Praxisfinanzen

Aus guten Gründen gründen

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Praxisfinanzierung  Eine eigene Praxis führen – der Traum vieler Ärzte. Doch von freiberuflichen Medizinern wird viel Unternehmertum erwartet. Vor allem gehören vor der Übernahme oder Gründung wichtige Fragen geklärt. Banken stellen sich immer mehr auf punktgenaue Beratung ein.


Text: Conny Meissner

Selbstbestimmt Medizin betreiben, Behandlungen frei gestalten, Herr über Arbeitszeiten sein und sich vom Schichtdienst verabschieden können – Gründe, eine eigene Praxis aufzubauen oder eine bereits etablierte Niederlassung von einem Kollegen zu übernehmen, gibt es viele. Doch der Weg in die Selbstständigkeit ist herausfordernd. Die Standortfrage gehört eingehend analysiert, Mitarbeiter müssen übernommen oder neu rekrutiert werden – vor allem aber brauchen Gründer ausreichend Finanzkapital, um sich einzukaufen, zu modernisieren oder neue Geräte anzuschaffen. Es führt kein Weg daran vorbei: Der Mediziner muss zum Kaufmann werden. Banken haben sich auf diese hoffnungsvolle Klientel eingestellt, sowohl große Kreditinstitute als auch speziell auf Heilberufler ausgerichtete Geldhäuser bieten Finanzierungslösungen und immer ausgefeiltere Beratung.

Übernahmepreise in Städten explodieren

Übernahmen sind die beliebteste Form, in die Selbstständigkeit zu gehen, etwa unter den Hausärzten: Von jenen, die 2016 den Weg in die Freiberuflichkeit wagten, übernahmen 54 Prozent eine bestehende Praxis, nur fünf Prozent gründeten eine Praxis neu. Der Rest fand sich in Kooperationen zusammen. Das ergab 2016 eine Analyse der Apotheker- und Ärztebank (apoBank), die Mediziner bei diesen Schritten begleitet. Doch Übernahmen sind teuer, auch das macht die Standesbank mit regelmäßig vorgelegten Analysen deutlich: Vor allem in urbanen Regionen sind die Preise für das Aufkaufen bestehender Praxen in den letzten zwei Jahren rasant gestiegen. In mittelgroßen Städten mussten Gründer im Schnitt 92.100 Euro auf den Tisch legen, bevor sie eine Hausarztpraxis übernehmen konnten, zwei Jahre zuvor waren es 69.300 Euro. Den größten Sprung aber machten die Großstädte: Hier kostete die reine Übernahme einer hausärztlichen Praxis zuletzt durchschnittlich 100.000 Euro, 27 Prozent mehr als noch zwei Jahre zuvor.

Wie hoch müssen die künftigen Mindesteinnahmen sein, damit Ärzte als Selbstständige ihre Ausgaben decken können? Wichtig: private Vorsorge nicht vergessen!

Modernisierungen treiben Investitionssummen in die Höhe

Im Vergleich zur Neugründung einer Praxis bietet die Übernahme natürlich eine höhere Planungssicherheit: Der Arzt kann auf einen vorhandenen Patientenstamm bauen, mit bereits eingearbeiteten Mitarbeitern rechnen. Doch liegen hier auch Nachteile: Entsprechen die Mitarbeiter dem eigenen Anspruch, arbeiten sie nach der gleichen Philosophie? Auch kann das Praxiskonzept bereits überholt sein, oder die medizinischen Geräte entsprechen eventuell nicht mehr dem neuesten Stand der Technik. Nicht ohne Grund treibt gerade der Zusatzposten „weitere Investitionen“ die Kosten bei Übernahmen in die Höhe: 43.800 Euro steckten Praxisübernehmer laut apoBank im Schnitt noch einmal zusätzlich zum Übernahmepreis in die Modernisierung der Praxis, in fällige Umbauten oder die Anschaffung neuer Geräte. Mit 133.800 Euro liegt die Gesamtinvestitionssumme für die Übernahme einer Hausarztpraxis denn auch um gut ein Viertel höher als für eine Neugründung (104.300 Euro).

Banken raten: Risiken einplanen!

Die Finanzierung der Selbstständigkeit will umsichtig geplant sein. Die Deutsche Bank etwa, die sich seit den letzten zehn Jahren verstärkt dem Kundensegment der Heilberufler zuwendet und, erst im letzten Jahr eine spezielle digitale Plattform für diese Klientel freigeschaltet hat (siehe Infokasten), rät dazu, sich zunächst über den privaten künftigen Finanzbedarf klar zu werden: Die Ärzte sollten sich einen Überblick darüber verschaffen, wie hoch die künftigen Mindesteinnahmen sein müssen, damit sie auch als Selbstständige ihre Ausgaben decken können. Wichtig dabei: auch die privaten Vorsorgemaßnahmen nicht vergessen. 

