PVS-Positionen

Die Ziele klar im Blick


Aus dem Vorstand Im Juni ist Dr. Jochen-Michael Schäfer als Vorstandsvorsitzender des PVS Verbandes wiedergewählt worden. Seit 15 Jahren leitet er jetzt den Verband. Im heimischen Schleswig-Holstein sind es schon 30 Jahre, die er die Arbeit der PVS maßgeblich mitbestimmt. Ein Gespräch über den Wandel der Zeit, Herausforderungen und die Zukunft.


Text: Angela Petermann, Ulrike Scholderer 

Es ist hochsommerlich heiß. Wir treffen Herrn Dr. Schäfer im Kieler Stadtteil Düsternbrook. Hier wohnt er mit seiner Familie schon seit vielen Jahren. Ein befreundeter Architekt hat das Haus in den fünfziger Jahren gebaut, es war damals der erste Bungalowbau in der Stadt. Dr. Schäfer lädt zum Tee ein, im Garten, mit Gebäck und Pralinen, die Atmosphäre mutet hanseatisch an.

 

Ihnen eilt in Berlin der Ruf eines Gentlemans voraus. Können Sie sich damit identifizieren?

Schäfer: Das ist mir neu. Aber, wenn damit gemeint ist, dass es mir wichtig ist, dass man seinem politischen Gegner auch in harten Auseinandersetzungen mit Achtung und Respekt gegenübertritt, dann kann ich mit damit anfreunden. 

Wenn Sie zurückblicken, was hat sich seit Ihren Anfängen bei der PVS verändert?

Schäfer: Die politische Regulierungsdichte ist höher geworden. Das kann man ganz einfach an der Anzahl der Gesetzgebungsverfahren im Gesundheitswesen ablesen. Gleichzeitig ist die PVS stark gewachsen. Das zeigt schon die Entwicklung in Schleswig-Holstein. Anfang der achtziger Jahre haben wir etwa 300.000 Rechnungen jährlich verschickt, heute sind es rund 1,8 Millionen. Alle PVSen zusammen versenden mehr als 20 Millionen Arztrechnungen im Jahr. Wir sind stark gewachsen, leider ist damit aber auch ein Stück weit das Familien- und Zusammengehörigkeitsgefühl verloren gegangen. Früher gab es einen größeren Grundkonsens in politischen Fragen, aber auch innerverbandlich darüber, was wir gemeinsam erreichen wollen.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit für die PVS hier in Schleswig-Holstein von der Arbeit auf Bundesebene im PVS Verband?

Schäfer: Das kann man vergleichen mit der Regional- und Bundesliga im Fußball. Hier in Schleswig-Holstein geht alles ein wenig langsamer, die Themen wechseln nicht so schnell. Es ist hier aber nicht einfach „provinzieller“: Wir haben noch eine andere Vertrauenskultur. Was gesagt ist, ist gesagt, was besprochen ist, gilt.

Wie sehen Sie die grundlegenden gesundheitspolitischen Entwicklungslinien?

Schäfer: Die Politik hat die Segel gesetzt: Zu mehr Staat, mehr Regulierung, Einschränkungen. Es gibt für uns Ärzte immer mehr Vorschriften und Leitlinien, die wir einhalten und befolgen sollen, die Patienten dürfen immer weniger mitentscheiden und wählen. Ich mache mir große Sorgen um Freiberuflichkeit und Therapiefreiheit.

Von der Bürgerversicherung spricht heute niemand mehr. Ist das Konzept tot?

Schäfer: Keineswegs. Das Thema wird vor der nächsten Bundestagswahl unter anderem Namen wieder aufs Tapet gebracht werden. Wir müssen sehen, dass alle im Moment politische Verantwortung tragenden Parteien der Idee anhängen, unser Gesundheitswesen durch Gleichmacherei und staatliche Regulierung zu kurieren, einige mehr, andere weniger.

Unser Gesundheitssystem kann durch eine Angleichung der Sozialsysteme in Europa nur verlieren. 

Welche Rolle spielt Europa bei der Entwicklung der Gesundheitssysteme?

