Praxismanagement

Im Aufbruch

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Digitalisierung in der Medizin Zögerlich öffnen sich Ärzte der Digitalisierung. Erste Vorreiter unter den Medizinern demonstrieren bereits die Vorteile – für ihre Praxen, aber auch für die Patienten.


Text: Romy König

Leichte Verstimmung hier, erwartungsvolles Frohlocken dort: Als Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries Ende Mai in einem Eckpunktepapier forderte, die Digitalisierung im Gesundheitswesen stärker voranzubringen, rief das sehr unterschiedliche Reaktionen hervor. Amtskollege Hermann Gröhe etwa sah sich – als Verantwortlicher des Gesundheitsressorts – in seiner Kompetenz angegriffen und konterte mit Sarkasmus: Es sei doch gut, „dass das Bundeswirtschaftsministerium zwei Jahre nach dem E-Health-Gesetz auch die Bedeutung der Digitalisierung des Gesundheitswesens erkennt“, so sein – leicht säuerlicher – Kommentar während einer Veranstaltung der Zeitung „Der Tagesspiegel“. 

Dem stand die – wenn auch vorsichtige – Freude der Ärzteschaft gegenüber: Hartmannbund-Vorsitzender Dr. Klaus Reinhardt begrüßte den Vorstoß der Ministerin und wertete ihre „Analyse“ als „richtig und ein wichtiges Signal“. Vor allem ihr Vorschlag, Unikliniken sollten 500 Millionen Euro für den Einsatz digitaler Lösungen erhalten, gefiel dem Ärztevertreter – auch wenn er einräumte, dass sich die Forderung eher als „grundsätzlicher Appell“ denn als „konkrete Ankündigung“ lesen lasse. 

Prozent der Krankenhausärzte tauschen sich untereinander per Telemedizin aus.

Prozent der Ärzte sagen, dass Arztpraxen und Krankenhäuser ihre Kosten mithilfe digitaler Technologien senken können.

Fest steht: So kurz vor der politischen Sommerpause und gut drei Monate vor der Bundestagswahl lenkte Zypries’ Katalog den Fokus einmal mehr auf ein drängendes Thema: die Digitalisierung in der Medizin. Nun ist Zypries’ Sicht freilich eine wirtschaftliche, ihre Perspektive jene von Unternehmen, die gern Lösungen für den Gesundheitsmarkt entwickeln, launchen oder in der Breite ausrollen wollen, aber auf Hürden stoßen: „Dornenreich“ sei der Weg in die Regelversorgung, so Zypries. Sie fordert daher unter anderem, die Start-ups – ebenso wie Verbände –, an der Festlegung der Gebührenziffern zu beteiligen und die Beratungen dazu so transparent durchzuführen, dass neue digitale Angebote „auch leistungsgerecht entlohnt werden“. Nicht zuletzt könnten auch Ärzte gerade dadurch motiviert werden, die Innovationen zu nutzen, so ihre Überlegung. 

Ärzte brechen auf – wenn auch mit Verspätung

Dabei tut sich in der Ärzteschaft längst etwas: Diesen Eindruck jedenfalls hat Klaus Reinhardt vom letzten Ärztetag mitgenommen. Da habe sich gezeigt, dass die Ärzte sich – wenn auch mit Verspätung – sehr wohl in einer Aufbruchphase befinden „und in hohem Maße bereit sind, die Chancen von Digital Health anzunehmen und aktiv mitgestalten.“ Immerhin sagen schon zwei Drittel der Ärzte, Praxen und Kliniken, sie könnten mithilfe digitaler Technologien ihre Kosten senken – das ergab eine gemeinsame Umfrage des Hartmannbundes und des Internetverbands Bitkom im Juni. 

Und doch werden in den Praxen digitale Angebote noch sehr selten genutzt: Erst 20 Prozent bieten ihren Patienten etwa eine Onlineterminvereinbarung an. Ein regelrechtes Nischendasein fristet derzeit noch die elektronische Patientenakte: Nur drei Prozent der Ärzte setzen sie ein. 

