Praxisfinanzen

Garantiezins vor dem Aus


Statistisch gesehen hat jeder Bundesbürger mehr als eine |Lebensversicherung| und über viele Jahre wurde sie genutzt, um Praxisinvestitionen zu finanzieren. Die Allianz kündigte an, klassische Kapitallebensversicherungen nur noch auf Kundenwunsch zu verkaufen, andere Versicherungsunternehmen stellen dieses Produkt ganz ein. Was tun?


Text: Ulrike Scholderer

Wesentliches Verkaufsargument für die klassische Kapitallebensversicherung war der Garantiezins. Und das mit langer Tradition. Im Jahr 1903 galt in Deutschland zum ersten Mal ein Höchstrechnungszins. Rund 93 Millionen Lebensversicherungspolicen gibt es in diesem Land. Und ein Großteil davon basiert auf eben diesem Modell, das den Versicherten über die gesamte Laufzeit einen festbestimmten Zins auf ihren Sparanteil garantiert. Ab dem kommenden Jahr soll es nun bei neuen Verträgen keinen festen Zins mehr geben, so sieht es ein Referentenentwurf zum Versicherungsaufsichtsgesetz aus dem Bundesfinanzministerium vor. Gelten soll das für die großen Versicherer, bei kleineren Unternehmen soll weiterhin eine Vorgabe gemacht werden. Hintergrund sind Regelungen, mit denen die neuen europäischen Eigenkapitalrichtlinien in deutsches Recht umgesetzt werden. Aber was wird aus der klassischen Kapitallebensversicherung ohne garantierten Zins?

„Heute werden alternativ beispielsweise Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht angeboten. Je nach Tarif sind teilweise auch Beitragsgarantien eingebunden, durch die sichergestellt wird, dass zumindest die Beiträge zurückgezahlt werden. Die Verzinsung ist niedrig, die Kosten häufig so hoch, so dass diese Anlageform nur noch eine Ergänzung zum Vermögensaufbau darstellen kann“, sagt Michael Brüne von der Beratung für Heilberufe. Die Zinsversprechen in den bestehenden Verträgen bringen die Assekuranzen angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase immer mehr ins Schwitzen.

 

Mehr als 93 Millionen Lebensversicherungsverträge gibt es in Deutschland – ein Großteil beruht auf dem Garantiemodell.

Schwere Altlasten

Die Finanzaufsicht zwingt die Versicherungen inzwischen, Zinszusatzreserven zu bilden. So soll abgesichert werden, dass die Zusagen auch erfüllt werden können. Anfang des Jahres hatten die Versicherer hierfür schon mehr als 20 Milliarden Euro zurückgelegt, allein im vergangenen Jahr flossen 8,4 Milliarden Euro in diesen Topf.

Zuletzt hatte das Bundesfinanzministerium den Garantiezins zum 1. Januar 2015 um einen halben Prozentpunkt auf 1,25 Prozent gesenkt. „Von diesen garantierten 1,25 Prozent bleiben aber im Durchschnitt effektiv nur 0,42 Prozent für den Versicherten übrig“, erläutert Dirk Eilinghoff, Leiter des Bereichs Bank und Geldanlage bei dem unabhängigen Online-Verbrauchermagazin Finanztip. Denn die Verzinsung bezieht sich ja nur auf den Sparanteil, vorher müssen alle Kosten für die Police abgezogen werden. „Die klassische Kapitallebensversicherung ist heute keine empfehlenswerte Altersvorsorge mehr“, resümiert Eilinghoff.

Das war nicht immer so. In den neunziger Jahren lag der Garantiezins bei 4 Prozent und die Versicherten konnten auf saftige Überschussbeteiligungen hoffen. „Damals wurden Lebensversicherungen unter anderem bei der Finanzierung von Praxisinvestitionen eingesetzt“, erläutert Brüne. „Die Rechnung sah so aus, dass man darauf setzte, dass die Gewinne aus der Lebensversicherung die Kosten für die Finanzierungskredite überstiegen.“ Lange Zeit ging das gut. „Doch insbesondere durch den Zinsverfall können seit vielen Jahren die in Aussicht gestellten Überschussbeteiligungen nicht erreicht werden“, sagt Brüne. „Fehlen dann zwanzig oder sogar dreißig Prozent zum Schluss, geht die ursprüngliche Kalkulation der Praxis natürlich nicht auf und der Kreditnehmer muss weitere Eigenmittel einbringen, um seine Kredite abzubezahlen, oder seine Darlehen verlängern.“

