Positionen

 

Konsequent, klar und 

geradlinig

 

 

 

Dr. Jörg Schellenberger im Gespräch mit Ulrike Scholderer  © Georg Lopata

Neues aus dem GOÄ-Ausschuss Dr. Jörg Schellenberger hat ein schwieriges Amt übernommen. Nichts weniger als der gelingende Interessenausgleich zwischen Ärzten, privater Krankenversicherung, Beihilfe und Patienten in Zeiten strenger Finanzdisziplin ist sein Job. Doch der junge Vorsitzende hat einen Plan. Ein Portrait.


Text: Ingrid Mühlnikel | Foto: Georg Lopata

Jörg Schellenberger ist ein Mann, der weiß, was er will. Zum Interviewtermin erscheint er pünktlich, nimmt Platz am großen Konferenztisch in den Büroräumen des PVS-Verbands in der Schumannstraße 18 mitten im Regierungsviertel Berlins und meistert professionell das Foto-Shooting. Er tut das, was von ihm erwartet wird – nämlich die Anwesenheit des Fotografen und seiner Assistentin vollständig zu ignorieren. Immer wieder macht es klack, klack, klack. Innerhalb kürzester Zeit geht der Auslöser der Kamera. Schellenberger konzentriert sich jedoch völlig auf die Fragen, hört aufmerksam zu und lässt das Frage-Antwort-Spiel ohne erkennbaren Widerwillen über sich ergehen. 

Termine in der Bundeshauptstadt werden künftig häufig auf der Tagesordnung stehen. Der Vorsitz des GOÄ-Ausschusses ist ein wichtiges Ehrenamt – Schellenberger weiß das. Und er ist willens dieses voll und ganz auszufüllen. Doch der Reihe nach. Diese Frage musste kommen. Vermisst er, der Facharzt für Chirurgie, nicht die Arbeit am Patienten? Seit Dezember 2006 ist der gebürtige Bremer bei der PVS Limburg-Lahn, zunächst als Leiter der Rechnungsabteilung und Teamleiter des Fachbereichs Chirurgie, 2010 dann die Ernennung zum stellvertretenden Geschäftsführer und seit 1. April dieses Jahres ist er deren Geschäftsführer, neben dem langjährigen Geschäftsführer Kurt Weser. Der Arztberuf sei für ihn nicht mehr so, wie er ihn sich vorgestellt habe. Der hohe Anteil an administrativen Aufgaben – übrigens auch in der operativen Chirurgie – habe ihn gestört. Dann erklärt er, dass Selbstbestimmung für ihn wichtig sei. „Fremdbestimmung toleriere ich nur kurze Zeit, dann mag ich das nicht mehr.“ Auch die Frage: Wo stehe ich in zehn, 15 oder 20 Jahren? – hat ihn dazu veranlasst, sich nach Alternativen umzuschauen. Die Karriereplanung offenbart: Schellenberger ist keiner, der etwas dem Zufall überlässt. Noch während seiner Facharztausbildung beginnt er 2005 ein berufsbegleitendes Studium der Krankenhausbetriebswirtschaftslehre an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) Wiesbaden. Jetzt habe er ein eigenbestimmtes Umfeld und nicht die Seite wechseln müssen, erläutert er zufrieden. „Die letzten acht Jahre waren richtig.“