Das Eckpunktepapier des Ministeriums für Wirtschaft und Energie

Die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft beschleunigen und innovative Start-ups auf diesem Markt unterstützen – das sind die Ziele des Wirtschaftsministeriums Dazu soll:

… die Entwicklung digitalisierter, ganzheitlicher Lösungen durch Förderprogramme unterstützt werden.

… jeder Patient ein gesetzlich festgelegtes Recht haben, jederzeit auch digital auf seine Gesundheitsdaten zugreifen und das Zugriffsrecht Dritten einräumen zu können. Mittels einheitlicher Standards und Vorgaben soll jedes Unternehmen eine gesetzeskonforme elektronische Patientenakte entwickeln können.

… die Nutzung von Big Data vorangetrieben werden, indem Forschungsdaten, klinische Daten und Daten aus der Patientenversorgung für die Forschung und die Patientenversorgung bereitgestellt und verknüpft werden.

… das Fernbehandlungsverbot nochmals mit der Bundesärztekammer verhandelt und zudem eine bundesweite Anpassung des Fernverschreibungsverbots geprüft werden.

… der Zugang zu Risikokapital und die Aufstellung eines Business Case erleichtert werden, unter anderem auch dadurch, dass die Start-ups bei der Festlegung der Gebührenziffer durch den Bewertungsausschuss im Vorfeld beteiligt werden.

Einzelheiten zur Umsetzung dieser Forderungen nennt das Papier nicht. Auch dazu, wer die Fördergelder für die Klinik-IT bereitstellen soll, macht das Ministerium keine Angaben.

Zu hundert Prozent digital

Einer dieser Vorreiter ist Marc Unkelbach. Als der Hals-Nasen-Ohren-Arzt nach mehreren Jahren als Klinikmediziner im Januar 2015 seine eigene Praxis in München-Pasing eröffnete, war für ihn klar: Sie muss durchdigitalisiert sein – von Anfang an. „Zu einhundert Prozent papierfrei, eine elektronische Patientenakte, alle Geräte – vom Ultraschall über Röntgen bis hin zu Endoskopen – so vernetzt, dass ich die Bilder auf Knopfdruck dem Patienten zuordnen kann – so sollte es sein.“

Er tat bereits vor zwei Jahren das, was als Idee in Zypries’ Neun-Punkte-Plan mitschwingt: Er schloss sich mit einem Start-up kurz. Ein junges Softwareunternehmen aus Jena, spezialisiert auf medizinische Informatik und auf die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten, richtete die IT seiner Praxis ein. Die Arbeitserleichterung oder Zeitersparnis, die Unkelbach durch die Digitalisierung erfährt, könne er zwar nicht konkret beziffern – „schließlich fehlt mir ein Vorher-Nachher-Vergleich“ –, aber allein von der Onlineterminvergabe profitiere er erheblich: „Ich habe in meiner Münchner Praxis in der Woche etwa 200 Patienten, und etwa ein Drittel davon vereinbart seine Termine dankenswerterweise online“, rechnet er vor. „Das bedeutet: 70 Patienten weniger, die anrufen, und mit denen man fünf, manchmal vielleicht zehn Minuten am Telefon gemeinsam nach einem Termin suchen muss.“ Das sorge nicht nur für Ruhe in den Praxisräumen, es schaffe auch Zeit und spare personelle Ressourcen: „Umgerechnet sicher etwa eine halbe Arbeitskraft.“