 

„Die klassische Kapitallebensversicherung ist heute keine empfehlenswerte Altersvorsorge mehr.“

Dirk Eilinghoff, Finanztip

Trend geht zu Fondsversicherungen

Die Lebensversicherer haben ihre Produkte umgestellt. Sie bieten jetzt vor allem Produkte ohne Garantiezins – sogenannte Fondsversicherungen – an und werben stattdessen mit höheren Renditechancen. Denn bei Fondsversicherungen sind die Versicherer freier in der Geldanlage, können also beispielsweise einen höheren Anteil der Kundengelder in Aktien investieren. Im Klartext heißt das: Chancen, aber auch Risiken für den Versicherten steigen. Für die Versicherer haben die neuen Produkte den Vorteil, dass die genaue Verzinsung erst am Ende der Vertragslaufzeit feststeht. Auch wenn flexible Abrufzeiten angeboten werden, bleibt ein Risiko beim Kunden, der zu einem festgelegten Zeitpunkt klar definierte Ablaufwerte aus der Versicherung, zum Beispiel zur Darlehenstilgung, benötigt.

 

Alte Verträge können Gold wert sein

Wenn neue Versicherungen nur noch mit anderen Anlageformen rentabel sein können, gilt das noch lange nicht für die bereits bestehenden Verträge. Gerade Lebensversicherungen aus den neunziger Jahren sind heute sehr interessant. Noch am Anfang dieses Jahrtausends wurden 4 Prozent Verzinsung garantiert. Das Paradoxe ist: Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses waren diese Verträge eigentlich gar nicht attraktiv. Die Vertriebskosten wurden oft bei Laufzeitbeginn auf einen Schlag abgezogen, das Versicherungskonto geriet so erst einmal arg ins Minus. Das ist jetzt getilgt und der Garantiezins kommt voll zum Tragen. Wer heute einen solchen Vertrag hat, sollte ihn deshalb tunlichst behalten. Denn Renditen zwischen drei und vier Prozent haben inzwischen Seltenheitswert.

Wichtig: Die Risikolebensversicherung ist vom Wegfall des Garantiezinses völlig unabhängig für die eigene Finanzplanung zu beurteilen. „Eine Risikolebensversicherung sollte in das Anlageportfolios jedes Selbstständigen gehören“, rät Brüne. Eine Risikolebensversicherung ist immer eine sinnvolle Option, wenn es in einer Familie einen Hauptverdiener gibt, oder wenn beispielsweise ein Kredit für eine Immobilie abgesichert werden soll. 

 

Empfehlung Aktienindexfonds

Das Verbrauchermagazin Finanztip empfiehlt als einen Baustein für die Altersvorsorge statt der Kapitallebensversicherung Aktienindexfonds. Indexfonds gibt es einmal als Bankprodukt in Form eines Sparplans und einmal als Versicherungsprodukt für eine Netto-Rentenversicherung.

Grundsätzlich ist für Freiberufler die Rürup-Rente eine Möglichkeit, eine staatlich geförderte kapitalgedeckte Altersvorsorge aufzubauen. Ob sie sinnvoll ist, muss individuell entschieden werden. Die Rürup-Rente funktioniert so, dass sie in der Ansparphase gefördert und in der Rentenphase nachgelagert besteuert wird. Es hängt also von der eigenen Lebensplanung ab, ob dieses Modell sich sinnvoll einfügt. „Für die Angehörigen der Versorgungswerke müssen wir die Situation immer noch einmal besonders betrachten“, sagt Eilinghoff. „Die meisten Versorgungswerke können noch immer mit einem Rechnungszinssatz von 3,5 bis 4 Prozent aufwarten. Um das halten zu können, müssen die Versorgungswerke bei ihrer Kapitalanlage allerdings höhere Risiken eingehen“, erläutert Eilinghoff. Ob ein Zusatzbeitrag zum Versorgungswerk oder eine Lösung mit Auszahlungsoption das passende Konzept ist, hängt von den Wünschen und Plänen des Sparers für die spätere Lebensphase ab.

Es liegt auf der Hand: Eine höhere Renditechance geht immer einher mit einem höheren Risiko. Um Chancen und Risiken in Balance zu halten, rät Finanzberater Brüne zu einer – in Abhängigkeit von der eigenen Risikobereitschaft – ausgestalteten Diversifizierung beim Vermögensaufbau. Oder einfacher gesagt: Nicht alle Eier in einen Korb legen! 

 

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