Praxismanagement

Lesen ja, urteilen nein


Die Arztsuche im Internet gehört heute zu den Suchstrategien wie früher die Mundpropaganda. Doch noch kämpfen die Betreiber der Suchmaschinen mit einer schleppenden Bereitschaft der Patienten, Ärztekommentare zu verfassen.


Text: Ingrid Mühlnikel

Wer heute als Patient einen Arzt sucht, kann sich – dank der freien Arztwahl – unter tausenden von Medizinern für einen entscheiden. Patienten, die mithilfe des Internets einen Arzt Ihres Vertrauens suchen, haben mittlerweile die Wahl zwischen unterschiedlichsten Arztbewertungsportalen und Suchmaschinen. Das macht die webbasierte Arztsuche aber inzwischen zu einer aufwändigen Angelegenheit. 

Neben kommerziellen Anbietern wie Jameda.de – das größte Arztbewertungsportal im Netz – sind auch gesetzliche Krankenversicherungen wie die Techniker Krankenkasse, die AOK oder die Barmer Gek auf diesen Zug aufgesprungen und versprechen Hilfe und Orientierung bei der Arztsuche. Genauso wie die Bertelsmann Stiftung, die frühzeitig mit der Weissen Liste einen Prototypen einer Arztsuchmaschine gemeinsam mit der AOK und Barmer GEK sowie einigen anderen Kassen für das Internet entwickelt hat. Daneben gibt es noch eine Vielzahl kleiner Anbieter, die vor allem das Anzeigengeschäft im Auge haben. Bei genauerem Hinsehen aber entpuppen sich viele dieser Suchmaschinen als digitale „Gelbe Seiten“. Der Ratsuchende erhält meist nicht mehr als die Adressen – gepaart mit der medizinischen Fachbezeichnung, den Öffnungszeiten und allenfalls noch Hinweisen zur Barrierefreiheit und Praxisschwerpunkten – der in seinem Postleitzahlengebiet ansässigen Ärzte. Handelt es sich um Suchmaschinen mit einer Arztbewertungsfunktion, gibt es oft nur wenige, oft auch gar keine Einträge zu den einzelnen Praxisinhabern. Auch aus diesen Gründen prophezeit der Branchenprimus Jameda in einem Interview mit der Ärztezeitung Anfang dieses Jahres eine Konsolidierung der Branche. „Im Moment sprießen viele Anbieter aus dem Boden. Vielfach wird aber nur ein Konzept kopiert, dann gibt es aber Mängel beim Bewertungsmanagement“, so Jameda-Geschäftsführer Fritz Edelmann.

Nur zögerlich werden Ärztebewertungen verfasst

In der Tat: Das Salz in der Suppe sind die Bewertungen. Und die fließen den Patienten nicht gerade aus der Feder. Jameda gab im Februar bekannt, die 1-Millionen-Marke an Arzt-Bewertungen geknackt – und damit so viele Bewertungen zu haben wie kein anderer Anbieter von Ärztesuchmaschinen. Auch wenn manche Bewertungen dem einen oder anderen Mediziner mitunter ein Ärgernis sind. Dieser einen Million an Jameda-Bewertungen stehen bundesweit mehr als 150.000 freiberuflich niedergelassene Vertragsärzte und 787 Millionen Arztkonsultationen pro Jahr gegenüber. Das Phänomen ist offensichtlich: Das Interesse, Arztbewertungen zu lesen – Jameda nennt monatlich fünf Millionen Patienten – ist offenkundig weitaus höher, als selbst eine Bewertung abzugeben. Kathrin Kirchler, Jameda-Pressereferentin, vermutet: „Eine Bewertung zu verfassen, ist immer mit etwas Aufwand verbunden. Der Patient muss sich mit E-Mail-Adresse registrieren und sich die Zeit nehmen, einen Bewertungstext zu formulieren. Das macht er in der Regel dann, wenn der Arztbesuch für ihn emotional war – vor allem im positiven Sinne: 80 Prozent der mehr als eine Million Bewertungen bei Jameda sind sehr gut bis gut.“ Der Berliner Tagesspiegel-Journalist und Chefredakteur für Gesundheitsprojekte, Ingo Bach, beschreibt das Leserverhalten so: „Kritik, mal Dampf ablassen, da greifen die Menschen eher zum Stift, als wenn sie zufrieden sind.“ Doch es sind auch die Bewertungen, die Arztsucheportale zu einem echten Instrument der Patientenorientierung machen. Eine kritische Masse an Arztbewertungen, die für alle Ärzte ein halbwegs objektives Urteil ermöglichten, gebe es im Netz aber noch nicht, so Bach.