Schäfer: Ich fürchte, dass die Politik bereit ist, eine Angleichung der europäischen Sozialsysteme voranzutreiben. So haben sich vor kurzem Sigmar Gabriel und auch sein französischer Amtskollege Macron geäußert. Die Rede ist von einer europäischen Sozialunion. Uns muss klar sein, dass unser Gesundheitssystem sich ganz grundsätzlich von denen der anderen europäischen Staaten unterscheidet. Überall sonst in Europa haben wir Staatsmedizinsysteme. Hier in Schleswig-Holstein erleben wir Tag für Tag, was das heißt. In Skandinavien herrscht eine reine Staatsmedizin, die Patienten kommen zu uns, denn die Wartelisten werden zu einem nicht geringen Teil hier bei uns abgearbeitet. Aus unserer Perspektive können wir durch die Angleichung der Systeme nur verlieren. Die Politik wittert die Chance, noch stärker in das Arzt-Patienten-Verhältnis einzugreifen als es jetzt schon der Fall ist, und damit vermeintlich auch Geld zu sparen. Deshalb müssen wir mehr denn je für die Freiberuflichkeit und Werte wie die freie Arztwahl kämpfen. Und das vor allem zum Wohl der Patienten.

Welche Regelungen des jüngst verabschiedeten Gesundheitsstärkungsgesetzes sehen Sie am kritischsten?

Schäfer: Das ist die Einrichtung von Termin-Servicestellen und das ist der Aufkauf von Vertragsarztpraxen in sogenannten überversorgten Regionen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Termin-Servicestellen sollen ein Problem lösen, das es nicht gibt. Es gibt keine Wartezeiten, wenn der Patient dringend Hilfe braucht – egal ob er gesetzlich oder privat versichert ist. Die Politik hat schlicht populistische Meinungsmache betrieben. Es gibt Wartezeiten bei Patientenwünschen – und da ist es einfach so, dass diese Wünsche demjenigen schneller erfüllt werden, bei dem die Vergütung für den Arzt auch stimmt. Daraus kann man den Ärzten keinen Vorwurf machen. Die Termin-Servicestellen garantieren einen Arzttermin innerhalb einer gewissen Frist. Da geht es einzig und allein um Zeit. Der Gesetzgeber meint, dem Patienten zu helfen, indem er eine medizinische Behandlung bewertet wie eine Reparatur, zum Beispiel bei einem Auto. Aber die Heilkunde braucht neben ärztlicher Erfahrung und Wissen auch die persönliche Zuwendung und Vertrauen.

Und was steht hinter der neuen Regelung zum Aufkauf von Praxen?

Schäfer: Bei der Bedarfsplanung bleiben viele Faktoren, die man nicht einfach statistisch erfassen kann, unberücksichtigt. Hier soll am grünen Tisch entscheiden werden, wo es künftig weniger Praxen geben soll. Das ist absurd. Das zeigt gerade der Blick auf die großen Zentren, die Stadtstaaten. In Hamburg, Berlin und anderen Großstädten haben wir laut Statistik eine Überversorgung. Gleichzeitig kommen aber viele Patienten von außerhalb dorthin, um sich behandeln zu lassen – und natürlich haben sich die Ärzte auch unter anderem aus diesem Grund gerade da niedergelassen. Wir sehen, dass die Patienten auch Wege auf sich nehmen, um den Arzt ihres Vertrauens aufzusuchen. Es ist nicht allein entscheidend, wo der Arzt praktiziert, das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ist das A und O in der Medizin.

Im Moment heißt es, dass wir im Herbst nächsten Jahres eine neue Gebührenordnung für Ärzte haben werden. Brauchen wir die überhaupt? Liegt darin auch eine Antwort auf die Frage der Zukunft unseres Zwei-Säulen-Modells von gesetzlicher und privater Krankenversicherung?

Schäfer: Die GOÄ-Novelle ist überfällig. Mit der aktuell gültigen Gebührenordnung, ihren Leistungsbeschreibungen mit Stand der achtziger Jahre, kann man Medizin heute nicht mehr beschreiben, nicht korrekt abrechnen. Auseinandersetzungen mit den Kostenträgern sind vorprogrammiert und nehmen überhand. Die Rechnungen sind für die Patienten immer weniger nachvollziehbar. Für uns Ärzte heißt eine neue Gebührenordnung zwar erst mal auch Unsicherheit, aber das muss man in Kauf nehmen. Für mich geht es mit einer Novellierung der Gebührenordnung vor allem darum, überhaupt die Möglichkeit einer freiberuflichen, individuellen Medizin aufrecht zu erhalten. Die Patienten müssen Entscheidungen über ihre ärztliche Behandlung treffen können, und dazu muss es auch eine Abrechnungsgrundlage in Form einer amtlichen Gebührenordnung geben. Wie das Zwei-Säulen-Modell künftig aussehen wird, ist für mich nachrangig. Wichtig ist, dass beide Säulen – die gesetzliche und die private Krankenversicherung – erhalten bleiben.