Mediziner-Skype verringert Krankentransporte

Doch der digitale Umbruch bewirkt mehr als eine höhere Wirtschaftlichkeit in der Arztpraxis. Durch elektronische Vernetzung rücken auch Sektoren näher aneinander, wie ein von Hans-Jürgen Beckmann konzipiertes Programm zeigt: Der praktizierende Chirurg aus Bünde in Nordrhein-Westfalen hatte die Idee zu einer elektronischen Videosprechstunde, über die Ärzte – zumindest in Routinefällen – auch mit alten, bettlägerigen Patienten, etwa Heimbewohnern, sprechen und sie begutachten können, ohne dass diese zwingend den beschwerlichen Weg in eine Praxis antreten müssen. „Für alte, multimorbide, zum Teil auch demente Patienten ist es oft eine Qual, zu Arztterminen gefahren zu werden“, erklärte Beckmann kürzlich auf einer Telemedizintagung. Zudem seien lange Anfahrten und Wartezeiten für kurze Routinekontrollen auch grundsätzlich vergleichsweise aufwändig.

Gemeinsam mit seinem Sohn, einem Betriebswirt, und drei Informatikern hat Beckmann deshalb „Elvi“ entwickelt, ein Programm zur Videokonsultation: Internetgestützt und über eine Webcam wird vor der Konsultation eine direkte audiovisuelle Verbindung von Arzt zu Pflegekraft und Patienten aufgebaut. Dann können per Video-Chat Fragen geklärt, die Medikation besprochen und über die Kamera Körperstellen und Wunden des Patienten begutachtet werden. „Das funktioniert ohne Download und ohne Installation“, so Beckmann. Das Besondere: Neben der reinen Videotelefonie lassen sich auch Vitalparameter, etwa EKG-Werte, übermitteln.

Am Beispiel der Herzinsuffizienz, der am häufigsten diagnostizierten Erkrankung in Deutschland, rechnet Beckmann vor, wie Telemedizin Gesundheitskosten senken kann: „Insgesamt verursachen Herzinsuffizienzfälle in Krankenhäusern jährlich Kosten in Höhe von etwa drei Milliarden Euro, der Hauptteil davon – über 70 Prozent – in der stationären Behandlung.“ Hier liege der Schlüssel zur Kostensenkung: „Je früher herzinsuffiziente Patienten aus dem Krankenhaus in die ambulante Behandlung entlassen werden können, desto niedriger die Kosten.“ Dabei käme „Elvi“ zum Tragen: Der Arzt könne den Fortschritt des Patienten per Videoschalte begutachten – der Krankenhausaufenthalt zur Nachbeobachtung ließe sich so verkürzen oder werde sogar überflüssig. „Wenn dadurch die Kosten der Behandlung auch nur um ein Zehntel gesenkt werden, beträgt das Einsparpotenzial schon 300 Millionen Euro“, so Beckmanns Rechnung. „Und den herzinsuffizienten Patienten wird außerdem eine frühere Rückkehr in die eigenen vier Wände ermöglicht.“

Niedergelassene Ärzte nutzen digitale Angebote sehr selten: Nur drei Prozent verwenden die Online-Patientenakte, sieben Prozent haben einen Auftritt in sozialen Netzwerken.

Testmarkt für „Elvi“ war zunächst der regionale Ärzteverbund „MuM – Medizin und Mehr“, ein Netzwerk aus 53 Haus- und Fachärzten, dessen Vorsitzender Beckmann ist. Mittlerweile nutzen das Produkt mehr als 180 Ärzte und acht Seniorenheime in Nordrhein-Westfalen. In den Einrichtungen kommt das Arzt-Patienten-Pfleger-Skype vor allem zur Absprache von Medikationsanfragen zum Einsatz (41 Prozent), wie eine von Beckmann initiierte Umfrage ergab, aber auch für die Beurteilung chronischer Wunden (31 Prozent) sowie für die interdisziplinäre Fallbesprechung (27 Prozent). Finanziell lohnt sich die Telekonsultation auch: In einem Zeitraum von zehn Monaten konnten die Heime laut Beckmanns Angaben knapp 17.000 Euro an Transportkosten sparen, weil viele Arztbesuche entfielen, zudem Lohnkosten von 8.000 Euro, die für die Begleitung der Patienten zum Arzt angefallen wären.

