Praxisfinanzen

Gesamtbilanz positiv


Ärzteversorgung Niedrige Zinsen und die aktuelle Rechtsprechung des Bundessozialgerichtes gehen an den berufsständischen Versorgungswerken nicht spurlos vorbei. Ein Bericht zur aktuellen Situation.


Text: Ulrike Scholderer

Die Geschichte der berufsständischen Versorgungwerke beginnt im Jahr 1957. Die große Rentenreform unter Bundeskanzler Adenauer führte dazu, dass Freiberufler sich nicht länger freiwillig in der gesetzlichen Rentenversicherung versichern konnten. In der Folge entstanden auf Länderebene berufsständische Versorgungswerke für die in Kammern organisierten Berufe, meist als Körperschaften öffentlichen Rechts, teils aber auch als Sondervermögen der jeweiligen Berufskammern. Zulassungsvoraussetzung waren eine Satzung, die ein der gesetzlichen Rentenversicherung vergleichbares Leistungssystem vorsah, und ein versicherungsmathematisches Gründungsgutachten. Die Mitgliedschaft im Versorgungswerk ist Pflicht qua Gesetz. Neben der Altersversorgung gehören auch eine Berufsunfähigkeitsabsicherung und die Hinterbliebenenversorgung zum Portfolio.

Die Versorgungswerke fingen bei Null an. Ohne Anfangskapital und ohne staatliche Zuschüsse. Dennoch mussten sie schon bald Renten auszahlen. Und es ist wohl genau dieser Umstand, der die Versorgungswerke bis heute vergleichsweise so erfolgreich macht. Denn die meisten Versorgungswerke arbeiten nach dem offenen Deckungsplanverfahren. Hier werden Elemente des Umlageverfahrens mit einer kollektiven Kapitaldeckung kombiniert. „Diese Konstruktion ermöglicht es, flexibel auf Veränderungen an den Kapitalmärkten zu reagieren und durch Nutzung des Umlageverfahrens die Finanzierung stabil und generationengerecht zu gestalten“, sagt der Versicherungsmathematiker Prof. Dr. Klaus Heubeck. 

Fast alle Versorgungswerke starteten zu Beginn mit einem relativ niedrigen Rentenniveau. Diesen Rückstand konnten sie aber schnell aufholen. Heute liegen die Renten der meisten Versorgungswerke deutlich über denen der gesetzlichen Rentenversicherung. Und auch mit einer privaten Berufsunfähigkeits- und Rentenversicherung gelingt es meist nicht, vergleichbar hohe Versorgungsansprüche zu begründen. Die Beiträge werden grundsätzlich – wie auch in der gesetzlichen Rentenversicherung – einkommensabhängig erbracht. Diese Beiträge werden einerseits für die Auszahlung der Renten verwendet, andererseits fließen sie in einen kollektiven Kapitalstock. Dieser Kapitalstock entlastet die Beitragszahler und kann kurze und mittelfristige Schwankungen im Mitgliederbestand oder am Kapitalmarkt ausgleichen. Eine besondere Herausforderung für alle Rentensysteme ergibt sich aus der steigenden Lebenserwartung. Für die Versorgungswerke ist die Herausforderung noch größer, denn tatsächlich dürfen sich die Angehörigen der freien Berufe auf drei bis vier Lebensjahre mehr freuen, als der gesamtgesellschaftliche Durchschnitt. Zwar haben die meisten Versorgungswerke inzwischen die Altersgrenze angepasst, gleichzeitig bietet der Kapitalstock aber auch mehr Flexibilität, um die Entwicklungen aufzunehmen. „Auf länger andauernde Veränderungen kann man sich mit Hilfe des Kapitalstocks sukzessive einstellen“, erläutert Heubeck. „Die Verlängerung der Lebenserwartung wurde durch vermehrte Kapitalansammlung in den Versorgungswerken nach und nach vorfinanziert.“

Die berufsständischen Versorgungswerke verfügen über Kapitalrücklagen von mehr als 162 Mrd. Euro und haben mehr als 900.000 Mitglieder.

Sine qua non: Neue Mitglieder und Kapitalerträge

Damit die Versorgungswerke funktionieren, brauchen sie einerseits Kapitalerträge, andererseits muss gesichert sein, dass sie einen stetigen Neuzugang an Mitgliedern haben. Und um beide Voraussetzungen steht es nicht mehr so rosig, wie noch vor einigen Jahren. 