Schon heute benutzen 20 Prozent aller Privatpatienten die Online-Arztsuche auf Jameda – damit ist der Anteil fast doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt der gesetzlich Versicherten mit 11 Prozent.

Vertrauen ist ein hohes Gut in diesem Geschäft

Werden Bewertungen von Patienten verfasst, sind diese ein sensibles Gut. Kathrin Kirchler erzählt, nahezu täglich gibt es Ärzte, die ihre Bewertungen bei Jameda überprüfen lassen. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als Deutschlands größte Ärzteempfehlung – da zählen Vertrauen und Seriosität zu den Rohstoffen des Geschäftsmodells. Jameda wirbt, die Plausibilität der Patientenkommentare bereits vor Veröffentlichung mit einem automatischen Algorithmus und gegebenenfalls mit einer SMS-Prüfung und einem zehnköpfigen Team, das die Verfasser von Bewertungen auch schon einmal persönlich kontaktiert, zu checken. So soll zum Beispiel ausgeschlossen werden, dass ein und derselbe Nutzer mehrfach ein und denselben Arzt bewertet, oder manipulierte Bewertungen platziert, oder Bewertungen aus niedrigen Beweggründen abgegeben werden. Meldet ein Arzt ein Problem, wird die kritische Bewertung für die Dauer der Überprüfung ausgesetzt. Doch wie sieht es überhaupt mit der Unabhängigkeit des Jameda-Arztbewertungsportals aus? Jameda verkauft an zahlende Kunden kostenpflichtige Pakete, die unter anderem ein schnelles Auffinden im Google-Ranking garantieren. Zwischen 55 und 135 Euro müssen zahlungswillige Ärzte für eines der drei Angebote berappen. Kirchler verneint eine Bevorzugung zahlender Kunden in der Bewertung gegenüber Ärzten, die nicht auf den Jameda-Website inserieren. Kritiker monieren trotzdem eine mangelnde Unterscheidbarkeit zwischen Inseraten und dem kostenlosen Eintrag der Arztadressen.

Um ein halbwegs fundiertes Urteil über eine ärztliche Leistung fällen zu können, gehören für Ingo Bach mehr Kriterien als die Patientenbewertung dazu. Er nennt die Fallzahl sowie Kollegenbewertungen und dokumentierte Ergebnisse der Behandlungsqualität, falls vorhanden. Noch sind die Suchmaschinen von solch einer umfassenden Qualitätsdarstellung ärztlicher Leistungsfähigkeit weit entfernt. Doch es ist eine Frage der Zeit bis die Betreiber der Suchmaschinen ihre Kriterien erweitern. Schon heute, so Kathrin Kirchler, würden überdurchschnittlich viele Privatpatienten die Online-Arztsuche auf Jameda in Anspruch nehmen. „Mehr als 20 Prozent – damit ist der Anteil fast doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt mit 11 Prozent“, wirbt das Unternehmen auf seiner Website. Kirchler vermutet, dass dies mit dem höheren Anteil an Akademikern unter den Privatpatienten und deren höherem Informationsbedürfnis zusammenhängen könnte. Auch wenn Arztbewertungsportale noch weit davon entfernt sind, halbwegs objektive Informationen über die Leistungsfähigkeit einer Praxis zu liefern. Aus der Internetbranche sind sie nicht mehr wegzudenken.

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