Die Bereitschaft der Ärzte, sich der Telemedizin oder auch anderen digitalen Lösungen zu öffnen, steigt langsam. Doch zweifelt nach der Hartmannbund-Umfrage noch immer jeder zweite Arzt daran, dass die digitalen Anwendungen schon praxisreif sind. Auch der Arzt und Start-up-Gründer Beckmann beobachtete anfangs sowohl unter seinen Kollegen als auch den Pflegekräften eine gewisse Unsicherheit, seine Software zu nutzen. „Unsere Erfahrung zeigt aber: Mit der Gewöhnung an die Technik sinkt die Hemmschwelle, sie anzuwenden.“

Abschied vom Klemmbrett

Kaum noch Berührungsängste beim Umgang mit digitalen Lösungen und entsprechender Hardware gibt es dagegen bei den Patienten. Das macht sich auch Marc Unkelbach zunutze. „Patienten, die neu zu uns kommen, geben wir ein Tablet in die Hand, über das sie, während sie im Wartezimmer sitzen, ihre Daten eintippen können.“ Vom klassischen Prinzip des papiernen Anamnesezettels auf einem Klemmbrett hat sich der HNO-Arzt verabschiedet. „Die Arzthelferin müsste ja dann anschließend die vom Patienten eingetragenen Daten händisch ins EDV-System übertragen – ein Arbeitsschritt, den wir uns sparen.“ Anfangs äußerten Kollegen Bedenken, warnten den Münchener Praxisgründer, er würde mit solch modernen Methoden die älteren Patienten vergraulen. „Aber schauen Sie sich doch die ältere Generation von heute an: Die können alle mit einem Tablet umgehen, nicht zuletzt, weil sie in der Lage sein wollen, sich Fotos von ihren Enkeln anzugucken“, sagt Unkelbach – und schiebt nach: „Wir sollten unseren Senioren mehr Modernität zutrauen.“

Auch Gesundheits-Apps werden immer häufiger von Patienten verwendet, wie diverse Studien, zuletzt etwa der 6. E Patient-Survey 2017, eine Onlinebefragung unter 11.000 Internetnutzern, zeigen. Besonders gefragt sind Gesundheitscoaching-Programme und Apps zum Einholen einer Zweitmeinung, so das Ergebnis der Studie. Bemerkenswert: 70 Prozent der Befragten sind nicht nur bereit, ihre Vitaldaten mit Arzt und Klinik zu teilen, 75 Prozent wollen die Empfehlungen der App auch ganz gezielt mit ihrem Arzt besprechen, sie also nicht ungefragt übernehmen und umsetzen.

Folgerichtig wünschen sie sich hierbei, aufgeschlossene Mediziner, die bereit sind, sich auf Ergebnisse einer digitalen Anwendung einzulassen. Ein Viertel der Ärzte gab in der Hartmannbund-Umfrage an, bereits von ihren Patienten auf eine Health-App angesprochen worden zu sein. Schon heute werde das „Smartphone als Stethoskop des 21. Jahrhunderts angesehen“, so der Ärzteverband. Dennoch steht nur knapp etwas mehr als die Hälfte der Mediziner (53 Prozent) diesen Mini-Anwendungen positiv gegenüber. Auch dass sich Patienten vor dem Arztgespräch über das Internet informieren, finden zwei Drittel der Ärzte „anstrengend“. Richtig ist aber auch: Viele erkennen, dass diese aufgeklärten Patienten beim Heilungsprozess oft therapietreuer mitarbeiten und auch ärztliche Ratschläge besser einhalten. Und jeder zweite Arzt räumt sogar ein, dass ihm gerade durch den Austausch mit gut informierten Patienten etwas besonders Wertvolles widerfahren sei: Er habe – dazugelernt.

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