Endlich seien die Ärzte aufgewacht. So kommentiert die Süddeutsche Zeitung die Entscheidung des Deutschen Ärztetages, das Fernbehandlungsverbot zu lockern. Die Ärzte hätten die Augen davor verschlossen, dass immer mehr Patienten ihre Beschwerden bei Google eintippten und auch abends Rat suchten, wenn ihr Hausarzt nicht mehr erreichbar sei. Bundesgesundheitsminister Spahn schlug letztlich in dieselbe Kerbe, als er an die Ärzte appellierte: „Ich möchte am Ende nicht, dass Apple Health dafür sorgt, dass ein Bedürfnis der Patienten beantwortet wird.“

Wir Ärzte sind keine verschlafenen, weltfremden Technikfeinde.

Das kann man so nicht stehen lassen. Wir Ärzte sind ­keine verschlafenen, weltfremden Technikfeinde. Wir erkennen die Potentiale der Digitalisierung und sehen, dass sich die Erwar­tungen der Patienten ändern. Wir setzen uns dafür ein, die Mög­lich­keiten digitaler Lösungen auszuschöpfen, sofern sie helfen, die Qualität der Behandlung zu sichern. Aber wir war­nen zu Recht vor der Gefahr, einer telemedizinischen Primär­versorgung den Weg zu ebnen und vor kommerziellen Call-­Center-­Angeboten. Denn wir wissen um die Grenzen der Fern­behandlung. Es fehlt der Gesamteindruck des Patienten, der für eine gute Diagnostik unabdingbar ist. Und die Medizin selbst bleibt eine Erfahrungswissenschaft. Telemedizin ist zunächst erst einmal ein weiterer Kommunikationskanal, dessen Nutzungs­möglichkeiten sich im Laufe der Zeit herauskristallisieren werden. Das Grundproblem aber bleibt. Denn auch die Telemedizin kann aus einer Arztstunde nicht mehrere machen. Prof. Montgomery hat mit Fug und Recht von der Arztstunde als einem knapp gewordenen Gut gesprochen. Und um genau dieses Gut geht es. Um die Arztstunde für eine gute medizinische Versorgung, überall in unserem Land. Nicht um eine Arztstunde für internetgetriebene Serviceansprüche von Patienten.

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