Praxismanagement

Mehr als ein Zahlenlieferant


Kliniklabor Verursacht das klinikeigene Labor vorrangig Kosten – oder bietet es einen Mehrwert für Ärzte? Darüber sind sich Mediziner uneins. Klar ist jedoch: Die fachliche Laborexpertise muss besser genutzt werden.


Text: Romy König

Der greise Mann hält eine zerknitterte Schwarz-weiß-Fotografie in die Kamera, ein lieb gewonnenes Portrait, verwittert schon und alt. „Manchmal ist es ja schön, an alten Dingen festzuhalten“, heißt es daneben. Und eine Zeile darunter: „Aber nicht bei Ihrem Laboranbieter.“ Was diese Werbeanzeige eines Laborkonzerns ausdrücken will, ist offensichtlich: Kliniken sollten sich einen Ruck geben und sich verabschieden: von ihrem bisherigen Labordienstleister oder auch von ihrer hauseigenen Labormedizin.

Letztere steht seit Jahren immer wieder zur Disposition: Hielten im Jahr 2000 noch 23 Prozent der Kliniken eine eigene Abteilung für Laboratoriumsmedizin vor, waren es 2010 nur noch 19 Prozent. Es scheint, als würden Krankenhausleiter zuerst an ihr Kliniklabor denken, wenn es darum geht, Geld zu sparen und Leistungen an externe Anbieter zu vergeben – schon lange hat die klinikinterne Labordiagnostik das Image, ein reiner Kostenfaktor zu sein. 

Doch dieses Image entbehre jeder Grundlage, wehrt Michael Neumaier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin, ab. Der Professor leitet das Institut für Klinische Chemie am Universitätsklinikum Mannheim und betont, dass selbst bei einer Vollkostenrechnung das medizinische Labor üblicherweise nur drei Prozent der Kosten eines Krankenhauses ausmache. „Hohe Kostensenkungen in der Klinik sind durch Outsourcing des Labors nicht annähernd zu realisieren.“ 

Dass die Zahl der Laborabteilungen in Deutschland immer weiter sinkt, liegt nach Neumaiers Einschätzung weniger an wirtschaftlichen Überlegungen und schon gar nicht an einer möglichen Unzufriedenheit mit der Leistung des Labors, sondern daran, dass immer mehr Krankenhäuser zu Klinikverbünden zusammengelegt und kleinere Häuser geschlossen werden. Die Folge einer Marktbereinigung sei das, sagt Neumaier, und gewiss kein Scheitern.

 

Studie liefert differenziertes Bild

Eine Einzelaussage eines Verbandsoberen? Oder gängige Meinung der Krankenhauswelt? Um das herauszufinden, und um die Bedeutung der Labormedizin auszuloten, hat das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) Klinikärzte aus labornahen Disziplinen nach ihren Erfahrungen mit Labordiagnostik befragt – und ein differenziertes Bild erhalten. Vor allem in Interviews, die das DKI mit zehn Medizinern zum Thema Kostenfaktor führte: Darin gaben zum einen vier Befragte an, das Labor als reine Wertschöpfung zu sehen, unabhängig von den Kosten. Drei andere betrachteten das Labor hingegen vorrangig als Verursacher von Kosten, erkennen jedoch auch die Leistung des Labors an. Ein Klinikarzt – ein Gynäkologe – sagte gar aus, das Labor nur als reinen Kostenfaktor zu sehen. 

So uneins sich die Befragten in diesem Punkt waren, Übereinstimmung herrschte bei den Ansprüchen an das Labor: Schnell muss es gehen – und valide müssen die Ergebnisse sein. Schließlich beruhen 70 Prozent aller klinischen Diagnosen auf Laborergebnissen. Etwa die Hälfte der Befragten kritisierte, dass von Probenentnahme bis zum Befund zu viel Zeit verstreiche. Selbst auf Notfallwerte müssten Ärzte oft zu lange warten: auf ein kleines Blutbild länger als 40 Minuten, auf Tropaninwerte auch mal länger als eine Stunde. Das sei „inakzeptabel“, so die Studienteilnehmer.