Die berufsständischen Versorgungswerke aller freien Berufe verfügen insgesamt laut Angaben der Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungseinrichtungen (ABV) über Kapitalrückstellungen von mehr als 162 Milliarden Euro, so der Stand Ende 2013. Bei der Anlage dieses Vermögens gehe Sicherheit vor Rendite, sagt die ABV. Die meisten Versorgungswerke kalkulieren trotz anhaltender Niedrigzinsphase noch immer mit einem Rechnungszinssatz zwischen 3,5 und 4 Prozent. Der Garantiezins klassischer Lebens- und Rentenversicherungen wurde inzwischen auf 1,25 Prozent abgesenkt. „Man muss die Erwartungen zurückschrauben und gegebenenfalls auch den Rechnungszins zurücknehmen“, so Heubeck. Wird der Rechnungszins gesenkt, braucht man aber mehr Deckungskapital, um die Renten stabil zu halten. Heubeck zeigt sich angesichts der Lage der Versorgungswerke zuversichtlich. Denn die den Versorgungswerken angewandten Finanzierungsverfahren böten alle Möglichkeiten, sachgerecht und zukunftsorientiert zu reagieren.

Berufsrechtliche Regelung für Syndikusanwälte in Sicht

Im vergangenen Jahr hatten drei Grundsatzurteile des Bundessozialgerichtes zu großer Verunsicherung geführt. Festangestellte Unternehmensjuristen dürfen sich, auch wenn sie eine Zulassung als Rechtsanwalt haben, nicht mehr von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung zugunsten der anwaltlichen Versorgungswerke befreien lassen, urteilten die Kasseler Richter. In der Urteilsbegründung wurde darauf verwiesen, dass die Ausübung des Anwaltsberufes in einem Anstellungsverhältnis nicht möglich sei. Betroffen von den Urteilen sind rund 40.000 Syndikusanwälte. Befürchtet wurde, dass das Urteil auch auf andere Berufsgruppen ausstrahlen könnte. Dadurch könnten die Versorgungswerke langfristig geschwächt werden, weil sie weniger Neuzugänge zu verzeichnen hätten. 

Bundesjustizminister Heiko Maas kündigte Abhilfe für die angestellten Rechtsanwälte an. Anfang April hat er jetzt einen Gesetzentwurf zur Neuordnung des Rechts der Syndikusanwälte vorgelegt. Es klärt, wann sie anwaltlich tätig sind und sich damit auch weiterhin von der gesetzlichen Rentenversicherung befreien lassen können. Martin Huff, Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer Köln, bewertet den Gesetzentwurf als eine bis auf Details stimmige Lösung. Denn er stelle klar, dass auch Syndikusanwälte zu dem klassischen Personenkreis der Freiberufler gehörten. Sofern das Gesetz, wie augenblicklich geplant, im Juli verkündet werde, trete es zum November in Kraft. Es löst zwar das Problem der Syndikusanwälte. Trotzdem muss gesehen werden, dass das Bundessozialgericht die Kriterien für eine Befreiung von der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht zunehmend strenger auslegt. Seit 2012 muss bei jedem Berufswechsel ein neuer Befreiungsantrag gestellt werden. Bis dahin galt ein einmal bewilligter Befreiungstatbestand für das gesamte Berufsleben. Mediziner müssen dafür den Nachweis bringen, dass es sich bei der neuen Beschäftigung um eine ärztliche Tätigkeit handelt. Es besteht allerdings Streit darüber, wem die Definitionshoheit des Begriffs der ärztlichen Tätigkeit zukommt – der Rentenversicherung oder den Kammern. Prof. Dr. Thomas Gutmann von der Universität Münster hat im vergangenen Herbst ein Gutachten vorgelegt, dass die Definitionshoheit der ärztlichen Tätigkeit rechtssystematisch dem Kammerrecht zuspricht und gleichzeitig klargestellt, dass die Rentenversicherung das Kammerrecht anzuwenden hat.

Das offene Deckungsplanverfahren macht es möglich, flexibel auf Veränderungen auf den Kapitalmärkten zu reagieren und durch das Umlageverfahren die Finanzierung stabil und generationengerecht zu gestalten.

Nicht alles auf ein Pferd setzen

Der Versicherungsmathematiker Heubeck zieht eine positive Bilanz: „Die berufsständischen Versorgungswerke sind solide finanziert.“ Dennoch sind sie nur ein Baustein der individuellen Alters- und Berufsunfähigkeitsvorsorge. Deshalb rät Finanz- und Bankexperte Michael Brüne von der Beratung für Heilberufe zusätzlich zu einem klassischen Vermögensaufbau. Je nach Risikopräferenz sollte in ein Portfolio aus Immobilien, Aktien, festverzinslichen Wertpapieren, Bargeld und Wertgegenständen investiert werden. „Durch eine sinnvolle Diversifizierung wird eine Streuung der Vermögenswerte sowie der möglichen Einnahmen erreicht“, erläutert Brüne. Denn jede Wertanlage habe ihre Zeit. Vor einigen Jahren hätte niemand für möglich gehalten, dass die Aktienmärkte und die Immobilien boomen würden, so wie sie es gerade tun, oder dass die Zinsen auf einem derart niedrigen Niveau stagnieren würden. Übrigens beherzigen auch die Versorgungswerke diesen Rat. Sie haben ihr Kapital weitgefächert angelegt und passen ihre Anlagestrategie den Renditeaussichten an.

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