Um schließlich das nötige Startkapital zu errechnen, empfiehlt die Bank, passende Wertansätze zu ermitteln und genügend Reserven einzuplanen. Denn nicht selten, so warnt das Institut, ziehe sich bei Gründern die Startphase doch länger hin, ergäben sich nachträglich Kostensteigerungen – eine heikle Stolperfalle. Auch Risikofaktoren wie Zahlungsverzögerungen sollten Mediziner einkalkulieren.

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Wissenswert

Sie überlegen, sich selbstständig zu machen?

Banken stellen in Infopools Wissenswertes über Praxisübernahmen und Existenzgründungen speziell für Ärzte bereit und informieren über ihre Finanzierungsangebote. So etwa die apoBank mit ihrem Existenzgründerportal oder die Deutsche Bank mit ihrem neuen Infopool speziell für Heilberufler. Hier stehen auch umfassende Checklisten für die Gründung und Finanzierung bereit. 

https://existenzgruendung.apobank.de

www.deutsche-bank.de/heilberufe 

Kredit mit Luftkissen

Die apoBank kennt diese Risiken und weiß auch aus eigenen Studien, dass es genau diese Ängste sind, die Mediziner von der Gründung einer Niederlassung abhalten. Deshalb hat sie vor anderthalb Jahren ein Finanzierungsprogramm mit Sonderkrediten auf den Markt gebracht, bietet jetzt Existenzgründerkredite an, denen eine Art „Airbag“ vorgeschaltet ist. „Damit mindern wir die Hindernisse auf dem Weg in die wirtschaftliche Selbstständigkeit“ sagt Olaf Klose von der apoBank. Mit dem Sonderkredit würden die Risiken der unternehmerischen Selbstständigkeit „gut verträglich, beherrschbar und vor allem nicht belastend“, so der Bereichsvorstand Privatkundengeschäft. Der Kern der Idee: Sollte der Arzt in den ersten drei Jahren nach Gründung ein Insolvenzverfahren eröffnen müssen, verzichtet die Bank auf die Geltendmachung ihrer Forderungen aus dem Darlehen oder bietet an, die Tilgung auszusetzen. Zudem gibt es das Darlehen zu einem Zehn-Jahres-Festzins, die Kreditsumme ist nicht beschränkt. 

Grundsätzlich bietet die apoBank Existenzgründern zwei Möglichkeiten der Finanzierung: den klassischen Weg über Tilgungsdarlehen mit konstanten Tilgungsraten sowie eine Konzeptfinanzierung mit endfälligem Darlehen und Tilgung am Ende der Laufzeit. Welche Finanzierungsform für welchen Gründer in Frage kommt, erschließt sich erst in einem Gespräch mit einem Bankberater, in dem Laufzeit, Bindung an die Sollzinsen und einzelne Tilgungsraten individuell bestimmt werden. Die berufliche Situation kommt dabei meist ebenso zur Sprache wie private Lebensumstände, Ziele und persönliche Vorhaben. 

Banker trumpfen mit Wissen über Arztabrechnungen und Praxisbewertung

Die Banken haben diesen individuellen Beratungsbedarf erkannt und in den letzten Jahren in Programme für Mediziner oder Apotheker investiert. Finanzberater bei der Deutschen Bank etwa erhalten, bevor sie Heilberufler bei der Gründung zur Seite stehen, eine umfassende Schulung, wissen über Arztrecht, Praxisbewertung und Honorarabrechnungen Bescheid. Auch können sie einschätzen, ob der Interessent für Förderprogramme in Frage kommt. Die apoBank hat ihrerseits INKO ins Leben gerufen, ein Programm, über das sich Interessierte interaktiv über Gründungs- und Finanzierungsmöglichkeiten informieren und Kontakt zu einem Berater aufnehmen können; auch kostenfreie Existenzgründungsseminare stehen den Interessierten zur Verfügung. Die Bank hat jüngst die Probe aufs Exempel gemacht: Im Rahmen einer Studie befragte sie 2014 mehr als 400 Mediziner und Apotheker, die in den Jahren zuvor mit dem Gedanken an die Selbstständigkeit gespielt – und den Plan entweder verworfen oder umgesetzt hatten. Als schwerwiegendsten Vorbehalt gegen eine Niederlassung nannten drei Viertel der Befragten die finanziellen Risiken. Dem stellt die Bank heute – nach zahlreichen Existenzgründungsberatungen – andere Zahlen gegenüber: Zum einen könnten 998 von 1.000 Existenzgründungsfinanzierungen bei der apoBank „problemlos bedient werden“, wie das Kreditinstitut mitteilt. Und: Rund 90 Prozent der bereits niedergelassenen Ärzte und Apotheker würden den Schritt in die Selbstständigkeit noch einmal gehen, falls sie wieder vor der Entscheidung stünden. Denn es gibt gute Gründe zu gründen. An mangelndem Kapital und Wissen soll es nicht scheitern.

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