Gastkommentar

Hart aber fair

© Martin Schulz

Mediziner aus dem Ausland sollen das Staatsexamen nachholen, fordert die Bundesärztekammer. Die derzeitige Regelung ist in der Tat zu großzügig. 


Text: Dorothea Siems

Deutschland entwickelt sich immer stärker zu einem Magneten für Mediziner aus aller Welt. Mittlerweile sind hierzulande rund 45.000 Ärzte mit ausländischem Pass in ihrem Beruf tätig. Damit hat sich ihre Anzahl binnen einer Dekade fast verdreifacht. 

Angesichts der Schwierigkeiten vieler Kliniken, freie Arztstellen zu besetzen, und der steigenden Zahl verwaister Praxen auf dem Land sind die ausländischen Mediziner in Deutschland hochwillkommen. Allerdings gibt es innerhalb der Ärzteschaft zunehmend Sorgen, dass manche Zuwanderer nicht das gleiche Qualifikationsniveau haben wie ihre hier ausgebildeten Kollegen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery kritisiert seit Längerem, dass in Deutschland großzügiger als in vielen anderen Ländern die ausländischen Berufsabschlüsse als gleichwertig anerkannt werden und nach einem erfolgreichen Sprachtest dann die Approbation erteilt wird. Das gilt nicht nur für Migranten aus anderen EU-Staaten, sondern auch für zugewanderte Drittstaatler. Um die Qualität der medizinischen Versorgung zu sichern, fordert die Bundesärztekammer, dass ausländische Ärzte, die nicht aus der EU kommen, künftig eine Prüfung absolvieren müssen, die dem Niveau des zweiten und dritten Teils des deutschen medizinischen Staatsexamens entspricht. Denn zum einen hält es die Standesorganisation nicht für möglich, die Qualität der Ausbildung in den jeweiligen Heimatländern objektiv zu bewerten. Zum anderen ist die Echtheit der vorgelegten Dokumente nicht immer zweifelsfrei zu klären. Und weil die Anerkennung ausländischer medizinischer Berufsabschlüsse den Bundesländern obliegt, gibt es innerhalb Deutschlands strengere und weniger strengere Behörden.

Dass die Anerkennungspraxis verbesserungsfähig ist, liegt somit auf der Hand. Schon ein Blick auf die Herkunftsländer zeigt, wie schwierig die Aufgabe der deutschen Behörden ist, zumal aus Krisenstaaten wie etwa Libyen, dem Sudan oder Afghanistan kaum verlässliche Informationen zu bekommen sind. Trotzdem geht der Vorstoß der Bundesärzteschaft zu weit. Denn die geforderte umfangreiche Prüfung würde Mediziner, die bereits etliche Jahre ihren Beruf ausgeübt haben, vor eine hohe Hürde stellen. Wer beispielsweise ein erfahrener Augenarzt oder Orthopäde ist, dürfte ohne großen Lernaufwand kaum alle Fragen zur Inneren Medizin oder zur Chirurgie beantworten können. Wohl auch viele deutsche Ärzte, die schon länger im Berufsleben stehen, würden wohl nicht ohne Weiteres ihr einmal erlerntes Wissen in einer solchen Prüfung abrufen können – und machen trotzdem einen guten Job.

Aus Gründen des Patientenschutzes erscheint die Wiederholung des Staatsexamens zumindest für Drittstaatler, die aus einem Land mit einem vergleichbar guten Ausbildungssystem kommen, deshalb übertrieben. Allerdings muss bei der Anerkennung des Berufsabschlusses gelten, dass Sicherheit absolute Priorität hat. Nur bei einem zweifelsfreien Nachweis der Qualifikation darf die Approbation erfolgen. Auch sollte es immer eine praktische Prüfung geben, die nicht nur die sprachlichen, sondern auch die fachlichen Fähigkeiten deutlich macht. Kann die Gleichwertigkeit der Qualifikation nicht nachgewiesen werden, ist ein medizinisches Staatsexamen zwingend. 

Deutschland mit seiner alternden Bevölkerung wird auch künftig ausländische Ärzte aus Drittstaaten brauchen und sollte sie deshalb nicht mit einer übertrieben scharfen Regelung abschrecken. Doch gegen die wachsende Personalnot gibt es neben der Zuwanderung zwei weitere sinnvolle Ansätze: die Erhöhung der Medizinstudienplätze und die Verbesserung der hiesigen Arbeitsbedingungen, damit weniger deutsche Ärzte ins Ausland gehen.

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