Was ist für Sie gute Medizin?

Schäfer: Das beinhaltet viel. Gute Medizin heilt und lindert. Gute Medizin kann es nur geben, wenn das Verhältnis von Patient und Arzt stimmt. Man muss sich gegenseitig vertrauen. Und gute Medizin heißt auch gute Kommunikation. Das, was der Arzt sagt, muss der Patient verstehen und umsetzen können. Und letztlich geht es ums Augenmaß: Wir müssen potentiell alles nutzen, was uns an Diagnostik und Therapie zur Verfügung steht, – aber mit Blick auf den konkreten Patienten nicht zu viel und nicht zu wenig davon. Das ist ärztliche Kunst.

Was ist mit digitaler Medizin? Dürfen wir mächtigen Internetunternehmen das Ruder überlassen?

Schäfer: Auf keinen Fall! Der Patient braucht in dem Dschungel an medizinischen Informationen und Fehlinformationen, den unzähligen Möglichkeiten der ständigen Selbstvermessung den Arzt als Filter. Uns muss klar sein, dass es Google und Co nicht um das Wohl der kranken und um ihre Gesundheit besorgten Menschen geht, sondern schlicht und einfach um wirtschaftlichen Erfolg. Die industrielle Medizin, so wie sie im Internet betrieben wird, verkauft: Mobiltelefone und Apps, technische Geräte und Bekleidung zur Messung von Vitaldaten – und auch die gesammelten Daten. Wir Ärzte tun das nicht. Unsere ärztliche Schweigepflicht ist unser höchstes Gut. Und das ist schon seit Hippokrates so. So gesehen war er der erste Datenschützer.

Im Herbst soll eine Entscheidung in der Sterbehilfedebatte fallen. Wie ist Ihre ganz persönliche Meinung dazu?

Schäfer: Aktive Sterbehilfe darf es nicht geben. Ärztliche Aufgabe ist die Linderung von Leiden. Es kann Grenzsituationen geben, in denen das Hauptaugenmerk des Arztes der Linderung von Leiden gelten muss, nicht dem Erhalt oder der Verlängerung des Lebens. 

In Berlin sind Masern ein Problem. Was halten Sie von einem Impfzwang?

Schäfer: Von Zwang halte ich überhaupt nichts, Zwang hat in der Medizin nichts zu suchen. Aufklärung hilft, Information. So dass die Eltern vernünftige und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen können. Aber zum Schutz aller Kinder muss der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen mit Regeln belegt werden, die auch Impfungen beinhalten. Letztlich heißt das: Die Impfung ist die Eintrittskarte zum Kindergarten. Eltern, die dennoch ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, müssen ihre Kinder dann in Einrichtungen schicken, die diese Regeln nicht haben.

 

Wir haben den Auftrag, die Freiberuflichkeit und Therapiefreiheit des Arztes zu verteidigen.

 

Was tun Sie, wenn Sie sich nicht mit Gesundheitspolitik beschäftigen?

Schäfer: Dann bin ich bei meiner Familie. Gerade jetzt haben wir ganz besonderen Grund zur Freude. Unser drittes Enkelkind ist geboren worden.

Was haben Sie sich für Ihre neue Amtszeit vorgenommen? Was sind die nächsten Ziele?

Schäfer: Innerverbandlich haben wir im Moment einige Unstimmigkeiten. Letztlich ist das in so einem Konstrukt wie einem Verband ganz normal. Angesichts der großen politischen Herausforderungen können wir uns das aber nicht leisten. Ich werde alles daran setzen, dass wir uns wieder voll und ganz auf das konzentrieren können, wofür wir gewählt worden sind. Wir haben den Auftrag, die Freiberuflichkeit und Therapiefreiheit des Arztes zu verteidigen. 

Herr Dr. Schäfer, wird danken für dieses Gespräch.

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