie die Menschheit, findet aber im Dschungel von gut gemeinten Lösungen und Patientenpfaden durch das Gesundheitswesen immer weniger Beachtung.

Dabei wäre genau hier die nächste Stufe der Reformrakete zu erwarten. Natürlich sind Strukturen zu schaffen, die unter Berücksichtigung des Solidargebots unserer Verfassung und unserer Kultur einen politischen Rahmen für das Gesundheitswesen setzen. Der darf aber nicht in einer regulierten Staatsmedizin enden, sondern muss die Freiheit des Bürgers und Patienten zur Umsetzung seiner individuellen gesundheitlichen Bedürfnisse fördern – gezielt auch in starker Eigenverantwortung. Und dazu gehört auch ein freiheitlicher Rahmen für die Heilberufe, die den Bürger darin unterstützen. Freiberuflichkeit hat in Deutschland immer auch die Verantwortung und das Vertrauen der Patienten in seinen Arzt gestärkt. Genau hier anzusetzen, neue Kooperationsformen zuzulassen, ohne traditionell bewährte zu gefährden oder gar zu zerschlagen, diesen Ansatz vermisst man noch im gesundheitspolitisch brodelnden Berlin dieser Tage.

 

Kraft des Faktischen überholt die Diskussion

Derweil überschlagen sich aktuell Meldungen über technische Neuerungen, Innovationsschübe in der Gesundheits-IT und aufgrund der europäischen oder internationalen Entwicklungen geänderte Rahmenbedingungen. Hier könnte es am Ende doch der Bürger und Patient sein, der sich in Eigeninitiative neuer Möglichkeiten bedient und so durch die normative Kraft des Faktischen manch gesundheitspolitische Diskussion in Berlin schlichtweg überholt. Nur Gesundheitspolitik sollte eben dazu da sein, den Bürger vor Fehlern zu bewahren. Vor allem aber auch dazu, die Unterstützung des Patienten und seiner Behandler zu gewährleisten. Da gibt es noch viel zu tun.

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