Praxisfinanzen

Scheiden tut weh


Praxisbewertung Kommt es zu einer Scheidung, und die Ehepartner haben keinen Ehevertrag, kann der eine Ehepartner vom anderen eine Ausgleichszahlung in Höhe der Hälfte des in der Ehe erwirtschafteten Vermögens verlangen. Die Arztpraxis gehört dazu. Wie der Praxiswert dann ermittelt wird, erläutern die Experten der RST Beratungsgruppe aus Essen.


Text: Axel Witte, Doris Zur Mühlen, Dr. Markus Rohner

Muss in Folge einer Ehescheidung der Praxiswert für den Zugewinnausgleich ermittelt werden, werden aufwändige Berechnungen notwendig. Zur Ermittlung des Praxiswertes wird das modifizierte Ertragswertverfahren zugrunde gelegt. Zusätzlich müssen aber Besonderheiten beachtet werden, die aus den zivilrechtlichen Bestimmungen des konkreten Rechtsverhältnisses resultieren. 

Die Praxisbewertung im Zugewinnausgleichsverfahren zielt auf die Ermittlung von Ausgleichsansprüchen zwischen den Ehepartnern ab. Unterstellt wird ein „fiktiver Praxisverkauf“. Dafür wird zunächst der Praxiswert ermittelt. Für die Berechnung des konkreten Ausgleichsanspruchs werden dann aber die übrigen betrieblichen Vermögens- und Schuldenpositionen berücksichtigt. Und auch die Ertragssteuern, die bei einem Verkauf der Praxis fällig würden, fließen in die Berechnung ein. 

 

Entscheidend ist der Tag, an dem der Scheidungsantrag gerichtlich zugestellt wurde

Die Praxisbewertung muss stichtagsbezogen vorgenommen werden. Dieser Stichtag ist im Falle der Ehescheidung der Zeitpunkt der förmlichen Zustellung des Scheidungsantrages durch das Gericht. Als Endvermögen bestimmt der Gesetzgeber das Vermögen, das nach Abzug der Verbindlichkeiten übrig bleibt.

Eine Praxisbewertung wird häufig erst Jahre nach der Ehescheidung in Auftrag gegeben. Die Praxisbewertung hat dennoch zum maßgeblichen Stichtag – dem der Scheidungsantragszustellung – zu erfolgen. Zukünftige wertverändernde Faktoren, seien sie ergebnismindernd oder ergebniserhöhend, dürfen nur dann Eingang in die Ermittlung des Praxiswerts finden, wenn die entscheidenden Erkenntnisse zum Bewertungsstichtag bereits vorlagen. Der Bundesgerichtshof hat hierzu die sogenannte Wurzeltheorie entwickelt. Danach sind alle späteren Entwicklungen nur einzubeziehen, sofern deren Wurzeln in der Zeit vor dem Bewertungsstichtag liegen und bereits im Kern angelegt und absehbar waren. Spätere tatsächliche Entwicklungen, die zum Bewertungsstichtag noch nicht absehbar waren, dürfen ex-post durch einen Gutachter nicht berücksichtigt werden. Selbst dann, wenn sich die im Zeitablauf zugrunde gelegte Ertragsprognose zur Ermittlung des ideellen Praxiswerts als unzutreffend erweist. Dieses Vorgehen kann durchaus gravierende Auswirkungen haben, zum Beispiel wenn die Erträge einer Praxis aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse einbrechen. Der Praxiswert und damit der Zugewinnausgleich sind trotzdem und wider besseres Wissen auf Basis der tatsächlich nicht mehr vorhandenen guten Ertragslage zum Bewertungsstichtag zu ermitteln. Das gilt allerdings auch umgekehrt.

In unserem Beispiel nehmen wir an, dass die Praxis erst während der Ehe erworben wurde. Der gesamte Praxiswert wird zum Stichtag des Scheidungsantrags auf Basis der modifizierten Ertragswertmethode auf 200.000 Euro berechnet.

Hinweis & Praxistipp

Hinweis

Wurde die Praxis mit in die Ehe gebracht, ist zusätzlich das Anfangsvermögen für die Praxis noch einmal gesondert zu ermitteln. Dazu muss die Praxis zum Stichtag der Eheschließung bewertet werden. Anschließend ist das Anfangsvermögen mit dem Lebenshaltungskostenindex auf die Preisbasis des Stichtags des Endvermögens umzurechnen, um die Geldentwertung für den Zeitraum zwischen Anfangs- und Endvermögen zu berücksichtigen.

Praxistipp

Um schwierige und langwierige Auseinandersetzungen über die Berechnung des Zugewinnausgleichs zu vermeiden, können die Modalitäten des Zugewinnausgleichs (und der Praxisbewertung) bereits im Ehevertrag oder in einer Scheidungsvereinbarung festgelegt werden. Hier können Regelungen für die Praxisbewertung getroffen werden. Daran ist der Bewerter dann gebunden.

Berücksichtigt werden offene Forderungen und Verbindlichkeiten

Bei einer Praxisbewertung im Zugewinnausgleich wird ein fiktiver Praxisverkauf unterstellt. Deshalb müssen das sonstige betriebliche Vermögen und die sonstigen betrieblichen Schulden zusätzlich berücksichtigt werden. Nur so kann man das gesamte betriebliche Endvermögen richtig berechnen. Die Tabelle zeigt die Berechnung unserer Beispielspraxis unter Berücksichtigung der sonstigen betrieblichen Vermögen und Schulden. Das gesamte betriebliche Reinvermögen beläuft sich jetzt auf 219.000 Euro.

Ein kleiner Ausgleich: Die fiktive Ertragsteuer mindert die Höhe

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ist bei der Bewertung einer Praxis im Rahmen der Ermittlung des Zugewinnausgleichs die Ertragsteuerlast auf den fiktiven Veräußerungsgewinn zu berücksichtigen. Denn: Würde man dem ausgleichsberechtigten Ehegatten den halben Wert der Praxis zugestehen, wäre der ausgleichsverpflichtete Ehegatte schlechter gestellt, weil er die Ertragsteuer auf den fiktiven Veräußerungsgewinn allein tragen müsste. Das widerspricht dem Ziel, das vorhandene Vermögen gleichmäßig zwischen beiden Ehepartnern aufzuteilen. Also ist eine Korrektur notwendig, mit der beide Ehegatten bei einer „Nettobetrachtung“ zum Bewertungsstichtag gleichgestellt werden. Dazu wird die persönliche Ertragsteuerlast des Praxisinhabers vom betrieblichen Reinvermögen abgezogen. Diese fiktive Ertragsteuer wird latente Steuer genannt.

Die Höhe der latenten Steuer hängt davon ab, ob Tarifbegünstigungen, wie Freibeträge oder der sogenannte „hälftige Steuersatz“ zum Tragen kommen. Zusätzlich ist die Höhe von Parametern wie zum Beispiel dem Alter des Praxisinhabers zum Bewertungsstichtag abhängig. Insgesamt ist die Berechnung äußerst komplex. Sie soll deshalb jetzt nicht weiter vertieft werden. Für unser Beispiel setzen wir eine latente Steuerlast von 45.000 Euro an. Dann geht es im Zugewinnausgleich um 174.000 Euro.

Komplizierte Berechnungen

Die Praxisbewertung im Zugewinnausgleich geht deutlich über die Ermittlung des Praxiswerts hinaus. Vor allem wenn ein Anfangs- und Endvermögen zu bestimmen sind, oder der Bewertungsstichtag weit in der Vergangenheit liegt, ergeben sich komplexe Berechnungen. Dann müssen Experten helfen.

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