Gastkommentar

Besser ohne Zwang


Impfschutz Der Masernausbruch in diesem Jahr hat eine hoch emotional geführte Debatte über Sinn und Unsinn eines gesetzlichen Impfzwangs ausgelöst. Gesundheitsminister Gröhe geht einen anderen Weg.


Text: Dorothea Siems

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat den Masern den Krieg erklärt. Als Reaktion auf den massiven Ausbruch der Krankheit in diesem Jahr führt der CDU-Minister neue Maßnahmen für einen besseren Impfschutz ein. Das im Juni vom Bundestag verabschiedete Präventionsgesetz sieht eine Beratungspflicht vor: Eltern müssen nun vor der Aufnahme ihres Kindes in einer Kita schriftlich belegen, dass ein Arzt sie zum Thema Impfen beraten hat. Überdies ist bei allen Routineuntersuchungen von Kindern und Jugendlichen der Impfschutz zu überprüfen. Kommt es zu Masernfällen, können Ungeimpfte vom Kindergarten- oder Schulbesuch zeitweilig ausgeschlossen werden.

Mit diesem Maßnahmenbündel hat die Große Koalition einen klugen Mittelweg gewählt. Einerseits zeigt die neue Regelung, dass der Staat die Gefahr, die von dieser Krankheit ausgeht, ernst nimmt. Andererseits wird der von vielen Seiten geforderte Impfzwang vermieden. Und das ist gut so. Denn eine generelle Pflicht zur Masernimpfung wäre ein übermäßiger Eingriff in die Freiheit des Einzelnen. Zwar war in der Bundesrepublik bis 1975 die Pockenschutzimpfung obligatorisch. Doch diese inzwischen ausgerottete Krankheit war viel gefährlicher, als es die Kinderkrankheit ist. Mit Hinweis auf die Fürsorgepflicht des Staates war der Impfzwang bei den Pocken gerechtfertigt. Masern verlaufen dagegen im Regelfall harmlos. Nur jede 1000. Infektion führt entweder zur Lungen- oder zur noch gefährlicheren Hirnhautentzündung. Das Risiko, dass eine Maserninfektion tödlich endet, veranschlagen Experten auf 1:10.000. Befürwortern einer Pflichtimpfung geht es denn auch weniger um den Schutz des jeweiligen Impflings, als um den Schutz von Mitbürgern, die sich beispielsweise aufgrund einer Immunschwäche nicht impfen lassen können. In einer freiheitlichen Gesellschaft aber ist ein Impfzwang für Kinder schwer vorstellbar, wenn dieser nicht ihrem eigenen Wohl, sondern dem Wohle Dritter dienen soll. Dagegen ist es durchaus sinnvoll und auch zumutbar, Kinder zeitweilig vom Kita- oder Schulbesuch auszuschließen, um auf diese Weise Schwächere zu schützen und die weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Um das erklärte Ziel, die Masern auszurotten, zu erreichen, müssten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Gerade bei Kindern, für die der Zwang diskutiert wird, hat man schon jetzt ein sehr hohes Niveau erreicht: Gegenwärtig sind 97 Prozent der Grundschüler einmal und 92 Prozent zweimal geimpft. Der Anteil der Ungeschützten ist dagegen unter den jungen Erwachsenen deutlich höher. Während unter den Älteren fast jeder in der Kindheit die Krankheit hatte und somit immunisiert ist, gilt dies für die Jahrgänge ab 1980 nicht mehr. Damals gab es aber auch noch keine flächendeckenden Impfangebote. Ein weiteres Problem sind Flüchtlinge, die hierzulande oft einen unzureichenden Gesundheitsschutz haben. Jedem Asylbewerber umgehend alle relevanten Impfungen anzubieten, ist im Interesse aller Bürger geboten. Damit die bedenklichen Impflücken bei den Erwachsenen geschlossenen werden, sind Bund, Länder, Ärzteverbände und Krankenkassen überdies gefordert, ihre Aufklärungsarbeit zu intensivieren. Die Erfahrung Finnlands, wo die Ausrottung gelungen ist, zeigt, dass eine solche breit angelegte Strategie erfolgversprechend ist. Für die Impfung gibt es viele gute Argumente. Das Gros der Menschen ist dafür empfänglich. Und ein paar Impfmuffel kann die Gesellschaft verkraften.

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