Das Labor ist ein wichtiger Teil des Dialogs zwischen den Disziplinen.

Das DKI befragte Ärzte und Klinikmanager im Auftrag des Verbands der Diagnostik-Industrie (VDGH) und der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) zur Rolle der Labormedizin. Die Studie ist Kostenlos abrufbar unter: 

bit.ly/dki-labordiagnostik 

Vorschlag: Proben aufteilen

Rainer Heidrich sieht Kliniklabore in einem Dilemma: „Sie können entweder schnell sein – dann müssen sie aber viele Parameter unwirtschaftlich häufig, also in kurzen Serien ansetzen.“ Oder aber sie arbeiten wirtschaftlicher, indem sie seltener Proben fahren, „ein- oder zweimal wöchentlich“, worunter dann die Schnelligkeit leide. Heidrich, selbst Klinischer Chemiker, leitet beim Labordienstleister Bioscientia den Bereich Krankenhausmanagement und schlägt eine klare Aufteilung vor: Kliniklabore könnten weiterhin die Routinediagnostik übernehmen, während mit speziellen Auswertungen ein externes Labor beauftragt würde. Der Transport in ein niedergelassenes Labor dauere nur wenige Stunden, die Proben würden taggleich angesetzt, die Befunde elektronisch übermittelt. „Die Turnaround-Time liegt bei unter 30 Stunden.“

Der Vorschlag deckt sich in Teilen mit den Aussagen der DKI-Studienteilnehmer: Sie alle hielten ein eigenes Labor für Auswertungen der klinischen Chemie für unverzichtbar, auch Blutdepots sollten Kliniken im eigenen Haus vorhalten. Bakteriologische Untersuchungen jedoch oder Tests im Bereich der Immunhämatologie, so sagten etwa drei Viertel der Befragten, müssten nicht zwingend intern durchgeführt werden. Begründung: Die Ergebnisse brauchten ohnehin mehrere Tage, da können sie auch extern ermittelt werden.

„Niemand wird sich einer kostengünstigen Diagnostik verweigern“, sagt Unikliniker Michael Neumaier und räumt ein: „Bei sehr selten benötigten Untersuchungen macht die Analytik in nur wenigen Laboratorien in Deutschland mit ausreichenden Serienlängen fachlich und wirtschaftlich Sinn.“ Aber nun zu trennen zwischen preiswerter Routinediagnostik, die das Krankenhaus ruhig selber erbringen soll, und „lukrativer Spezialdiagnostik, die für den Laborkonzern attraktiv ist“, hält er nicht für sinnvoll. Denn so gehe fachliche Expertise verloren. Beispiel Kaliumkonzentration: Diese im Serum eines Patienten zu bestimmen, sei Routine. Aber manchmal erfordere die Auswertung auch komplexe Interpretationen – eine Fehlinterpretation könne zu lebensbedrohlichen Komplikationen beim Patienten führen. 

 

Labormediziner: Kostbare Expertise

Das Labor ist mehr als ein Zahlenlieferant, stellt Neumaier klar, es ist auch ein wichtiger Teil des „Dialogs zwischen den Disziplinen“, der auf Augenhöhe untereinander und am Patientenbett geführt werden sollte. Und eben nicht über lange Transportwege hinweg. Innerhalb der Klinik könne die Kompetenz des Laborarztes besser genutzt werden. Im Idealfall sei er ein „stets ansprechbarer, die Patienten mitbehandelnder Partner für die Ärzte auf Station und in der Ambulanz.“

Das sehen übrigens auch Labordienstleister so: Als Jörg Debatin, einst Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf und heute Vorstandsvize in der Medizintechnikindustrie, während seiner dreijährigen Amtszeit als Chef des Laborkonzerns Amedes nach der Rolle des Laborarztes gefragt wurde, warnte er vor allzu isolierter Labordiagnostik. Vielmehr warb er dafür, die Labormediziner stärker in das klinische Geschehen einzubinden: Die „Expertise der Laborärzte“, so sagte der gelernte Radiologe, „ist zu kostbar, um sie ungenutzt zu lassen. 

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