Gastkommentar

Gesundheits-IT Visionäre haben das große Talent, Dinge zu erfinden, die die Menschheit eigentlich nicht braucht. Oder welche, von denen man zunächst denkt, man brauche sie nicht. So geschehen vor fast 200 Jahren mit den ersten Eisenbahnen. Oder vor nur acht Jahren mit der Erfindung des iPhone.


Text: Thomas Grünert 

Haben diese Dinge erst einmal unseren Alltag erobert, entwickelt sich so etwas wie die normative Kraft des Faktischen. So ist es auch mit der Gesundheits-IT. Seit Jahren gibt es Anwendungen, die eine schnelle Vernetzung gesundheitlicher Einrichtungen und verfügbarer Daten ermöglichen.

Dass die technischen Selbstverständlichkeiten auch systemrelevant umgesetzt werden, ist weitgehend Zukunftsmusik. Vorgeschoben wird in der Regel der Patient, dem von den jeweiligen Protagonisten fürchterliche Szenarien vorgehalten werden, so er seine Daten transparent macht. Nicht immer zu Unrecht. Doch vielfach ist es der Patient, dem von Einrichtungen des Gesundheitswesens seine Daten vorenthalten werden. Und das, obwohl das Patientenrechtegesetz es anders vorschreibt. Öffentlich nur wenig beachtet ist eine Entwicklung dieser Tage, die für eine rasante Tempoänderung bei Gesundheitsdaten sorgt. Mit der neuen Generation von iPhone, Apple Watches und anderer Hardware sammelt Apple millionenfach umfangreiche Daten und Vitalparameter der Nutzer. Apple-Research wertet schon jetzt Gesundheitsdaten aus 400 Millionen iPhones aus. Mehr noch: Es wird damit gerechnet, dass rund ein Drittel der Nutzer auch zusätzliche Apps freischaltet und persönliche Daten eingibt. Damit verfügt Apple über die größte Basis an Gesundheitsdaten weltweit. Microsoft und Google sind dabei, schnell nachzuziehen. Mit dieser gewaltigen Datenmasse könnten viele Studien in einem anderen Licht gesehen werden, Versorgungswege neue Perspektiven gewinnen. 

Sofort nach Bekanntwerden boten viele Kliniken in den USA ihren Patienten Apps an, die ihnen telemedizinische Betreuung unmittelbar nach der Entlassung ermöglichen oder aber eine Datenlinie zum weiterbehandelnden Arzt aufbauen. Entscheiden soll der Patient.

Wie alle Innovationen birgt auch die digitale Revolution im Gesundheitswesen Risiken, die man lieber vermieden hätte. Doch das jahrelange Hin und Her zur Gesundheits-IT im deutschen Gesundheitswesen hat – so muss man jetzt feststellen – dafür gesorgt, dass über die Köpfe der Patienten hinweg diskutiert wurden. Besser hätte man für einen mündigen Patienten als Herr seiner Daten gesorgt. Nun hat das technisch Mögliche viele dieser Debatten überholt, in der Unsummen Patientengelder ausgegeben wurden. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass das, was möglich erscheint, nicht auch gemacht wird. Am Ende läuft es wie beim Einsteigen in eine Eisenbahn auf eines heraus: Vertrauen! Noch immer ist der Arzt der erste Vertraute des Patienten. Diese Rolle sollte die Ärzteschaft auch in der Gesundheits-IT aktiv gestalten.

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