GOÄ-Ausschuss ist das strategische Rückgrat der Verrechnungsstellen

Wie funktioniert die Ausschussarbeit? Neun Mitglieder aus den privatärztlichen Verrechnungsstellen treffen sich in der Regel zwei Mal im Jahr. Aktuelle und drängende Themen werden zwischendurch in Sondersitzungen behandelt, erklärt der 45-jährige. Dieses Jahr habe man sich beispielsweise im ersten Halbjahr schon vier Mal getroffen. Und selbstverständlich sei jedes Ausschussmitglied auch direkt ansprechbar. Auf die Ausschussagenda kommen grundsätzliche Fragestellungen, Gerichtsurteile und Kommentare, aber auch Zuschriften mit Klärungsbedarf. Nach dem Motto: Sollen wir das jetzt einmal durchklagen, oder nicht? „Der Ausschuss ist ein beratendes Gremium“, stellt der Ausschussvorsitzende klar. Aufgabe sei es vor allem den Wissenstransfer aus dem Ausschuss in die Verrechnungsstellen sicherzustellen und möglichst einheitlich in der Außendarstellung aufzutreten. Dazu gehöre auch, auf das eine oder andere Fettnäpfchen hinzuweisen. Selbstbewusst spricht Schellenberger vom GOÄ-Ausschuss als strategischem Rückgrat der Verrechnungsstellen. „Ein Teil der strategischen Positionierung bei Fragen mit Grundsatzcharakter findet daher auch in diesem Gremium statt.“

Und welche Probleme brennen den Mitgliedern besonders unter den Nägeln? Das Zielleistungsprinzip sei häufig Gegenstand der Erörterungen, so Schellenberger. Was kann neben der Hauptleistung noch abgerechnet werden? Zu den Standards gehörten auch zweifellos gut bewertete Gebührenordnungsziffern. „Auch die sehen wir immer zwei Mal.“

„Wichtig ist, aus den Sichtweisen und Überlegungen, die man noch nicht kennt, zu lernen und besser zu werden.“ 

© Georg Lopata

Auch unbequeme Wahrheiten kommunizieren

Es ist Schellenberger deutlich anzumerken, dass er führen und gestalten will. Er hat klare Vorstellungen davon, wie die Rolle des GOÄ-Ausschusses aussieht. „Der GOÄ-Ausschuss ist ein Regulativ und damit neutral. Seine Empfehlungen können honoraroptimierend, aber auch qualitätsoptimierend sein.“ Er ist fest davon überzeugt, auch mal unbequeme Wahrheiten kommunizieren zu können, denn die Ärzte erwarteten schließlich einen offenen und ehrlichen Umgang. Und ja, es stimme, die privaten Krankenversicherer sind kritischer geworden, die Rechnungen würden akribischer und fachlicher geprüft. „Das ist deren gutes Recht mit den Geldern ihrer Versicherten sorgsam umzugehen.“ Für ihn stelle dieser Wettbewerb um die korrekte Rechnungsauslegung eher einen inneren Ansporn da. „Wichtig ist, aus den Sichtweisen und Überlegungen, die man noch nicht kennt, zu lernen und im Sinne einer Qualitätsoptimierung besser zu werden“, so der Ausschussvorsitzende. Aus diesem Rollenverständnis erwachsen dann auch seine Ziele für die künftige Ausschussarbeit. Die Qualitätsstandards hochzuhalten sei wichtig sowie die Seriosität und Kompetenz weiter zu stärken. 

Auch die häufig gestellte Frage nach der Zukunftsfähigkeit der privaten Versicherung und damit der Privatmedizin pariert er lässig. Er glaube an das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung. Das private System sei überdies transparent und übe eine Doppelschutzfunktion aus: Es schütze den Arzt vor einer Unterforderung und den Patienten vor einer Überforderung. „Auch ist heute schon abzusehen, dass die gesetzliche Krankenversicherung immer stärker korrigierend in das Leistungssystem eingreifen wird. Die Medizin entwickelt sich aber immer weiter. Eine Staatsmedizin, die Versorgung nach Kassenlage ihrer Versicherten bereitstellt, kann ich mir nicht vorstellen.“ 

Wie hält er sich selber fit? Die Frage hat er nicht erwartet. Ein kurzes Zögern: „Ich habe Familie“, erklärt der zweifache Familienvater einer 12- und 9-jährigen Tochter. Und in den Sommermonaten geht er joggen – aber nur in den Sommermonaten. Na denn, die Saison beginnt gerade! 

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